das andere Leben lässt sich so wenig etwas darüber hinaus denken als über den Urgrund alles Seins."
Ernst wandte noch schnell ein: "und doch spreche man von Fortdauer und wolle mit diesem Zeitpleonasmus alle Zeit vernichten; aber gesetzt, warum wolle man denn vor der Ewigkeit vorher, für welche Millionen Jahre nicht mehr wären als achtzig, uns nur letzte, nicht auch die Millionen zugestehen?" Ich musste dies einräumen und sogar noch fester machen, indem ich versetzte: "dies komme denn und Trillionen dahinter; denn so gut der Schöpfer hier unsere Spielund Laufbahn über eine Erde gehen liess, so kann er sie noch über tausend Erden ziehen, nur muss der Weg ein Sonnenziel haben, oder wir jagen ewig einem rükkenden Regenbogen nach."
Wir waren nun einander freundlich, wie vorher feindlich, nähergerückt und hörten auf mit Recht; ein solcher Streit kann nur abgebrochen, nicht abgeschlossen werden, er lässt, wie die ganze Philosophie, nur Waffenstillstände, nicht Friedenschlüsse zu. Alle Untersuchungen sollten daher wie die platonischen und lessingischen poetisch, nämlich dramatisch sein, damit sich hinter dem Reichtum der Ansichten die Ansicht des Autors versteckt erhielte, weil der blinde Gläubige so gern und zuerst diese als eine Autorität aufsucht und annimmt, um sich dann in ruhigem Besitze aller übrigen nur zu deren Verteidigern und Geschäftträgern statt zu Richtern zu machen.30
Ich wende mich wieder zur geschichte, die freilich in so vielen Schlussketten kaum drei Schritte tut. Ich und die alte fromme Mutter hatten uns beredet, den Jüngling zum Geburttag, wie den Montaigne, mit Musik zu wecken, womit sich andere einschläfern. Bloss mit einer Flöte wollt' ich ihn herausblasen aus dem dunklen Reich. Am Morgen, da ich diese in die Hand genommen, kam schon seine verlobte Ernestine angerollt, welche deshalb die ganze Nacht gefahren war. Es stand noch nichts weiter vom Morgen am Himmel – nicht drei Auroras-Sonnenblumen – als der kühle weisse Morgenstern. Aber der WiegenfestSchläfer, den ich ins Leben blasen wollte, war gar noch nicht daraus gekommen, sondern hatte die Nachmitternacht und den Vormorgen im Freien verwacht. Wir hatten aus der Ernestinischen Überraschung eine noch schönere für ihn bilden wollen, und glaubten uns durch eine schlimmere um jede andere gebracht.
Ich sucht' ihn im Park und fand ihn endlich, doch im – Schlafe; er hatte sich auf der anmutigsten Moosbank gesetzt, wahrscheinlich um der Nachtigall und der Kaskade hinter seinem rücken zuzuhören und den Strom und den Morgen vor sich zu sehen, aber der Abendkrieg und die Morgenkühle und Sonnennähe hatten wieder die Sinnentore langsam zugezogen. Das Morgenrot glühte auf seinem gesundroten Gesicht, und Träume zitterten durch die zarten Fibern. Ernestine allein stellte sich mit Augen voll Freudentropfen vor die ruhige Gestalt. Ich fing von ferne leise Flötentöne an, die noch wie Mattgold in seine Traumaurora zu verweben waren. Die Sonne brannte immer heller ins Morgengewölk hinauf. Plötzlich regt' er bange die arme – seine Lippe zuckte – sein Augenrand quoll weinend über – die Flötentöne bebten auf seinen Zügen nach. – Da fürchtete Ernestine, ihn quäle ein harter Traum; sie winkte mir, ihn mit Tönen zu erlösen, und legte, seine hände nehmend, ihre schöne Wange leise an seine Brust. Er fuhr aus dem Traum – er sah Ernestine gross an und kam, als gehöre sie in den Traum-Wahnsinn, durch ihr freundliches liebes Antlitz wieder in denselben zurück – bis ihn endlich das Wort und das Licht zu allen Freuden wach und lebendig machte.
Hört nun seinen Traum.
Der Tod in der letzten zweiten Welt
Endlich sind wir im Vorhofe der Ewigkeit und sterben nur noch einmal, sagten die Seelen, und dann sind wir bei Gott. Aber wie rinnend und flatternd ist das Land der Seelen! Im ganzen Himmel waren Sonnen, die ein Menschenantlitz hatten, umhergelegt, sie sahen uns bloss mit einem Mondlicht an, eine nach der andern ging bloss in der Höhe unbegreiflich unter, aber an keinem Erdenrand und wurde vorher ihre eigne Abendröte. jetzt sind nur noch tausend Mondsonnen lebendig, sagten wir; wenn die letzte im Zenit einsinkt, so geht Gott auf und tagt. Nach jeder versiegten Sonne wurden unsere Gestalten verkleinert. Wir sind doch keine Träumer mehr wie auf der Erde, sondern schon Nachtwandler, und wir müssen bald erwachen, sagte ich; ja, wenn wir aber erst kleine Kinder sind, sagten die andern. Die Körperwelt wurde immer flüssiger und rann leicht. Mit blossen Gedanken bogen wir goldne Bäume nieder und rückten Gartenberge von tauigen Auen weg. Ein Eisberg, aus dichtem Mondlicht gegossen, stand mitten unter Rosen, ich nahm meine Gedanken und löste ihn auf und goss ihn gleissend über die breite Rosenflur. Ich stand vor einem glatten blauen Palast ohne Tore, und mein Herz klopfte sehnsüchtig davor; siehe, wie vor dem Erdbeben Türen aufspringen und Uhren schlagen, so tat sich vor meinem Herzklopfen der Tempel auseinander; siehe, mein Erdenleben blühte darin an seinen Wänden, in Bilderchen angemalt, kleine Harmonikaglöckchen schlugen meine Jugendstunden nach; und ich weinte, und ein alter Erden-Garten war an der Wand, und ich rief: schon darin, schon in jenen grauen zeiten drunten sehnte sich dein armes Herz wie jetzt, ach, das wird lange!
Da segelte die weissschuppige endlose Schlange durch die hohen Blumen an mich heran, um sich unaufhörlich um mich zu gürten, aber ich nahm unter ihrem Aufsprunge meine Gedanken und wand die Schlange unausgesetzt als Perlenschnur um