1809_Jean_Paul_057_21.txt

kürzte aus dichterischer Weichlichkeit alles Reise-Gezänk durch Doppel-Gaben ab, um auch die kleinsten Himmelstürmer von seinem Freuden-Himmel fernzuhalten. "Ohnehin" – sagte der Doktor – "müss' er in Fugnitz eine neue Scheide für seinen gefährlichen Giftpfeil machen lassen; und er reise ja überhaupt nur nach dem BadNeste, um da einen unreifen Rezensenten, den er nicht eher nenne, bis er ihn injuriert habe, auf jene Weise zu versüssen, wie man nach Doktor Darwin unreife Äpfel süss mache, nämlich durch Zerstampfen; wiewohl er sich beim mann nur auf Prügel einschränke."

(Fortsetzung im zweiten Bändchen)

Werkchen

I.

Huldigungpredigt vor und unter dem Regierantritt der

Sonne10, gehalten am Neujahr 1800 vom

Frühprediger dahier

Da unsere Zarin, liebe Mituntertanen und Erdsassen, sich erst um 8 Uhr 15 Minuten 2 Sekunden zu uns erhebt: so kann ich vorher ein vernünftiges Wort mit euch reden.

Nach diesem Exordium schreit' ich zu den Teilen; denn ein längeres oder gar doppeltes ist nicht möglich, da ich genug werde zu tun haben, wenn ich von 7 3/4 bis 8 Uhr den ersten teil und in der zweiten Viertelstunde den zweiten so durchtreiben will, dass ich bei dem ersten Strahle unserer Regentin vor der Nutzanwendung halte.

Der erste teil soll diese loben, der zweite euch, liebe Zuhörer, heruntersetzen, indes mässig.

I. Viertelstunde und Pars. Wenn das politische und das Schachspiel von 2 Meistern gespielet werden, so bleiben zuletzt die Bauern auf dem Brett. Ich beweise dieses so gern als ein anderer; aber warum ist das 18te Jahrhundert so sehr auf die Fürsten erboset, die stets ein wenig besser sind als ihre Hofleute, indes wieder diese nichts schlimmer als Weltleute, die wieder nichts anders sind als eben die Elementargeister und Oberlogenmeister des Jahrhunderts selber? Das einzige, was das Säkulum für seine Angriffe auf Fürsten anführen kann, sind die Engländer, die im Seegefecht zuerst das Admiralschiff berennen, um die Signale und das Kommando zu verwirren.

Ebenso sind die meisten Kalendermacher gegen die mutschierende Regierung der sieben Kron-Planeten aufgestanden und haben viele Kalender hinten revolutioniert. natürlich setzten sie auch die heutige Landesmutter11 ab; aber der Huldigung-Prediger dieses lacht über den Aktus, weil er weiss, dass diese Louise XVIII. doch fortregieren und Anziehkräfte zeigen werde, sie mag im astronomischen Staatkalender stehen oder nicht. Die morgenländischen Fürsten erkennen sie noch an und nennen sich ihre Vettern; ja, ein tartarischer zeigt der Base den Fürstenweg, den sie täglich nehmen muss.

Gelehrten ist wohl nichts an einem Regenten wichtiger, als dass er sie beschützt und pensioniert; und falls ein gekrönter Brotdieb des Landes nur ein guter Nutritor der Akademien und Akademisten ist, so weiss jeder Dekan, dass ein Fürst ein Mensch ist, und mutzt ihm nicht alles auf. Einmütig wird nun von den Gelehrten hienieden unsere neue Regentin erhoben. In ihrer Jugend privatisierte sie, als Amazone verkleidet, lange in Griechenland; und noch führt sie den Namen Apollo. Viele Länder wurden über das Geschlecht dieser Ritterin d'Eon irre, wiewohl man aus dem jungfräulichen Gefolge der neun Musen oder filles d'honneur und aus der schönen jugendlichen unbärtigen Gestalt dieses Apollo leicht hätte merken können, wieviel Uhr es sei. Sie machte übrigens in Griechenland, wie mehre ihres hohen Standes, nicht die besten Verse (weil in den Orakeln der Stoff über die Form vorsprang), aber doch die besten Versmacher. Da erfand sie den Lorbeer, um uns etwas, wenn auch nicht in die arme, doch auf den Kopf zu geben und uns auf diese Weise fürstlich zu belohnen. Manchen armen Teufel von Gelehrten hält sie noch ein ganzes halbes Jahr licht- und holzfrei. Dieselben Verse, wofür der neidische Nero den Lukan umbrachte und Alexander den Chörilus, hatte sie beiden in die Feder gesagt; – wie ganz anders als jene Regenten führte sich diese Frau auf, oder als der Mischling aus beiden, Ludwig XIV., der seine Übersetzung des Cäsars so wie seine Feldzüge durch andere machen liess! Und schickt unsere Zarin nicht eben die Kalender, die ihr nach der Krone streben, ihren Vasallen zu, wie der sinesische den seinigen? – Bode in Berlin soll reden!

Als Apollo nahm sie längst den medizinischen Doktorgrad an. Die gallischen und englischen Könige legten sich nur auf die Kur des Stammelns und des Kropfes; aber sie heilt als Magnetiseur fast alles von weitem durch Ansehen und ist in der Pest der einzige Pestilenziarius. Ich könnte noch rühmen, dass sie die Medizin-Kiste auf dem Erdenschiffe selber füllt, welches wenig Ärzte tun.

Ich kenne keine Fürsten, die mit ihr, dieser Himmelkönigin, zu vergleichen wären. Die asiatischen und mexikanischen können in Gnadensachen der Witterung, um welche das Land bei ihnen nachsucht, nicht eher resolvieren, als bis sie solche selber erst von der Landesherrin ihrer Sonnenlehne erhalten haben.

Sie macht sich alles selber; sowohl die Rosen, welche der Papst den Erden-Vizekönigen weiht und schickt, als ihre Kammermohren färbt sie eigenhändigsie macht sich ihr Prinzessin-Waschwasserihren glänzenden Sonnenhofdie donnernden EhrenSalven und bunte Ehrenpforten abends nach ihren arbeitenja sogar die in den Weg gestreuten Blumen, wozu die Landleute noch ihre Koller und Roben unterbreiten.

Es ist mir so gut wie einem bekannt, dass König Ninus sagte, er habe nie die Sterne gesehen; aber dasselbe kann unsere Neugekrönte von sich rühmen, ja sie löschet sogar alle die