1809_Goethe_026_30.txt

noch zu besuchen. Wir haben uns den ganzen Tag nicht allein gesprochen, wir haben uns solange nicht gesehen, und nichts ist natürlicher, als dass man sich nach einer vertraulichen Stunde sehnt. Zeigen Sie mir den hinweg, den Rückweg will ich schon finden, und auf alle Fälle werde ich über keine Stiefel wegzustolpern haben."

"Ich will Ihnen recht gern diese gastliche gefälligkeit erzeigen," versetzte Eduard; "nur sind die drei Frauenzimmer drüben zusammen auf dem Flügel. Wer weiss, ob wir sie nicht noch beieinander finden, oder was wir sonst für Händel anrichten, die irgendein wunderliches Ansehn gewinnen."

"Nur ohne sorge!" sagte der Graf; "die Baronesse erwartet mich. Sie ist um diese Zeit gewiss auf ihrem Zimmer und allein."

"Die Sache ist übrigens leicht," versetzte Eduard und nahm ein Licht, dem Grafen vorleuchtend eine geheime Treppe hinunter, die zu einem langen gang führte. Am Ende desselben öffnete Eduard eine kleine tür. Sie erstiegen eine Wendeltreppe; oben auf einem engen Ruheplatz deutete Eduard dem Grafen, dem er das Licht in die Hand gab, nach einer Tapetentüre rechts, die beim ersten Versuch sogleich sich öffnete, den Grafen aufnahm und Eduarden in dem dunklen Raum zurückliess.

Eine andre tür links ging in Charlottens Schlafzimmer. Er hörte reden und horchte. Charlotte sprach zu ihrem Kammermädchen: "Ist Ottilie schon zu Bette?" – "Nein," versetzte jene, "sie sitzt noch unten und schreibt." – "So zünde Sie das Nachtlicht an," sagte Charlotte, "und gehe Sie nur hin: es ist spät. Die Kerze will ich selbst auslöschen und für mich zu Bette gehen."

Eduard hörte mit Entzücken, dass Ottilie noch schreibe. 'Sie beschäftigt sich für mich!' dachte er triumphierend. Durch die Finsternis ganz in sich selbst geengt, sah er sie sitzen, schreiben; er glaubte zu ihr zu treten, sie zu sehen, wie sie sich nach ihm umkehrte; er fühlte ein unüberwindliches Verlangen, ihr noch einmal nahe zu sein. Von hier aber war kein Weg in das Halbgeschoss, wo sie wohnte. Nun fand er sich unmittelbar an seiner Frauen tür, eine sonderbare Verwechselung ging in seiner Seele vor; er suchte die tür aufzudrehen, er fand sie verschlossen, er pochte leise an, Charlotte hörte nicht.

Sie ging in dem grösseren Nebenzimmer lebhaft auf und ab. Sie wiederholte sich aber- und abermals, was sie seit jenem unerwarteten Vorschlag des Grafen oft genug bei sich um und um gewendet hatte. Der Hauptmann schien vor ihr zu stehen. Er füllte noch das Haus, er belebte noch die Spaziergänge, und er sollte fort, das alles sollte leer werden! Sie sagte sich alles, was man sich sagen kann, ja sie antizipierte, wie man gewöhnlich pflegt, den leidigen Trost, dass auch solche Schmerzen durch die Zeit gelindert werden. Sie verwünschte die Zeit, die es braucht, um sie zu lindern; sie verwünschte die totenhafte Zeit, wo sie würden gelindert sein.

Da war denn zuletzt die Zuflucht zu den Tränen um so willkommner, als sie bei ihr selten stattfand. Sie warf sich auf den Sofa und überliess sich ganz ihrem Schmerz. Eduard seinerseits konnte von der tür nicht weg; er pochte nochmals, und zum drittenmal etwas stärker, so dass Charlotte durch die Nachtstille es ganz deutlich vernahm und erschreckt auffuhr. Der erste Gedanke war, es könne, es müsse der Hauptmann sein; der zweite, das sei unmöglich. Sie hielt es für Täuschung, aber sie hatte es gehört, sie wünschte, sie fürchtete es gehört zu haben. Sie ging ins Schlafzimmer, trat leise zu der verriegelten Tapetentür. Sie schalt sich über ihre Furcht. 'Wie leicht kann die Gräfin etwas bedürfen!' sagte sie zu sich selbst und rief gefasst und gesetzt: "Ist jemand da?" Eine leise stimme antwortete: "Ich bins." – "Wer?" entgegnete Charlotte, die den Ton nicht unterscheiden konnte. Ihr stand des Hauptmanns Gestalt vor der Tür. Etwas lauter klang es ihr entgegen: "Eduard!" Sie öffnete, und ihr Gemahl stand vor ihr. Er begrüsste sie mit einem Scherz. Es ward ihr möglich, in diesem Tone fortzufahren. Er verwickelte den rätselhaften Besuch in rätselhafte Erklärungen. "Warum ich denn aber eigentlich komme," sagte er zuletzt, "muss ich dir nur gestehen. Ich habe ein Gelübde getan, heute abend noch deinen Schuh zu küssen."

"Das ist dir lange nicht eingefallen," sagte Charlotte. "Desto schlimmer," versetzte Eduard, "und desto besser!"

Sie hatte sich in einen Sessel gesetzt, um ihre leichte Nachtkleidung seinen Blicken zu entziehen. Er warf sich vor ihr nieder, und sie konnte sich nicht erwehren, dass er nicht ihren Schuh küsste, und dass, als dieser ihm in der Hand blieb, er den Fuss ergriff und ihn zärtlich an seine Brust drückte.

Charlotte war eine von den Frauen, die, von natur mässig, im Ehestande ohne Vorsatz und Anstrengung die Art und Weise der Liebhaberinnen fortführen. Niemals reizte sie den Mann, ja seinem Verlangen kam sie kaum entgegen; aber ohne Kälte und abstossende Strenge glich sie immer einer liebevollen Braut, die selbst vor dem Erlaubten noch innige Scheu trägt. Und so fand sie Eduard diesen Abend in doppeltem Sinne. Wie sehnlich