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sich einem Hasen näher tanzt, bis der Hase selber in den Tanz einfällt, worauf der Fuchs ihn leicht in Totentänze hineinzieht.8 Er stieg dann aushielt ein zweiköpfiges Goldstück bloss zwischen Mittelfinger und Daumen am rand, um es mehr zu zeigen, und um nichts vom Folien-Golde wegzureibenund war jedes Wortes gewiss, das er sagen wollte. Er konnte sich aber beim Eintritte nicht viel Vorteil für seine Anrede oder Benevolenz-Kaptanz von dem Umstande versprechen, dass gerade das Subjekt9 und der Provisor giftigen Bilsensamen in Mörser stampften; da nach allen Giftlehrern dieses Giftkraut unter dem Stossen und Kochen den Arbeiter unter der Hand in ein toll-erbostes, bissiges Wesen umsetzt. Indes fing ermit dem Goldstück in der Hand, wie ein venedischer Sbirre mit einem auf der Mützesein freundschaftliches Anreden mit Vergnügen an, weil er wusste, dass er stets mit der sanften Hirtenflöte den, dem er sie vor tauben Ohren blies, leicht hinter dieselben schlagen konnte.

"Herr Amtbruder," sagt' er "meine de monstris epistola (Sendschreiben über Missgeburten) kennen Sie wahrscheinlich früher als irgendein Protomedikus und Obersanitätrat in ganz grösseren Städten; sonst hätten Sie sich vielleicht weniger auf Missgeburten gelegt. Ihr Monstrum, gesteh' ich Ihnen gerndenn es ist zu sehr gegen meine Sinnes Art, etwas herabzusetzen, bloss weil ich es erhandeln will –, ist, wie Sie selber trefflich sagten, ein curiosum; in der Tat ist Ihr Dioskuren-Hase (Sie verstehen mich leicht) wie ein Doppel-Adler gleichsam eine lebendige Sozietät-Insel, ein zusammengewachsenes Hasen-tête-à-tête. Sie wissen alles, wenn nicht mehr. Sie sehen aus meinem Goldstück in der Hand, ich gebe alles dafür; wär' es nur deshalb, um neben meiner Wissbegierde noch die des Fürsten im Maulbronner-Bad, meines intimen dicken Freundes, zu befriedigen; ich weiss zwar nicht, ob Sie bei ihm dabei verlieren, dass Sie den Doppel-Hasen früher aufgetrieben und besessen als ich; aber ich weiss, dass Sie dabei gewinnen, und dass ich ihm sagen werde, wie Sie sich schreiben, und dass nur Sie mir die Hasen abgelassen."

"Ich will jetzt das Goldstück wägen", versetzte der Apoteker und gab das Hasenpaar dem Provisor hin, der es mit vorfechtenden Blicken als Schutzheiliger auf- und abtrug. – Das Subjekt stiess feurig fort und sott ohne Not in eignen Augenhöhlen seine EiweissAugen krebsrot. – Der Prinzipal stand im feuernden Krebs als Sonne und zitterte vor Hast, als er die Goldwaage hielt. – Die ganze Apoteke war die Sakristei zu einer streitenden Kirche. –

Katzenberger aber zeigte sich mild und schien als kalte Sonne im Steinbock.

"Mein Gold", sagt' er, da es etwas in die Höhe ging, "ist wohl überwichtig; denn Sie halten nicht fest genug, und so fliegts auf und ab." –

– "Wenn nicht Harn dran ist, ders schwer macht", sagte der Apoteker und berochs; worauf er das Goldstück versuchweise ein wenig am Oberrockfutter zu scheuern begann. Aber der Doktor fing seine Hand, damit er nicht die auf die Goldmünze aufgetragne Schaumünze wegfeile, und sagte ihm frei heraus: "er halte ihn zwar für den ehrlichsten Mann in der ganzen Apoteke, aber er könne deshalb doch nicht vergessen, dass in verschiedenen Leipziger und Frankfurter Messen Juden gestanden, welche ein feines Reibeisen im Unterfutter eingenäht getragen, womit sie unter dem Vorwande der Reinigung von den besten Fürstend'or Goldstaub abgekratzt und dann mitgenommen."

"Fremder Herr! Mordieu! Ihr Geld" (sagte der Mann) "wird ja immer leichter, je länger ich wäge. – Ein Ass ums andre fehlt."

"Wir wollen beide nichts daraus machen, Herr Amtbruder," – sagte der Doktor und klopfte auf dessen spitze Achsel – "sondern als echte Freunde scheiden, zumal da man hinter uns Bilsensamen stampft; Sie kennen dessen Einfluss auf Schlägereien, in denen ohnehin jeder Charakter, wie eine Sommerkrankheit, leicht einen gewissen biliösen oder gallichten Charakter annimmt. Wir beide nicht also!"

"Sacker, zehnmal zu leicht!" (rief der Apoteker, die Goldwaage hoch über den Kopf haltend) – "An keinen Hasen zu denken!"

Aber der Doktor hatte schon daran gedacht; denn er hatte den aufs Gespräch horchenden Provisor mit dem Schnabelstocke, den er als ein Kammrad in dessen Zopf eingreifen lassen, rückwärts auf den Boden wie in einen Sarg niedergelegt und ihm im Umwerfen die Missgeburt aus der Hand gezogen.

Wie ein Krebs trat er den Rückzug an, um mit dem Gemshornstock vorwärts in die Apoteke hineinzufechten. Der Landsturm darin organisierte sich bald. Wütig warf sich der Provisor herum und empor und feuerte (er konnte nicht wählen) mit Kräutersäckchen, Kirschkernsteinen, die erst zu extrahieren waren, mit alten Ostereiern voll angemalter Vergissmeinnicht dem Doktor auf die Backenknochen. – Der Apoteker hatte erstaunt das Goldstück fallen lassen und sucht' es unten mit Grimm. Das Subjekt stocherte mit dem Stössel bloss auf dem Mörserrand und drehte sich selber fast den Kopf ab, um mehr zu sehen. –

Unten schrie der gebückte Apoteker: "Greift den Hasen, greift den Hund!" – "Nur auf ein ruhiges Wort, meine Herren!" rief Katzenberger ausparierend. "Das Bilsenkraut erhitzt uns alle, und am Ende müsste ich hier gar als Arzt verfahren und dagegen rezeptieren