1809_Jean_Paul_057_16.txt

vorzeigen willübrigens hat er alle nachgiebige Bescheidenheit des Weltmannes, der sich auf die Voraussetzung seines Werts verlässtund dabei fein-fein und sonst mehr. – Dies ist aber eben der Punkt: von sich spricht er fast kein Wort, unaufhörlich von seinem Jugendfreunde, dem Dichter, gleichsam als wäre sein Leben nur die Grundierung für diese Hauptfigur. Auffallend ist es, dass er nicht mit dem feurigen Gefühl, wie etwa ich, von ihm redet, sondern fast ohne Teilnahme (er berichtet bloss Tatsachen), so dass es scheint, er wolle nur meinem Geschmacke zu Gefallen reden und dabei unter der Hand für jemand anders den Angelhaken auswerfen als für unsern Teudobach. Zwischen diesem Namen und dem meinigen find' er etymologisch, sagt' er, nur den Unterschied des Geschlechts, worüber ich ordentlich zusammenfuhr, weil ich nie darauf gefallen war. Aber, warum sagt er mir solches angenehme Zeug, da er doch sieht, dass er mich nur durch ein ganz fernes Herz in Flammen setzt? Eilte dein Mann nicht so fürchterlich: wahrlich, ich wollte vernünftig schreiben. Ich sage dir Donnerstag alles, wenn es auch der Freitag widerlegt. In der Fremde ist man gegen Fremde (ja gegen Einheimische) weniger fremd als zu haus; ich fragte geradezu Herrn von Niess, wie der Dichter aussehe. 'Wie stellen Sie sich ihn denn vor?' fragt' er. 'Wie die edleren Geschöpfe dieses Schöpfers selber' (versetzt' ich) – 'Er soll und wird aussehen wie ein nicht zu junger Ritter der alten Zeitvorragend auch unter MännernEr muss Augen voll Dichter- und Kriegerfeuer haben, und doch dabei solche Herzens-Lieblichkeit, dass er sein Pferd ebensogut streichelt als spornt und ein gefallnes Kindchen aufhebt und abküsst, eh' er es der Mutter reichtAuf seiner Stirn müssen ohnehin alle Welten stehen, die er geschaffen, samt den künftigen WeltteilenKöstlich muss er aussehen- Der Bergrücken seiner Nase.....' – (Hier, Bona, dachte' ich an deinen Rat.) 'Nun Sie haben ja die Nase selber gesehen, und ich gedenke, das auch zu tun.' Hierauf versetzte Herr von Niess: 'Vielleicht sollt' er, Demoiselle, diese Gestalt nach Maler-Ideal haben; aber leider sieht er fast so aus wie ich.'

Gewiss hab' ich darauf ein einfältiges Staun-Gesicht gemacht und wohl gar die Antwort gegeben: 'Wie Sie?' – Überhaupt schien meine zu lebhafte Vorschilderei seines Freundes ihn nicht sonderlich zu ergötzen. – 'Teoda und Teudobach' – fuhr er fort – 'behalten ihre Ähnlichkeit sogar in der Statur; denn er ist so lang als ich.' – 'Nein', unterfuhr ich, 'dann ist er kürzer als ich; eine Frau, die so lang ist als ein Mann, ist länger als ein Mann.' – Es schwollen beinahe Giftblasen mir auf, gesteh' ich gern. Es verdross mich das ewige Prahlen mit der körperlichen Ähnlichkeit Teudobachs bei so wenig geistiger. Ich denke an seine unritterliche Furcht und an meine Perücke beim WagenUmwurf. Er wollte sich an meinen Kopf anhalten, um seinen zu retten. Raufen aber ist eine eigne Weise, einem Mädchen den Kopf zu verrücken. Mein Vater wird ihn mit dieser Perücke, womit er in die Grube gefahren, noch oft fegen, wie die Bedienten in Irland damit die Treppen kehren.

Freilich war es an ihn eine dumme Mädchenfrage, die ich nachher getan, wie ich dir beichten will. Aber wer machts denn anders? Die Leserinnen eines Dichters sind alle seine heimlichen Liebhaberinnendie Jünglinge machen es mit Dichterinnen auch nicht besser –; und wir denken bei einem Genie, der Ehre unseres Geschlechts wegen, zuerst an die Frau, die der grosse Mann uns allen vorgezogen und die wir als die Gesandtin unseres Geschlechts an ihn abgeschickt. Auf seine Frau sind wir sogar neugieriger als auf seine Kinder, die er ja nur bekommen und selten erzieht. Ob ich mich gleich einmal tapfer gegen meinen Vater gewehrt, da er sagte, an einem Poeten zögen wir den Kniefall dem Silbenfall vor, ein Paar Freierfüsse sechs Versfüssen, Schäferstunden den Schäferliedern und wären gern die Hausehre einer DeutschlandsEhre: so hatte' er doch halb und halb recht. – Die dumme Mädchenfrage war nämlich die: ob der Dichter eine Braut habe. – 'Wenigstens bei meiner Abreise noch nicht', versetzte Niess. – 'O ich wüsste', sagt' ich, 'nichts Rührenderes, als eine Jungfrau mit dem edlen am Traualtare stehen zu sehen, welchen sie im Namen einer Nachwelt belohnen soll; sie sollte mir meine heiligste Schwester sein, und ich wollte sie lieben wie ihn.' – 'Wahrlich, Sie könnten es', sagte Niess mit unnütz-feiner Miene.

O Gott, zanke nur hier über nichts, du Hellseherin. Ach mein Gesicht-Lärvchenwahrlich mehr eine komische als tragische Maskegibt mir keine Einbildungen, weil ich doch damit keinem mann gefallen kann als einem halbblinden, der, wie du, nichts verlangt als ein Herz; aber der freilich sollte dieses denn auch ganz haben, mit allen Kammern und Herzehren und Flämmchen darin, und mein kleines Leben hinterdrein.

Ich wollt', es gäbe gar keine Männer, sondern die göttlichsten Sachen würden bloss von Weibern geschrieben; warum müssen gerade jene einfältigen Geschöpfe so viel Genie haben