–; doch sei einem mann, der plötzlich aus dem strengen matematisch-anatomischen Heerlager ins Kindergärtchen des Verliebens hineingemusst, damals zumute gewesen wie einem Lachse, der im Lenze aus seinem Salz-Ozean in süsse Flüsse schwimmen muss, um zu laichen. Noch dazu wäre zu seiner Zeit eine bessere Zeit gewesen – damal habe man aus der brennenden Pfeife der Liebe polizeimässig nie ohne Pfeifendeckel geraucht -man habe von der sogenannten Liebe nirgend in Kutschen und Kellern gesprochen, sondern von Haushalten, von SichEinrichten und Ansetzen. So gesteh' er z.B. seinerseits, dass er aus Scham nicht gewagt, seine Werbung bei seiner durch die ausgesognen Maikäfer entführten Braut anders einzukleiden als in die wahrhaftige Wendung: nächstens gedenke er sich als Geburtelfer zu setzen in Pira, wisse aber leider, dass junge Männer selten gerufen würden und schwache Praxis hätten, solange sie unverehelicht wären. – "Freilich", setzte er hinzu, "war ich damals hölzern in der Liebe, und erst durch die Jahre wird man aus weichem Holze ein hartes, das nachhält."
"Bei der Trennung von Ihrer Geliebten mag Ihnen doch im Mondscheine das Herz schwer geworden sein?" sagte der Edelmann. "Zwei Pfund – also halb so schwer als meine Haut – ist meines wie Ihres bei Mond- und bei Sonnenlicht schwer", versetzte der Doktor. "Sie kamen sonach über die empfindsame Epoche, wo alle junge Leute weinten, leichter hinweg?" fragte Niess. "Ich hoffe," sagt' er, "ich bin noch darin, da ich scharf verdaue, und ich vergiesse täglich so viele stille Tränen als irgendeine edle Seele, nämlich vier Unzen den Tag; nur aber ungesehen (denn die Magenhaut ist mein Schnupftuch); unaufhörlich fliessen sie ja bei heilen guten Menschen in den knochigen Nasenkanal und rinnen durch den Schlund in den Magen und erweichen dadrunten manches Herz, das man gekäuet, und das zum Verdauen und Nachkochen daliegt."
Ich weiss nicht, ob ich mich irre, aber mir kommt es vor, als ob der Doktor seit dem schlafwachen Anhören der Lobreden, welche Teoda seinem liebereichen Herzen vor dem Poeten Niess gehalten, ordentlich darauf ausginge, mehr Essigsäuere, d.h. Sauersauer aufzuzeigen; – ähnlich säh' ihm dergleichen ganz, und lieber schien er aus Millionen Gründen härter als weicher.
Als daher Niess, um den seltenen Seefisch immer mehr für seine dichterische Naturalienkammer aufzutrocknen, eine neue Frage tun wollte, fuhr Teoda ordentlich auf und sagte: "Herr von Niess, Sie sind im Innerlichen noch härter als mein Vater selber." – "So," sagte der Doktor, "noch härter als ich? Es ist wahr, die weibliche Sprache ist wie die Zunge weich und linde zu befühlen, aber diese sanfte Zunge hält sich hinter den Hundzähnen auf und schmeckt und spediert gern, was diese zerrissen haben." Hier suchte der feine Würfel auf etwas Schöneres hin abzulenken und bemerkte, was bisher Teoda nicht gesehen: "dort schreite schon lange Herr Umgelder Mehlhorn so tapfer, dass ihn der Kutscher schwerlich auf dem höckerigen Wege überhole." Als dies der Kutscher vernahm, dem schon längst der nicht einzuholende Zoller eine bewegliche Schandsäule und Höllenmaschine gewesen: so fuhr er galoppierend in die
12. Summula
– die Avantüre –
hinein und warf an einem schiefgesunknen Grenzstein leicht, wie mit einer Wurfschaufel, den Wagen in einen nassen Graben hinab. Katzenberger fuhr als Primo Ballerino zuerst aus der Schleudertasche des Kutschers, griff aber im Fluge in die Halsbinde des Schuldirektors wie in einen Kutschen-Lakaien-Riemen ein, um sich an etwas zu halten; – Würfel seines Orts krallte nach Flexen hinaus und in dessen FriesÄrmel ein und hatte unten im Graben den mitgebrachten Fries-Aufschlag in der Hand; – Niess, das Gestirn erster Grösse im Wagen, glänzte unten im Drachenschwanze seiner Laufbahn, nahm aber mehr die Gestalt eines Haarsterns an, weil er die Teodasche Perücke nach sich gezogen, an die er sich laut wehklagend unterwegs hatte schliessen wollen; – Teoda war durch kleines Nachgeben gegen den Stoss und durch Erfassen des Kutschenschlages diagonal im Wagen geblieben; – Flex ruhte, den Kutscher noch recht umhalsend, bloss mit der Stirn im Kote, wie ein mit dem Gipfel vorteilhaft in die Erde eingesetzter Baum. Erst unten im Graben und als jedermann angekommen war – konnte man wie in einem Unterhause auf Herauskommen stimmen und an Einhelligkeit denken. Katzenberger votierte zuerst, indem er die Hand aus Würfels Halsbinde nahm und dann auf dem Rückgrate des Schuldirektors wie auf einer flüchtigen Schiffbrücke wegging, um nachher auf Flexen aufzufussen und sich von da, wie auf einem Gaukler-Schwungbrett, leicht ans Ufer zu schwingen. Es gelang ihm ganz gut, und er stand droben und sah hernieder.
Hier konnte er nicht ohne wahre Ruhe und Lust so leicht bemerken, wie die andern Hechte im GrabenWasser schnalzten, aus Verlegenheit. Flexens Rückgrats-Wirbel wurden ein allgemeines, aber gutes Trottoir, und der Schuldirektor schlug willig diesen Weg ein. Am Ufer zog der Doktor ihn an der Halsbinde nach kurzem Erwürgen ans Ufer, wo er unaufhörlich sich und seinen Kleider-Bewurf besah und zurückdachte. Auch der untergepflügte Dichter bekroch Flexen und bot dem Doktor die Hand, an deren Ohrfinger dieser ihn mit kleiner Verrenkung dadurch aufs Trockne zog, dass er selber sich rückwärts bog und umfiel, als jener aufstand. Was noch sonst aus dem Nilschlamme halb lebendig aufwuchs, waren nur Leute; aber