höchstens den besten heimlich darleiht. Unser armes, wunden-volles Herz habe sich auch nach allen Seiten noch so oft wieder geschlossen, so bleibt doch daran eine angeborne Wunde offen, die nur in einem andern Elemente des Daseins zufällt, wie sich am ungebornen Kinderherzen die eiförmige Öffnung erst verschliesset, wenn es ein leichteres Leben atmet. Darum wendet sich ja unsere obere Blattseite, wie bei Blumen, sooft man sie auch gegen den irdischen Boden umdrehe, immer wieder gegen ihre Himmelseite herum."
"Angeborne Wunde!" wiederholte der Jüngling mit einem Seufzer. "Unsere Wunde oder unser Himmel ist offen," sagt' ich angefeuert, "dies ist eins und kein Wortspiel. Oder soll der Tod auch in jener Welt uns wie sklavische Krieger immer wieder von neuem einquartieren? – Wir, jetzt der Libellen-Nymphe gleich, deren vier Flügel sichtbar in den Scheiden kleben, sollen einmal nur neue Scheiden aus alten ziehen und dieses Ausscheiden Fliegen heissen? Und wenn wir, vor der Sündflut des Irdischen uns rettend, zu heiligern Bergen geflohen, sollen wir auf jedem wie auf dem Pilatusberge wieder einem See begegnen? Und die Ewigkeit wäre bloss ein ewiger Vorhalt auf der Dissonanz?"
Jetzt kam der Jüngling durch mich zu sich, und er fragte mich kalt: "Demnach müsste ich doch irgendeine Original-Vorstellung vom andern Leben geben können; weil nur dieses Urbild jedes Urteil über ein Nachbild rechtfertigen könne." –
Ich antwortete: Könnt' ich das künftige Leben beschreiben, so hätt' ich es und der, der mich verstände; der neugeborne Säugling aber drängte sich durstend nach einer Kost, die er nicht chemisch prophezeien könne, und die doch der Instinkt verbürge und treffe. Von der andern Welt sprechen wir jetzt wie Blinde vor dem Starstechen von der sichtbaren – alle Malereien ihres Morgenrots würden wie bei jenem Blinden auf Definitionen vom Trompetenton hinauslaufen.
Hier spräche aber – versetzte der Jüngling – der Blinde doch nur zum Blinden, und Ähnliches orientierte sich durch Ähnliches. Aber eben darum, da kein Sinn durch die vier andern (und hier sollen sie gar über Nicht- und Über-Sinne richten) gegeben sei, und das so wenig, z.B. durch alle Farbenebenen ein Ton, dass wir diesen für ein Ich unter den sprachlosen Flächen halten würden, wenn sich nicht Geruch, Geschmack, Gefühl ebenso schneidend und selbständig wie der Ton von den Farben schieden; und da doch diese fünf unähnliche Weltteile sich zusammenknüpften und unterstützten: so sei aus ihrer irdischen Entfernung von einem künftigen sechsten, siebenten u.s.w. gar nichts gegen das Dasein und Verhältnis eines ähnlich-unähnlichen eben besagten sechsten, siebenten u.s.w. zu folgern; umgekehrt vielmehr alles dafür.
Das war etwas, und doch nur einseitig und halbseitig. "Das Herz", sagt' ich, "braucht aber etwas anderes als Sinnen; man geb' uns tausend neue: der Lebensfaden bleibt doch auf dieselbe Weise leer-verglimmend, der leichte Punkt des Augenblicks lodert an ihm hinauf, und der lebendige Funke läuft zwischen dünner Asche und leerer weisser Zukunft. Die Zeit ist ein Augenblick, unser Erden-Sein wie unser Erden-gang ein Fall durch Augenblick in Augenblick. Unser Sehnen wird uns für dessen Gegenstand, so wie der wirkliche Durst im Traum für sein wirkliches Löschen im Wachen, Bürge, sooft auch der Traum mit geträumtem Trinken hinhalte. Ja diese Ähnlichkeit wird Gleichheit; denn gerade dann, wann dieses Leben am reichsten austeilt, z.B. in der Jugend, und wie eine Sonne uns mit Morgenrot und Mittaglichtern und Mondschein blendet, gerade dann, wenn das Leben unsere höchsten Wünsche ausfüllt, da erscheint das fremde Sehnen am stärksten, und nur um ein ebenes Paradies des Erdbodens wölbt sich der tiefe gestirnte Himmel der sehnsucht am grössten. Woher dies sogar bei den geistigsten Seligkeiten? Eher sollte man das Sehnen erwarten von der Leere."
– "Die sehnsucht konnte ja ihr eigener Gegenstand sein"- versetzte Ernst.
"Ich begehre" (antwortete ich gleichsam zur Parodie) "keine Antwort auf meine Frage, ob man nach Dürsten dürsten würde, ohne getrunkenes oder zu trinkendes wasser: sondern Sie fahren fort."
"Ich antwortete eben," – versetzte er – "dass, wenn wir nach Ihren Behauptungen mit der ganzen sogenannten andern Welt schon in der hiesigen leben und ausdauern und jene als einen himmlischen Regenbogen des Friedens schon über diese spannen: so könnte sich dies ja so fort vererben von Erde zu Erde (wir brächten immer die andere Welt dahin mit)."
"Dann", erwiderte ich, "wär's einerlei, wo man lebte, und kein Weiser könnte etwas Höheres verlangen vom Leben, als es fort zu erleben, d.h. neue Geburttage."
"Sehen wir uns denn wieder, wenn wir aus der Zeit in die Ewigkeit gehen?" fiel die liebe Mutter ein; denn das liebende Herz der Weiber sucht in der Zukunft zuerst das Geliebte; daher hört man diese sorgende Frage nach Wiedersehen zuerst von ihnen. "Was göttlich ist an der Liebe, das kann nie untergehen," sagt' ich, "oder sonst, da das Irdische ohnehin vermodert, bliebe gar Nichts. Aber der altchristliche Ausdruck: aus der Zeitlichkeit in die Ewigkeit, das ist der rechte; hinter dem Leben gibts keine Zeit, so wenig wie vor dem Leben; über