der Nase zugeschlagen, kein sonderliches Rosental und Paradies für jugendlich-gutmütige Augen war, die in das Gesicht hinein- und auf den sandigen Weg hinaussahen. Er selber litt weniger; ihn verliess nie jene Heiterkeit, welche zeigen konnte, dass er sich den Stoikern beigesellte, welche verboten, etwas zu bereuen, nicht einmal das Böse. Indes ist dieser höhere Stoizismus, der den Verlust der unschätzbaren höheren Güter noch ruhiger erträgt als den der kleinern, bei Gebildeten nicht so selten, als man klagt.
Nach einigen Minuten Sandfahrt senkte Katzenberger sein Haupt in Schlaf. jetzt bekränzte Teoda ihren Vater mit allen möglichen Redeblumen, um dem Freund ihres Dichters ihre Tochter-Augen für ihn zu leihen. Besonders hob sie dessen reines Feuer für die Wissenschaft heraus, für die er Leben und Geld verschwende, und beklagte sein Los, ein gelehrter einsamer Riese zu sein. Da der Edelmann gewiss voraussetzte, dass die Augen Sperre des Riesen nichts sei als ein Aufmachen von ein Paar Dionysius-Ohren, wie überhaupt Blinde besser hören: so fiel er ihr unbedingt bei und erklärte, er staune über Katzenbergers Genie. Dieser hörte dies wirklich und hatte Mühe, nicht aus dem Schlafe heraus zu lächeln wie ein Kind, womit Engel spielen. Des blinden optischen Schlafes bedient' er sich bloss, um selber zu hören, wie weit Niess sein Verlieben in Teoda treibe; und dann etwa bei feurigen Welt- und Redeteilen rasch aufzuwachen und mit Schnee und Scherz einzufallen. jetzt ging Teoda, die an den Schlummer glaubte, weil ihr Vater sich selten die Mühe der Verstellung gab, noch weiter und sagte dem Edelmanne frei: "Sein Kopf lebt zwar dem Wissen, wie ein Herz dem Lieben, aber Sie springen zu ungestüm mit seiner natur um. – In der Tat, Sie legen es ordentlich darauf an, dass er sich über Gefühle recht seltsam und ohne Gefühle ausdrücke. Täte dies wohl Ihr Teudobach?" – "Gewiss," – sagt' er – "aber in meinem Sinne. Denn Ihren Vater, liebreiche Tochter, nehm' ich viel besser als der Haufe. Mich hindert seine satirische Enkaustik nicht, darhinter ein warmes Herz zu sehen. Recht geschliffnes Eis ist ein Brennglas.
Man ist ohnehin der alltäglichen Liebfloskeln der Bücher so satt!
O dieser milde Schläfer vor uns ist vielleicht wärmer, als wir glauben, und ist seiner Tochter so wert!" Katzenberger, eben warm und heiss vom nahen Nachmittagschlummer, hätt' etwas darum gegeben, wenn ihm sein Gesicht von einem Gespenste wäre gegen den rücken und das Kutschen-Fensterchen gedreht gewesen, damit er ungesehen hätte lächeln können; wenigstens aber schnarchte er.
Teoda indes, nie mit einer lauen oder höflichen Überzeugung zufrieden, suchte den Poeten für den Vater noch stärker anzuwärmen durch das Berichten, wie dieser bei dem Scheine einer geizigen Laune ganz uneigennützig als heilender Arzt Armen öfter als Vornehmen zu hülfe eile und dabei lieber in den seltensten gefahrvollsten als in gefahrlosen Krankheiten der Schutzengel werde. Jedes Wort war eine Wahrheit; aber die Tochter voll kindlicher und jeder Liebe kam freilich nicht darhinter, dass ihm eigentlich die Wissenschaft, nicht der Kranke höher stand als Geld und dass er mit einer gewaltigen Gegnerin von kranker natur am liebsten das medizinische Schach spielte, weil aus der grösseren Verwicklung die grössere Lehrbeute zu holen war; ja er würde für eine stichhaltige Versicherung der blossen Leichenöffnung jeden umsonst in die Kur genommen haben aus Liebe zur Anatomie.
"Vollends aber die Güte, womit mein genialer Vater alle Wünsche erfüllt, mit welchen ich nicht gerade seinen wissenschaftlichen Eifer störe, und was er alles für meine Bildung getan, das kann ich als Tochter leichter in meinem Herzen verehren als durch Worte andern entüllen; aber schmerzen muss es mich jederzeit, wenn ich ihn bei andern, da er Stand und fremdes Urteil gar zu wenig achtet, ordentlich darauf ausgehen sehe, verkannt zu werden", beschloss Teoda. – Du warme Verblendete! – So wie wir alle merken, bildet sie sich ein, den Poeten Niess durch Preisen für ihren Vater zu gewinnen, für einen Mann, der ihm doch ins Gesicht gesagt, seine Nasenwurzel sei zu dünn. Schwerlich sind Wurzelwörter eines solchen Ärgers je auszuziehen, und aus der Nasenwurzel wird in Niess – da es etwas anderes sein würde, wäre statt der Eitelkeit bloss sein Stolz beleidigt worden – immer etwas Stechendes gegen den Doktor wachsen.
dafür aber zog sich aller Weihrauch, den die Tochter für den Vater anbrannte, auf sie selber zurück in Niessens Nase, und am Ende konnte' er sie kaum anhören vor Anblicken; so dass ihm nichts fehlte zu einer poetischen Umhalsung Teodas als der wahre Schlaf des schnarchenden Fuchses. Indes ging er auf andere Weisen über, Lieben auszusprechen, und legte solche an einem bekannten Teudobachischen Schauspiel: "Die scheue Liebe" zergliedernd auseinander. Ein Bühnen-Dichter vieler Stücke oder ein Kunstrichter aller Stücke hat oder ist leicht eine Schiff- und Eselbrücke in ein Weiberherz. Darüber versank doch der Doktor vor Langweile aus dem vorgeträumten Schlaf in einen echten, und zwar bald nach Niessens schönen wahren Worten: "Jungfräuliche Liebe schlummert wohl, aber sie träumt doch."
Als er ganz spät aufwachte, sagt' er, halb im Schlafe: "natürlich schläft sie und träumt darauf." Nur Niessen war dieser ihm zugehörige Sinnspruch deutlich und erinnerlich, und er dachte leise: "Seht den Dieb!"
Eben watete ihnen im Sande ein Bekannter der Familie entgegen,