1809_Goethe_026_17.txt

wie ihre gelassene Regsamkeit. Und so war ihr Sitzen, Aufstehen, Gehen, Kommen, Holen, Bringen, Wiederniedersitzen ohne einen Schein von Unruhe, ein ewiger Wechsel, eine ewige angenehme Bewegung. Dazu kam, dass man sie nicht gehen hörte; so leise trat sie auf.

Diese anständige Dienstfertigkeit Ottiliens machte Charlotten viele Freude. Ein einziges, was ihr nicht ganz angemessen vorkam, verbarg sie Ottilien nicht. "Es gehört", sagte sie eines Tages zu ihr, "unter die lobenswürdigen Aufmerksamkeiten, dass wir uns schnell bücken, wenn jemand etwas aus der Hand fallen lässt, und es eilig aufzuheben suchen. Wir bekennen uns dadurch ihm gleichsam dienstpflichtig; nur ist in der grösseren Welt dabei zu bedenken, wem man eine solche Ergebenheit bezeigt. Gegen Frauen will ich dir darüber keine gesetz vorschreiben. Du bist jung. Gegen Höhere und Ältere ist es Schuldigkeit, gegen deinesgleichen Artigkeit, gegen Jüngere und Niedere zeigt man sich dadurch menschlich und gut; nur will es einem Frauenzimmer nicht wohl geziemen, sich Männern auf diese Weise ergeben und dienstbar zu bezeigen."

"Ich will es mir abzugewöhnen suchen," versetzte Ottilie. "Indessen werden Sie mir diese Unschicklichkeit vergeben, wenn ich Ihnen sage, wie ich dazu gekommen bin. Man hat uns die geschichte gelehrt; ich habe nicht soviel daraus behalten, als ich wohl gesollt hätte; denn ich wusste nicht, wozu ichs brauchen würde. Nur einzelne begebenheiten sind mir sehr eindrücklich gewesen, so folgende:

Als Karl der Erste von England vor seinen sogenannten Richtern stand, fiel der goldne Knopf des Stöckchens, das er trug, herunter. Gewohnt, dass bei solchen Gelegenheiten sich alles für ihn bemühte, schien er sich umzusehen und zu erwarten, dass ihm jemand auch diesmal den kleinen Dienst erzeigen sollte. Es regte sich niemand; er bückte sich selbst, um den Knopf aufzuheben. Mir kam das so schmerzlich vor, ich weiss nicht, ob mit Recht, dass ich von jenem Augenblick an niemanden kann etwas aus den Händen fallen sehen, ohne mich darnach zu bücken. Da es aber freilich nicht immer schicklich sein mag und ich", fuhr sie lächelnd fort, "nicht jederzeit meine geschichte erzählen kann, so will ich mich künftig mehr zurückhalten."

Indessen hatten die guten Anstalten, zu denen sich die beiden Freunde berufen fühlten, ununterbrochenen Fortgang. Ja täglich fanden sie neuen Anlass, etwas zu bedenken und zu unternehmen.

Als sie eines Tages zusammen durch das Dorf gingen, bemerkten sie missfällig, wie weit es an Ordnung und Reinlichkeit hinter jenen Dörfern zurückstehe, wo die Bewohner durch die Kostbarkeit des Raums auf beides hingewiesen werden.

"Du erinnerst dich," sagte der Hauptmann, "wie wir auf unserer Reise durch die Schweiz den Wunsch äusserten, eine ländliche sogenannte Parkanlage recht eigentlich zu verschönern, indem wir ein so gelegenes Dorf nicht zur Schweizer Bauart, sondern zur Schweizer Ordnung und Sauberkeit, welche die Benutzung so sehr befördern, einrichteten."

"Hier zum Beispiel", versetzte Eduard, "ginge das wohl an. Der Schlossberg verläuft sich in einen vorspringenden Winkel herunter; das Dorf ist ziemlich regelmässig im Halbzirkel gegenüber gebaut; dazwischen fliesst der Bach, gegen dessen Anschwellen sich der eine mit Steinen, der andere mit Pfählen, wieder einer mit Balken und der Nachbar sodann mit Planken verwahren will, keiner aber den andern fördert, vielmehr sich und den übrigen Schaden und Nachteil bringt. So geht der Weg auch in ungeschickter Bewegung bald herauf, bald herab, bald durchs wasser, bald über Steine. Wollten die Leute mit Hand anlegen, so würde kein grosser Zuschuss nötig sein, um hier eine Mauer im Halbkreis aufzuführen, den Weg dahinter bis an die Häuser zu erhöhen, den schönsten Raum herzustellen, der Reinlichkeit Platz zu geben und durch eine ins Grosse gehende Anstalt alle kleine, unzulängliche sorge auf einmal zu verbannen."

"Lass es uns versuchen!" sagte der Hauptmann, indem er die Lage mit den Augen überlief und schnell beurteilte.

"Ich mag mit Bürgern und Bauern nichts zu tun haben, wenn ich ihnen nicht geradezu befehlen kann," versetzte Eduard.

"Du hast so unrecht nicht," erwiderte der Hauptmann; "denn auch mir machten dergleichen Geschäfte im Leben schon viel Verdruss. Wie schwer ist es, dass der Mensch recht abwäge, was man aufopfern muss gegen das, was zu gewinnen ist, wie schwer, den Zweck zu wollen und die Mittel nicht zu verschmähen! Viele verwechseln gar die Mittel und den Zweck, erfreuen sich an jenen, ohne diesen im Auge zu behalten. Jedes Übel soll an der Stelle geheilt werden, wo es zum Vorschein kommt, und man bekümmert sich nicht um jenen Punkt, wo es eigentlich seinen Ursprung nimmt, woher es wirkt. Deswegen ist es so schwer, Rat zu pflegen, besonders mit der Menge, die im Täglichen ganz verständig ist, aber selten weiter sieht als auf morgen. kommt nun gar dazu, dass der eine bei einer gemeinsamen Anstalt gewinnen, der andre verlieren soll, da ist mit Vergleich nun gar nichts auszurichten. Alles eigentlich gemeinsame Gute muss durch das unumschränkte Majestätsrecht gefördert werden."

Indem sie standen und sprachen, bettelte sie ein Mensch an, der mehr frech als bedürftig aussah. Eduard, ungern unterbrochen und beunruhigt, schalt ihn, nachdem er ihn einigemal vergebens gelassener abgewiesen hatte. Als aber der Kerl sich murrend, ja gegenscheltend mit kleinen Schritten entfernte