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zu haben. Indes, so wie ein Lasterhafter im ganzen Himmel kein Vergnügen fände, so würde ein Hungerleidervoll grober Begierdenin einer ganzen Garküche voll Schaugerichte keine Sättigung gewinnen; er muss erst veredelt (oder gesättigt) sein. Gebildete Damen haben meist den irdischen Magen dermassen ertötet, dass sieso wie Christus, nach dem Clemens von Alexandrien, Essen genoss, nicht weil er es brauchte (eine himmlische Kraft macht' ihn satt), sondern um sich nicht das Ansehn eines Scheinkörpers zu gebendass, sag' ich, die Damen gleicher Weise grobe Sachen essen, nicht um satt zu werden (Schaugerichte beköstigen sie genug), sondern um zu zeigen, dass sie selber keine Schau- oder Schein-Körper sind, um so mehr, da ihre Pariser Scheu- oder Schein-Wangen, Schein-Adern undHaare so leicht diesen Irrtum weitersäen.

Und so wird denn der selige Magen vor uns einst die irdischen Schlacken abschütteln und geläutert erwachen und im Anschauen ewiger Küchenstücke leben. – – So weit war Dr. Fenk, als der Pater Küchenmeister aus Bosheit den Schirmer mit einem Tritt auf den Schwanz erweckte und ihm ein leeres Markbein zuwarf, so dass der Hund anfing, mit dem Bein im Maul herumzugehen. Inzwischen da der Leichenredner nur noch fünf bis sechs Kadenzperioden nachzutragen hatte, so ging er lieber fortfahrend hinter dem Tiere nach und sagte: "Und wir, wenn wir Landes-Waisen einst unserm hohen Magen wieder begegnen und ihm danken wollen für" – – Da aber der Hund, voll Verdruss über das Nachsetzen, vielleicht präsumierend, der Redner woll' ihm den Knochen nehmen, zu murren anfing und sich wehren wollte: so fiel die Sache ins Lächerliche, und selber der Parentator musste mitten im Jammer lachen und brach ab.....

V.

Über den Tod nach dem tod; oder der Geburttag

Das Schloss des Jünglings, dessen Taufname Ernst uns genügen mag, ruhte einem grossen englischen Garten im Schoss, und der Garten wieder einer stolzen Ebene voll Berghäupter. Darin sollte sein Geburttag von seiner Mutter, von mir undwenn sie noch morgens kämevon seiner Verlobten schön gefeiert werden; auch niemand hatte etwas darwider, ausgenommen der Festeilige selber. Ich nenn' ihn so, weil er oft sagte: er wünschte um keinen Preis irgendein Schutzheiliger oder gar die Maria zu sein, wenn er an seinem Namenstage das widrige Preisen und Posaunen der Menschen im Himmel hören müsste; wiewohl es mit dem Allerheiligstenoder richtiger mit dem Alleinheiligennoch schlimmer stehe. Ordentlich mit der Härte des Egoismus gegen Feindseligkeiten konnte' er Freundseligkeiten anfallen und berennen; ein Geburttag, sagt' er, wenn es nicht ein fremder wäre, sei vollends dumm. Lasset den Jüngling! Eine rechte Jungfrau ist euch eine Heilige, warum nicht der rechte Jüngling ein Heiliger? – Beide sind unschuldige höhere Kinder, denen nur nach der Laubknospe auch die Blütenknospe zerspringt. Ein Jüngling ist ein LebensTrunkener, und darum glüht erwie einer, der sich durch physische Trunkenheit die jugendliche zurückholtvom Wangen- und vom Herzensfeuer des Mutes und der weichsten Liebe zugleich. Die menschliche natur muss tiefgegründete Güte haben, da sie gerade in den beiden Zuständen des Rausches, die sie verdoppeln und vor den Vergrösserspiegel bringen, statt vergrösserter Mängel nichts entüllt als das Schönste und Beste gereift, nämlich Blume und Frucht, Liebe und Mut.

Der schön-widerspenstige Jüngling, der, wie meistens Jünglinge, nichts von seinem morgendlichen Wiegenfeste wusste, sollte am Morgen von der Ankunft seiner Verlobten und seines Festes zugleich überrascht werden mit einer neuen hellen Welt; wir sprachen zusammen tief in die Nacht, aber gespräche an dem Vigilien- und heiligen Abende einer geschlossnen Lebensfrist werden leicht ernst. Unversehends hatten wir uns wieder in den Staub unsers alten Kampfplatzes verlaufen; er behauptete: man werde in der zweiten Welt wieder sterben und in der dritten u.s.w. Ich versetzte, man müsste gar nicht sagen zweite, sondern andere Welt; – nach dem Zerbröckeln unseres körperlichen Rindenhauses sei ja die sinnliche Laufbahn abgeschlossen, die Erwartung einer neuen sinnlichen, gleichsam ihrer Wiederholung in einer höhern Oktave, werde bloss von der Phantasie untergeschoben, die ihre Welten nur mit den Armen der fünf Sinne baue und halteund wir dächten wie die sinesischen Tataren, die ihre Toten mit goldpapierenen Häusern und Gerätschaften, im Vertrauen auf deren Verwirklichung droben, aussteuern, und besonders sei die Seelenwanderung ausserhalb der Erde durch die Leiber auf andern Sternen ganz unstattaft, schon nach Seite 106 im Kampanertal.

Ernst warf mir den ganzen rein-blauen Sternenhimmel vor uns ein, dessen Welten ja ein solcher jüngster Tag unseres Todes alle so einschmelze, dass aus dessen ganzer versperrter Unendlichkeit uns bloss das einzige Erd-Sternchen wäre offen geblieben. Ich antwortete: dies folge zwar nichtda wir nicht alle Wege der Erkenntnis neben unsern fünfen kennen, und da wir Blindgeborne die Sonne durch den Tod der Gefühlnerven verlieren, und doch durch das Erwecken der Sehnerven wieder bekommen können –; aber gesetzt, so sei es, so wären wir dann nur ebenso von den Welten wie jetzt von den zahllosen Jahrtausenden vor uns geschieden. – Hingen die Sterne näher und als Erdmassen vor uns, oder sähen wir ausser denen droben zugleich die drunten: so wäre man schwerlich auf die Hoffnung dieser himmlischen Völkerwanderungen verfallen und hätte unserer heiligsten sehnsucht nicht die Richtung nach einer bloss metaphorischen Höhe gegeben