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Fieber; – venienti aber, sage man, currite morbo, d.h. man gehe doch dem herkommenden Lumpen entgegen und schenk' ihm einen heller, das treueste Geld, das kein Fürst sehr herabsetzen könne.

Bloss seine einzige Tochter Teoda, in der er ihres Feuers wegen als Vater und Witwer die vernachlässigte Mutter nachliebte, regte er häufig an, dass sieum etwas Angenehmeres zu sehen als Professoren und ProsektorenTeegesellschaften, und zwar die grössten, einlud. Er drang ihr aber nicht eher diese Freude auf, als bis er durch Wetterglas, Wetterfisch und Fussreissen sich völlig gewiss gemacht, dass es gegen Abend stürme und giesse, so dass nachher nur die wenigen warmen Seelen kamen, die fahren konnten. Daher war Katzenbergers Einwilligen und Eingehen in einen Tee eine so untrügliche Prophezeiung des elenden Wetters als das Hinuntergehen des Laubfrosches ins wasser. Auf diese Weise aber füllte er das liebende Herz der Tochter aus; denn diese musste nun, nach dem närrischen Kontrapunkt und Marschreglement der weiblichen Visitenwelt, von jeder einzelnen, die nicht gekommen war, zum Gutmachen wieder eingeladen werden; und so konnte sie oft ganz umsonst um sieben verschiedne Teetische herumsitzen, mit dem Strumpf in der Hand. Indes erriet die Tochter den Vater bald und machte daher ihr Herz lieber bloss mit ihrer innersten einzigen Freundin Bona satt.

Auch für seine person war Katzenberger kein Liebhaber von persönlichem Umgang mit Gästen: "Ich sehe eigentlich", sagte er "niemand gern bei mir, und meine besten Freunde wissen es und können es bezeugen, dass wir uns oft in Jahren nicht sehen; denn wer hat Zeit? – Ich gewiss nicht." Wie wenig er gleichwohl geizig war, erhellt daraus, dass er sich für zu freigebig ansah. Das wissenschaftliche Licht verkalkte nämlich seine edlen Metalle und äscherte sie zu Papiergeld ein; denn in die Bücherschränke der Ärzte, besonders der Zergliederer, mit ihren Foliobänden und Kupferwerken leeren sich die Silberschränke aus, und er fragte einmal ärgerlich: "Warum kann das Pfarrer- und Poetenvolk allein für ein Lumpengeld sich sein gedrucktes Lumpenpapier einkaufen, das ich freilich kaum umsonst haben möchte?" –

Wenn er vollends in schönen Phantasien sich des Pastors Göze Eingeweidewürmerkabinett ausmalteund den himmlischen Abrahams-Schoss, auf dem er darin sitzen würde, wenn er ihn bezahlen könnteund das ganze wissenschaftliche Arkadien in solchem Wurmkollegium, wovon er der Präsident wäre –, so kannte er, nach dem Verzichtleisten auf eine solche zu teuere Brautkammer physio- und patologischer Schlüsse, nur ein noch schmerzlicheres und entschiedeneres, nämlich das Verzichtleisten auf des Berliner Walters Präparaten-Kabinett, für ihn ein kostbarer himmlischer Abrahams-Tisch, worauf Seife, Pech, Quecksilber, Öl und Terpentin und Weingeist in den feinsten Gefässen von Gliedern aufgetragen wurden samt den besten trockensten Knochen dazu; was aber half dem anatomischen mann alles träumerische Denken an ein solches Feld der Auferstehung (Klopstockisch zu singen), das doch nur ein König kaufen konnte?

Der Doktor hielt sich daher mit Recht für freigebig, da er, was er seinem mund und fremdem mund abdarbte, nicht bloss einem teuern Menschen-Kadaver und lebendigen Hunde zum Zerschneiden zuwandte, sondern sogar auch seiner eignen Tochter zum Erfreuen, soweit es ging.

Diesmal ging es nun mit ihr nach dem Badorte Maulbronn, wohin er aber reisete, nicht um sichoder siezu baden, oder um da sich zu belustigen, sondern sein Reisezweck war die

2. Summula

Reisezwecke

Katzenberger machte statt einer Lustreise eigentlich eine Geschäftreise ins Bad, um da nämlich seinen Rezensenten beträchtlich auszuprügeln und ihn dabei mit Schmähungen an der Ehre anzugreifen, nämlich den Brunnen-Arzt Strykius, der seine drei bekannten Meisterwerkeden Tesaurus Haematologiae, die de monstris epistola, den fasciculus exercitationum in rabiem caninam anatomico-medico-curiosarum3nicht nur in sieben Zeitungen, sondern auch in sieben Antworten oder Metakritiken auf seine Antikritiken überaus heruntergesetzt hatte.

Indes trieb ihn nicht bloss die Herausgabe und kritische Rezension, die er von dem Rezensenten selber durch neue Lesarten und Verbesserung der falschen vermittelst des Ausprügelns veranstalten wollte, nach Maulbronn, sondern er wollte auch auf seinen vier Rädern einer Gevatterschaft entkommen, deren blosse Verheissung ihm schon Drohung war. Es stand die Niederkunft einer Freundin seiner Tochter vor der tür. Bisher hatte er hin und her versucht, sich mit dem Vater des Droh-Patchens (einem gewissen Mehlhorn) etwas zu überwerfen und zu zerfallen, ja so gar dessen guten Namen ein bisschen anzufechten, eben um nicht den seinigen am Taufsteine herleihen zu müssen. Allein es hatte ihm das Erbittern des gutmütigen Zollers und Umgelders4 Mehlhorn nicht besonders glücken wollen, und er machte sich jede Minute auf eine warme Umhalsung gefasst, worin er die Gevatterarme nicht sehr von Fangkloben und Hummerscheren unterscheiden konnte. Man verüble dem Doktor aber doch nicht alles; erstlich hegte er einen wahren Abscheu vor allen Gevatterschaften überhaupt, nicht bloss der Ausgaben halberwas für ihn das Wenigste war, weil er das Wenigste gab –, sondern wegen der geldsüchtigen Willkür, welche ja in einem Tage zwanzig Mann stark von Kreissenden alles Standes ihn anpacken und aderlassend anzapfen konnte am Taufbecken. Zweitens konnte' er den einfältigen Aberglauben des Umgelders Mehlhorn nicht ertragen, geschweige bestärken, welcher zu Teoda, da unter dem Abendmahl-Genuss gerade bei ihr der Kelch frisch eingefüllt wurde5, mehrmal listig-gut gesagt hatte: "So wollen wir doch sehen, geliebts Gott, meine Mademoiselle, ob die Sache eintrifft und Sie