! auch dann, wenn sie unheilbar wäre.
Maria ist funfzehn Jahr, Maria weiss nichts von allem, was Ihr mir mit bestochnem Herzen und Auge so hoch anrechnet. Und wüsste sie es, soll sie rechnen wie Ihr? Soll sie rechnen? Ist von ihrer achtung die Rede? – Seht, wie schnell Ihr verwechselt! Wie Ihr vielleicht wähnt, es sei bei diesem Verwechseln wenig oder gar nichts zu wagen.
Wohl dir, Maria, dass sie fern sind, diese grausam Liebenden! Sie würden dich ihrem Götzen opfern. Hab' ich geläugnet, hab' ich vergessen, dass Ihr mich liebt? O glaubt es nicht! Wie könnte der Liebende Liebe vergessen, verkennen? Aber Ihr habt mich vergessen, mich mit meiner ganzen Art zu empfinden und zu wollen.
Könntet Ihr beobachten wie ich, Ihr würdet weniger hoffen. Wie soll Liebe Platz finden in diesem Herzen, das einem unersättlichen geist nur dienet? Von den Künsten zu den Wissenschaften rastlos hin und her eilend, wann bliebe ihr Zeit für die Liebe?
Im Triumphe kommt sie mir jedes Mal entgegen. Weswegen? – Oft sagt mein törigtes Herz: um dich schneller zu sehen! – Wohl ist es ein törigtes Herz! – Ein schönes Lied, ein anziehendes Gemählde, eine grosse in der geschichte aufgefundene Handlung, die sie mit leuchtendem Auge, mit glühender Wange erzählt: das ist es, weswegen sie meine Ankunft mit sehnsucht erwartet. Ich weiss es, fühl' es tief in meinem blutenden Herzen, und täusche mich dennoch von neuem.
Aber nun wird eine Menge Sachen herbeigeholt. Da muss ich hören, prüfen, wählen. Dann werde ich um diesen, um jenen Lehrer so dringend, so angelegentlich gebeten, als wäre kein Augenblick zu verlieren. Dann muss ich erzählen von römischen, griechischen Kunstwerken, Künstlern, wie, wann sie den Künsten sich widmeten? Ob sie später anfingen als sie? Ob sie sich Vorbilder wählten, oder nur ihrem Genius folgten? Ob es möglich sei, ohne die Muster der Alten es zu irgend etwas Vorzüglichem zu bringen?
Wie einem Unglücklichen, aus seliger Heimat in fremde land Umhergetriebenen, so wird mir dann. Sie sieht es! sie fühlt es! Nur schneller reisst sie mich fort, bis sie mich endlich in ihren Zauberkreis gebannt hat.
Endlich gesättigt, entlässt sie mich. Entlässt mich, wie einen Bettler, nachdem sie mich wie einen König empfangen hat.
Noch zög're ich, noch hoff' ich auf einen einzigen blick – Vergebens! ich bin schon für sie nicht mehr da. Tief mit sich selbst beschäftigt, das lockige Haupt auf den Busen gesenkt, so steht sie der äussern Welt gänzlich verschlossen und, o Schmerz! nie ist sie schöner.
"Leben Sie wohl, Maria!" sag' ich dann – "Leben Sie wohl, mein geliebter Vater!" – ruft sie schnell, wie aus einem Traume erwachend – "Werden Sie Mariens Bitte vergessen?"
Schweigend eil' ich fort, damit mich der Schmerz nicht verrate. Und was war ihre Bitte? Wie gewöhnlich irgend ein Lehrer für diese oder jene Kunst, für diese oder jene Sprache, ein Kupferstich nach irgend einem berühmten Meister, die Lebensbeschreibung irgend eines grossen Mannes. – So muss ich Alles herbeiführen, was ihren blick von mir abziehen kann, und ich tue es mit der gewissenhaftesten Treue.
Schon gleichen ihre Zimmer wirklichen Kunstsälen, und das ist nicht etwa spielende Liebhaberei, oder gar Eitelkeit. Ach nein! Sie könnte von der ganzen Welt vergessen, die ganze Welt vergessend, hier anstaunen, vergleichen, wählen, dann selbst begeistert erfinden. Hier, unter diesem zusammengedrängten Grossen und Schönen, hier ist ihr Schatz! hier ist auch ihr Herz!
Allwina sagt nein. Alles, was ich bei Maria für Zweck halte, sei nur Mittel. Frage ich dann nach diesem verborgenen Zwecke; so schweigt sie bedenklich. Dringe ich weiter in sie, so bittet sie mich eben so dringend: die Zeit antworten zu lassen.
Dann will ein törigter Eigendünkel mich irre führen, dann glaube' ich hie, da einen Lichtstrahl zu erblicken. Voll Lebenshoffnung eil' ich zu Maria – Sie! sie ist es, die mit grausamer Unbefangenheit alles zerstört.
Es soll nicht sein! Ich bin der Pflicht und dem Schmerze gewidmet. Allwina hat Recht! Neben, oder vielmehr über dem Grossen und Schönen, was ihre Seele erfüllt, tront dennoch ein Mann. Aber wer ist dieser Mann? Ein vor mehreren Jahrhunderten verstorbener Raphael! – Sein Bild wurde mit unbegrenzter Freude unter ihre Schätze aufgehangen, bald mit Rosen, bald mit Lorbeern gekrönt. Damit es nie daran fehle, bin ich, als gälte es das Wohl der ganzen Welt, gebeten worden: ein Paar lebendige Lorbeerbäume zu besorgen. Rosen werden schon jetzt für den Winter mit ängstlicher Sorgfalt gezogen.
Fast jedes Mal, wenn ich komme, ist eine Veränderung mit dem Bilde vorgenommen, und schnell werde' ich hingeführt, um darüber zu entscheiden. Ich heisse dann alles gut; aber damit genügt ihr noch nicht. Es werden Zeichnungen nach seinen Gemählden herbeigeholt. Jetzt muss ich die idee, die Gruppirung, die ganze mahlerische Anordnung bewundern, muss gestehen, das Alles liege schon in diesen Engelzügen, in diesen Himmelaugen! –
Ja ich gestehe das Alles, lobe, bewundere; aber schon hab' ich mich im Hintergrunde des Zimmers auf einen Stuhl geworfen,