1809_Fischer_016_8.txt

ohne von ihr, die immer noch im Anschauen versunken ist, weiter bemerkt zu werden. Endlich blickt sie zurück, eilt nun, mich in den Garten zu ziehen, hoffend die so eben für Raphael aufgeblühten Rosen werden mich zerstreuen.

Allwina lächelt und lächelt, ohne sich weiter zu erklären. Und wenn ich glauben wollte, was Allwinens Lächeln verrät, und wenn ich taub sein wollte gegen die lauten Klagen meines Herzens, dennoch bleibt ihre Liebe das zweifelhafte Gut. Iwanova ist beschäftigt, und so fehlt mir ein Grund, Maria der Welt länger zu entziehen. Kann sie in der Einsamkeit wählen? –

So soll ich das Kostbarste dann Preis geben? dem Leichtsinn? der Verführung? – Doch muss der Kampf einmal gewagt sein, bald gewagt, damit mir die Kräfte nicht fehlen. Das weiss ich, das fühl' ich, und warte dennoch auf ein bestimmendes Zeichen. Von wem? – von Maria!

Nur das unaussprechlich süsse Gefühl von dieser herrlichen natur alle gewaltsamen Eindrücke entfernt aus ihrem eigenen reinen Herzen ihr ganzes Schicksal entsponnen zu habennur dieses Gefühl, ich ahn' es, wird mir Kraft geben, Alles zu überwinden, darum will ich es ehren, und ihm gerne vertrauen. So spielt das Schicksal mit dem blindgebornen Menschen; der gleichwohl wähnt, alles zu überschauen. War ich nicht entschlossen sie niemals in ihrem Gange zu irren? nun werde' ich dennoch gezwungen, mich ihr gerade in den Weg zu stellen. Sie will ins Kloster. konnte' ich das ahnen?

Eine halbe Stunde von dem Gute wurde eins der schönsten Mädchen eingekleidet, die Zeremonie machte aufsehen, und Maria bezeigte Lust ihr beizuwohnen.

Die Orgel, der Nonnengesang, der Anblick des schönen Mädchens, das Alles in einem tief erschütternden Bilde vereinigt, weicht nicht mehr aus dem jungen, sich alles mit Liebe und Heftigkeit aneignenden Gemüte.

Mit leuchtendem Auge, mit glühender Wange schildert sie mir die Seligkeit dieser Gottgeweihten Mädchen. Auch die Gefahren der Welt, die sie vor der Einkleidung weder gekannt, noch geahnet, jetzt aber aus der Rede des Abtes treulich gemerkt hat, werden nicht vergessen.

Dass die Orgel, die schöne Kirche, der vereinigte Nonnengesang wesentliche Bestandteile der geschilderten Seligkeit ausmachen, dass eben deswegen die Gefahren der Welt sehr fürchterlich dargestellt werdenbemerkt man diess auch mit unwillkührlichem Lächeln; so fühlt man sich dennoch für den Augenblick hingerissen.

Das merkt sie schnell, und glaubt nun Alles gewonnen. "Sehen Sie, Allwina!" – ruft sie triumphirend – "mein geliebter Vater wendet nichts ein! Er versagt mir nicht seine erlaubnis."

Wozu, Maria?

Ins Kloster zu gehen!

Diesen Winter werden wir in der Hauptstadt zubringen. Sind Sie dann im Frühlinge entschlossen, so muss man die Sache überlegen.

Sehen Sie, Allwina!

"Recht wohl!" – sagt diese, und schweigt mit ihrem gewöhnlichen Lächeln. Es ist ein sonderbar schmerzhafter Genuss, sie so nahe zu wissen, und sie doch nur zu einer bestimmten Zeit sehen zu können. Ach! nur jetzt, da Maria hier atmet, ist mir diese Stadt wert, ja sie ist mir plötzlich eine Heimat geworden.

Morgens fliegt mein erster blick vom hohen, drükkenden Pallaste nach dem einfachen haus, das sie verbirgt. Oft dünkt mich, die liebe Gestalt wandle auf dem Altane. Unaussprechliche sehnsucht will mich dann fortreissen; aber es klirren die goldenen Ketten, und ich bleibe. Schnell stürz' ich mich in das Gewühl der Geschäfte, die sehnsucht entflieht; aber beim Sinken des Tages kehrt sie mächtiger wieder.

Wie eil' ich, das widrige Prachtkleid mit dem schlichten Gewande zu vertauschen! dem spähenden Höfling, der starrenden Wache zu entfliehn! Jetzt hab' ich die Letzte, habe die brücke, das jenseitige Ufer erreicht, und mit weit geöffneter Brust atme ich die kühlende Nachtluft. Himmlische Ahnung der Freiheit, der Liebe strömt mit ihr in mein Herz, mein gang wird Flug, und in wenig Minuten ist das geliebte Haus schon erreicht.

Jetzt hör' ich den Hund, höre die Tritte des Dienersdie Pforte wird geöffnet und ich stehe auf heimischem Boden.

Wie lieb' ich das Licht auf der bräunlichen, von keinem Marmor belasteten Treppe! Sie führet zu Ihr! zu Ihr! – Das ist ihr liebliches Geflister! Das ist Harfengetön! Der Diener will mir zuvoreilen; aber ich stehe schon ihr zur Seite, in Mantel gehüllt, den Hut tief in die Augen gedrückt. Sie erschrickt, kennt mich nichtsinkt dann mit lautem Freudengeschrei mir in die arme. Die Oper mit ihren Wundern hat, wie ich es erwartete, alle Klostergedanken verdrängt.

Maria umarmte bald mich, bald Allwina unter Tränen des Entzückens. Es schien, als könne die jugendliche Brust so viel Seligkeit nicht umschliessen. Noch mehr, als das, was Maria hörte und sah, wirkte die mächtig geweckte Ahnung eines höheren Lebens. Sie glaubte nicht verstanden zu werden und bestrebte sich, das Unaussprechliche in Worte zu kleiden. Wir konnten nichts, als sie trösten; denn ihre Freude wurde Klage.

So sehe ich sie allen schönen Täuschungen der Jugend hingegeben. Noch steht ihr die grösseste bevor. Werde ich dann noch ihr Führer sein? oder mit ihr unterliegen? –

Einen bedeutenden Schritt hat sie ohne Leitung getan, die Mahlerei verlassen, und sich für immer zur Musik hingewandt. Ich glaube, sie hat den Wink ihres Genius richtig gedeutet, und wird