diess immer noch mehr inne werden.
Auch Allwina ist darüber erfreut. Sie behauptet, das leidenschaftliche Eingreifen beider Künste würde Marien verderblich geworden sein, und man müsse nun Alles tun, ihren Entschluss zu befestigen.
Ich habe ihr deswegen uneingeschränkte Vollmacht gegeben, überzeugt, sie werde die besten Mittel erwählen. Ob ich stark genug gewesen sein würde, Allwina's Wahl zu treffen – weiss ich nicht, wenigstens habe ich es über mich erhalten, sie zu billigen. Der erste Opersänger hat, auf ihr Bitten, Maria's Unterricht übernommen. Er ist einer der schönsten, anziehendsten und gewandtesten Männer. Maria hat ihn zuerst in einer Heldenrolle gesehen, und scheint es jetzt noch für unmöglich zu halten, dass dieser Halbgott ihr nahen werde.
Ich lächle über den Helden, den mir das Schicksal entgegenstellt, lächle über meinen Schmerz, möchte lächeln über die Täuschung, der Maria wahrscheinlich unterliegen wird, und vermag es nicht. Ich war nicht bei Tibaldy's Ankunft, sondern fand ihn schon am Clavier, Maria, dicht ihm zur Seite, beide im Wechselgesange begriffen. Allwina verstand meinen Wink und liess mich unbemerkt in dem Hintergrund des Zimmers. Alles Licht fiel auf die Sänger, und ich war wider Erwarten unbefangen genug, beobachten zu können.
Maria – diess war sichtbar – hatte schon den Helden über der Musik vergessen, war mit schönem Ernst und himmlischer Einfalt bemüht, die Kunstaufgabe zu lösen. Jeder Ton kam rein aus dem unentweihten mund, während die stimme des Meisters wankte.
Er sang die Worte der Liebe mit Bedeutung, sie mit kindlicher Unschuld. Gerade das schien den Mann im Innersten zu ergreifen. Der Gesang war geendigt; noch horchte Tibaldy den verklingenden Tönen, suchte dann sich zu fassen, um einige Regeln mitteilen zu können.
Jetzt horchte Maria mit gespannter Aufmerksamkeit. Jedes Wort schien ihr Götterbotschaft. Aber die Regel wirkte, was sie Anfangs immer wirkt. Mariens Unbefangenheit ging verloren. Sie zitterte, wankte und fehlte.
Diess brachte den Sänger zum ganzen Gefühl seiner Ueberlegenheit, der nun die Arie, statt ihrer, meisterhaft ausführte.
Ich glaubte ihm in keiner vorteilhafteren Stimmung nahen zu können, und sagte ihm so viel Wahres und Schmeichelhaftes, wie ich nur konnte. Er empfing es, wie ein Mann, der des Beifalls gewohnt ist, und gab mir dafür die Versicherung: Mariens stimme sei der höchsten Ausbildung fähig, und er werde alle seine Kräfte daran wagen.
Maria war in Bewunderung und Beschämung versunken. So dankt' ich ihm dann in ihrem Namen. Er ging, das Auge langsam und schmerzhaft von ihr entfernend. Kaum war er fort, so stürzte sie mir weinend in die arme.
Was ist Ihnen, Maria?
Ach, mein geliebter Vater! was wird der Mann von mir denken? ich habe nie schlechter gesungen.
Liegt Ihnen so viel an der Meinung dieses Mannes? – Sie verstummte im höchsten Erstaunen – Wie Maria?
Können Sie zweifeln!
Wie meinen Sie das, Maria?
Ein so grosser, ausserordentlicher Mann! kennen Sie ihn so genau?
Ich, lieber Vater?
Allerdings! Sie sind es, die von seiner Grösse jetzt spricht.
Aber Sie waren ja mit in der Oper!
Ist Ihnen da etwas Grosses von ihm bekannt geworden?
Teuerster Vater! Alles, was er sagte und tat, war ja gross, rührend und schön. Sie selbst gaben Ihren Beifall laut zu erkennen.
Er spielte mit ausserordentlicher Kunst.
Ja! und wie könnt' er so spielen, wenn er nicht wirklich so empfände? wenn er nicht fähig wäre, unter ähnlichen Umständen eben so zu handeln?
Liebe Maria! man kann vieles darstellen, was man nicht nachzuahmen vermöchte.
Ja! aber so darstellen. –
Sie mögen in einem gewissen Sinne Recht haben, und darum will ich Ihren Glauben nicht wankend machen. Halten Sie den Mann immer für so gut und so gross, wie Sie es bedürfen. Allwina lächelte. Das schmerzte mich; denn Maria wandte sich mit Bitterkeit von ihr weg und versank in düsteres Nachdenken. Während die Blicke der Männer auf das schöne Mädchen in tiefer Trauer gerichtet sind, wendet sie kein Auge von dem Helden des Stückes, der oft, seiner Rolle vergessend, Rede und Gesang an sie richtet. Sie scheint das gar nicht ausserordentlich zu finden, und hört ihn mit sichtbarem Entzücken.
Schon besitzt sie die Partituren aller gegebenen Opern und studiert sie mit leidenschaftlichem Fleisse. Tibaldy's Arien werden jedes Mal, wenn sie gehört sind, bis tief in die Nacht wiederholt. Allwina will ihr Einhalt tun; aber ich bitte sie dringend, Maria gewähren zu lassen.
"Ich begreife Sie nicht." – sagt die besorgliche Frau. Ich aber versichere sie, dass sie mich nach einiger Prüfung sehr wohl begreifen werde. Sie kann sich nicht überzeugen; tut aber doch, warum ich sie bitte. Liebt sie ihn? Nein! noch glaube' ich es nicht. Er stellt ihr die göttliche Kunst dar, in der sie lebet und webet; das ist es. Aber er liebt sie; diess ist keinem Zweifel unterworfen.
Graf Perçy, ein Schüler von ihm, wünschte bei Maria eingeführt zu werden, und bat ihn darum. Er verschob es unter mancherlei Vorwand. Aber der junge Mann wurde dringender. Nun glaubte Tibaldy zu einem nicht edlen, aber notwendigen Mittel greifen zu müssen, und schilderte mich wie einen der eifersüchtigsten Tyrannen.
Perçy beobachtete den Italiener,