seine Werke, sondern auch in der Wirtsstube einige geliehene wirkliche. Sich gar nicht zu finden, drückt berühmte Männer stärker, als sie sagen wollen. Niess erteilte seinen Leihwerken aus Liebe für den Wolfgangischen Leihbibliotekar auf der Stelle einen unbeschreiblichen Liebhaber-Wert (pretium affectionis) bloss dadurch, dass er es einem Voltaire, Diderot und D'Alembert gleichtat, indem er, wie sie, Noten in die Werke machte mit Namens-Unterschrift; – die künftige Entzückung darüber konnte er sich leicht denken.
Während Teoda zwischen dem Dichter und der Freundin hin- und herträumte: kam auf einmal der Mann der letzten, der arme Mehlhorn, matt herein, der nicht den Mut gehabt, seinen künftigen Gevatter um einen Kutschensitz anzusprechen. Der Zoller war zwar kein Mann von glänzendem verstand – er traute seiner Frau einen grösseren zu –, und seine Ausgaben der Langenweile überstiegen weit seine Einnahme derselben; aber wer Langmut im Ertragen, Dienstfertigkeit und ein anspruchloses redliches Leben liebte, der sah in sein immer freudiges und freundliches Gesicht und fand dies alles mit Lust darin. Teoda lief auf ihm entzückt zu und fragte selbvergessen, wie es ihrer Freundin ergangen, als sei er später abgereiset. Er verzehrte ein dünnes Mittagmahl, wozu er die Hälfte mitgebracht: "Man muss wahrhaftig" – sagt' er sehr wahr – "sich recht zusammennehmen, wenn man noch zwei Stunden nach Huhl hat, und doch nachts wieder zu haus sein will; es ist aber kostbares Wetter für Fussgänger."
Teoda zog ihren Vater in ein Nebenzimmer und setzte alle weibliche Röst-, Schmelz- und Treibwerke in gang, um ihn so weit flüssig zu schmelzen, dass er den Zoller bis nach Huhl mit einsitzen liess. Er schüttelte kaltblütig den Kopf und sagte, die Gevatterschaft fürchtend: "Auch nähm' er es am Ende gar für eine gefälligkeit, die ich ihm etwa beweisen wollte." Sie rief den Edelmann zum Bereden zu hülfe; dieser brach – mehr aus Liebe für die Fürsprecherin – gar in teatralische Beredsamkeit aus und liess in seinem Feuer sich von Katzenberger ganz ohne eines an sehen. Dem Doktor war nämlich nichts lieber, als wenn ihn jemand von irgendeinem Entschlusse mit tausend beweglichen Gründen abzubringen anstrebte; seiner eignen Unbeweglichkeit versichert, sah er mit desto mehr Genuss zu, wie der andere, jede Minute des Ja gewärtig, sich nutzlos abarbeitete. Ich versinnliche mir dies sehr, wenn ich mir einen umherreisenden Magnetiseur und unter dessen Händen das Gesicht eines an menschlichen Magnetismus ungläubigen Autors, z.B. Biesters, vorstelle, wie jener diesen immer ängstlicher in den Schlaf hineinzustreichen sucht, und wie der Bibliotekar Biester ihm unaufhörlich ein auf gewecktes Gesicht mit blickenden Augen still entgegenhält.
"Gern macht' ich selber", sagte Niess, "noch den kurzen Weg zu Fuss." – "Und ich mit", sagte Teoda. "O!" – sagte Niess und drückte recht feurig die Katzenbergerische Hand – "ja es bleibt dabei, Väterchen, nicht?" – "natürlich," – versetzte letztes -"aber Sie können denken, wie richtig meine Gründe sein müssen, wenn sie sogar von Ihnen nicht überwogen werden." Man schien auf seiten des Paars etwas betroffen; "auch möchte' ich den guten Umgelder ungern verspäten," setzte der Doktor hinzu, "da wir erst nach dem Pferde-Füttern aufbrechen, er aber sogleich fort geht."
Als sie sämtlich zurückkamen, stand der Mann schon freundlich da, mit seinem Abschiede reisefertig wartend. Teoda begleitete ihn hinaus und gab ihm hundert Grüsse an die Freundin mit und den Schwur, dass sie schon diesen Abend das Tagebuch an sie anfange: "konnte' ich für Sie gehen, guter Mann!" sagte sie; und er schied mit einem langen Dankpsalm, ohne sie sonderlich zu verstehen, so wie sie selber, setz' ich dazu, ebensowenig den Doktor. Sie wusst' es aus langer Erfahrung, dass er zudringende Bitten gewöhnlich abschlug als Anfälle auf seine Freiheit; sie tat sie aber doch immer wieder und brachte vollends heute den Auxiliar-Poeten mit. Mehlhorn war ihm nicht am meisten als Gevatterbitter verdriesslich, sondern als eine Art Jaherr gegen die Frau und ein Ja-Knecht gegen alle Welt; schwachmütige Männer aber, sogar gutmütige, konnte' er nicht gut sich gegenüber sehen, besonders einen halben Tag lang auf dem Rücksitz.
Bald darauf, als die Pferde abgefüttert waren und die Gewinn- und Verlustrechnung abgetan, gab Katzenberger das Zeichen des Abschieds; – es bestand darin, dass er heimlich die Körke seiner bezahlten Flaschen einsteckte. Er führte Gründe für diese letzte Ziehung aus der Flasche an: "es sei erstlich ein Mann in Paris bloss dadurch ein Millionär geworden, dass er auf allen Kaffeehäusern sich auf ein stilles Korkziehen mit den Fingern gelegt, wobei er freilich mehr ans Stehlen gedacht als an erlaubtes Einstecken; zweitens sei jeder, der eine Flasche fodere, Herr über den Inhalt derselben, wozu der Stöpsel als dessen Anfang am ersten gehöre, den er mit seinem eigenen Korkzieher zerbohren oder auch ganz lassen und mitnehmen könne, als eine elende Kohle aus dem niedergebrannten Weinfeuer." Darüber suchte Niess zu lächeln ohne vielen Erfolg.
11. Summula
Wagen-Sieste
Im ganzen sitzt ohnehin jeder Kutschenklub in den ersten Nach mittagstunden sehr matt und dumm da; das junge Paar aber tat es noch mehr, weil Katzenbergers Gesicht, seidem er dem armen Schreckens-Gevatter die Wagentüre vor