, und wir nichts? – Ach, wie könnte man einen Rousseau liebhaben, wenn er eine Frau wäre!
Gute Nacht, meine Seele! So viel Himmel, als nur hineingeht, komme in dein Herzchen!
T."
14. Summula
Missgeburten-Adel
Der Wirt, der die Gesellschaft immer hinter Büchern und Schreibfedern sah, vermutete, er könne sie als Ziehbrunnen benutzen und seinen Eimer einsenken; er brachte ein Werk in Folio und eins in Oktav zum Verkaufe getragen. Das kleinere war ein zerlesener Band von Teudobachs Teater. Aber der Doktor sagte, es sei kein Kauf für das Gewissen seiner Tochter, da das Buch vielleicht aus einer Leihbibliotek unrechtmässig versetzt sei. Auch fragt' er sie, ob sie denn nicht glaube, dass in Maulbronn der Dichter selber sie als seine so warme Anbeterin und Götzen-Dienerin mit einem schönen Freiexemplare überraschen werde, das er wieder selber umsonst habe vom Verleger. "Ich komme ihm zuvor," sagte Niess, "ich habe von ihm selber fünf Prachtexemplare zum Geschenk und gebe gern eines davon um den Preis hin, den es mich kostet." Teoda hatte Zweifel über das Annehmen, aber der Vater schlug alle nieder und sagte zum Edelmanne mit närrischen Grimassen: "Herr von Niess, ich mache von so etwas Geniessbaren Niessbrauch so wie von allen kostspieligen Auslagen, die Sie bisher auf der Reise vorschossen, weil Sie vielleicht wissen, dass ich ein schlechter Zahl- und Rechenmeister bin; aber am Ende der Reise, hoff' ich, sollen Sie mich kennen lernen." Niess bat Teoda in sein Zimmer zu folgen, wo er ihr vom Dichter vielleicht noch etwas Lieberes zu geben habe als das Gedruckte.
Er führte sie vor die oben gedachte Fensterscheiben-Inschrift. Als sie die Teudobachische Hand und die schönen Liebeworte erblickte und nun gewiss wusste, dass sie, den Boden und die Nachbarschaft mit ihrem Helden teilend, gleichsam in dessen Atmosphäre gekommen, wie die Erde in die der Sonne6: so zitterte das Herz vor Lust, und die Prachtausgabe verlor fast gegen die Fenster-Schrift. Niess sah das feuchte Auge und hielt sich mit Gewalt, um nicht mit dem Bekenntnis seines zweiten Namens ihr ans Herz zu fallen, aber ihre Hand drückte er heftig und malte gerührt den Teaterstreich am Fenster nicht weiter aus.
Beide gingen halb trunken zum Doktor zurück. Dieser hatte eben teuer den Folioband vom Wirte erhandelt, nämlich Sömmerings Abbildungen und Beschreibungen einiger Missgeburten, die sich ehemals auf dem anatomischen Teater zu Kassel befanden. Fol. Mainz 1791. Nicht nur das Paar, auch der Wirt sah, mit welchem Entzücken er die Missgeburten verschlang. Da nun ein Wirt, wie jeder Handelmann, bei jedem Käufer ungern aufhört zu verkaufen, so sagte der Wirt: "Ich bin vielleicht imstande, einem Liebhaber mit einer der veritabelsten ausgestopften Missgeburten aufzuwarten, die je auf acht Beinen herumgelaufen." – "Wie, wo, wenn, was?" rief der Doktor, auf den Gastwirt rennend. "Gleich!" versetzte dieser und entschoss.
"Gott gebe doch," fing Katzenberger an, gegen den Edelmann sich wendend, "dass er etwas wahrhaft Missgebornes bringt. Ich weiss nicht, haben Sie meine de monstris epistola gelesen oder nicht; inzwischen habe ich darin ohne Bedenken die allgemeine Gleichgültigkeit gegen echte Missgeburten gerügt und es frei heraus gesagt, wie man Wesen vernachlässigt, die uns am ersten die organischen Baugesetze eben durch ihre Abweichungen gotischer Bauart lehren können. Gerade die Weise, wie die natur zufällige Durchkreuzungen und Aufgaben (z.B. zweier Leiber mit einem kopf) doch organisch aufzulösen weiss, dies belehrt. Sagen Sie mir nicht, dass Missgeburten nicht bestehen, als widernatürlich; jede musste einmal natürlich sein, sonst hätte sie nicht bis zum Leben und erscheinen bestanden; und wissen wir denn, welche versteckte organische Missteile und Überteile eben auch Ihrem oder meinem Bestehen zuletzt die Ewigkeit nehmen? Alles Leben, auch nur einer Minute, hat ewige gesetz hinter sich; und ein Monstrum ist bloss ein Gesetzbuch mehrerer föderativen Staatkörperchen auf einmal; auch die unregelmässigste Gestalt bildete sich nach den regelmässigsten Gesetzen (unregelmässige Regeln sind Unsinn). Eben darum könnte aber aus Missgeburten als den höhern Haruspizien oder passiven Blutzeugen bei geschickter Zergliederung mehr Einsicht gewonnen worden sein als aus allem Alltagvieh, sobald man nur besser diese Sehröhre und Operngucker ins Lebensreich hätte zu richten verstanden, und wenn man überhaupt, Herr von Niess, so seltene Cicerone und Zeichendeuter, die eben gerade, wie die Wandelsterne, in ihren Verfinsterungen am meisten geistig erleuchten, sorgfältiger aufgehoben hätte. Wo ist aber – mein elendes ausgenommen – noch ein ordentliches Missgeburtenkabinett? Welcher Staat hat noch Preise auf Einliefern von monstris gesetzt, geschweige auf Erzeugung derselben, wie doch bei Blumen geschehen? Geht ein Monstrum als ein wahrer Solitär der Wissenschaft unter, so ist man noch gleichgültiger, als wäre ein Schock leicht zu zeugender Werkeltagleiber an der Ruhr verschieden. Wer kann denn aber eine Missgeburt, die sich so wenig als ein Genie fortpflanzt – denn sie ist selber ein körperliches, eine Einzigperle – nicht einmal ein Sonntagkind, sondern ein Schalttagkind –, ersetzen, ich bitte jeden? Ich für meine person könnte für dergleichen viel hingeben, ich könnte z.B. mit einer weiblichen Missgeburt, wenn sie sonst durchaus nicht wohlfeiler zu haben wäre, in den Stand der Ehe treten; und ich will dirs nicht verstecken, Teoda – da die Sache aus reiner Wissenschaftliebe geschah und