1809_Fischer_016_6.txt

sein, nicht von mir selbst.

Sie reichte mir zutrauungsvoll die Hand, und wir schieden als nähere Freunde. Der schöne R..., von einer Menge Orden fast erdrückt, verlässt nicht mehr seine grosse Beschützerin. Meine Freunde beschuldigen mich eines gewissen Lächelns bei seinem Annähern. Er komme zu mir, wie ein asiatischer Despot, und gehe wie ein gezüchtigter Schulknabe.

Ich bin mir dessen nicht bewusst, und werde von nun an über mich wachen. Meinen Weg ruhig fortzugehen, das ist mein Wunsch, nicht jemand zu reizen.

Iwanovens Betragen setzt Alles in Erstaunen; aber mein Erwarten hat es nicht übertroffen. Ich wusste, sie werde die Pflicht niemals der leidenschaft opfern, hier mehr, als jemals ihre Grösse behaupten. Freilich scheint ihr der Eindruck, den die Erhebung des schönen R... auf mich macht, nicht gleichgültig. Ein paar Orden hat er offenbar diesem Umstande zu danken. Um so mehr liegt mir daran, meiner Freunde Ansicht möge nicht die wahre sein, wenigstens nicht bleiben.

Fast wäre der jubel des volkes über mein unverhofftes Erhalten zu laut geworden, fast hätte Iwanova ihrer Grösse dabei vergessen können. Menschlich wäre es gewesen, der Versuchung zu unterliegen; gross und wahrhaft bewundernswürdig war es, ihr zu widerstehen. Wie könnten, nach solchem Beispiele, noch kleinliche Empfindungen bei mir herrschen? – Sie besitzt alle männlichen Tugenden, dass ihr die weiblichen fehlen, ziemt mir nicht, weder zu bespötteln, noch, wenn ich es auch könnte, zu bestrafen. Wohl dem mann, der dich, du Reine! Holdselige! für das Leben gewinnt! werde' ich es sein? – Aber bin ich es nicht schon? – Nein! Nein! noch bin ich es nicht! noch hat sie keine Ahnung von mehr als kindlicher Liebe. Von einer leidenschaft wird sie dennoch beherrscht. sonderbar genug! von der leidenschaft des Wissens. Alles möchte sie lernen. Ergreift das, wozu sie gelegenheit bekommt, mit einer Liebe, mit einer Treue, die mich, wie ihre Pflegemutter, in Erstaunen setzt.

Manches hielten wir für Laune; besonders war diess der Fall bei der Musik. Sie wollte fast alle für sie schickliche Instrumente lernen, spielt jetzt wirklich das Clavier, die Harfe, die Laute mit seltner Fertigkeit und mit unbeschreiblichem Ausdruck. Ihre seelenvolle, himmelreine stimme übertrift das Alles.

sehe' ich sie am Clavier, in der tiefen Trauer um ihren Vater, die sie, trotz allen Bitten nicht ablegt, den blendenden Hals von schweren, blonden Locken umflossen, himmlische Unschuld in den kindlichen Zügen; aber das Feuer der Begeisterung im Auge. – O was sagt dieses Auge! – Wenn ich sie so seheja dann wend' ich mich ab; denn meiner Ruhe droht Gefahr. Meiner, nicht der ihrigen, die ist mir heilig und wird es bleiben.

Allwina, ihre Pflegemutter, sprach noch heute von der Unschicklichkeit dieser beständigen Trauer, wie sie weder ihrem Alter, noch den Umständen angemessen sei. "Endlich" – setzte sie hinzu – "werden Sie sie doch ablegen müssen."

"Ich zweifle." – antwortete Maria. –

"Wie so?" – fragt' ich anscheinend befremdet; aber im Innersten ergriffen; denn ich glaubte diese Worte von düstrer Ahnung begleitet.

"Bin ich nicht eine Vater- und Mutterlose Waise?" – sagte sie mit schmerzhaftem Lächeln. – "Muss ich nicht mein ganzes Leben hindurch trauern? Verzeihung! mein teurer, geliebter Vater! Ich weiss wohl, wie reichlich mir das Schicksal ersetzt hat; aber sehe' ich nicht auch meinen geliebten Vater immerfort trauern?" –

Mich! Sie haben mich niemals in Trauerkleidern gesehen.

"Mein Vater trauert im Herzen!" – sagte sie schnell, mühsam das Weinen unterdrückend. – Ich verstummte. "Sehen Sie, dass ich Recht habe!" – rief sie nun zu Allwina sich wendend – "Lassen Sie mir immer meine Trauer! Sie passt besser als Sie glauben."

Sie behielt Recht; denn wir schwiegen beide sehr betroffen. Brennende Liebe für das Gute, Kraft, gelegenheit es auszuüben, es weit zu verbreitenach ich wähnte, das könne des Mannes Brust ganz erfüllen. – Ich irrte. – O Iwanova! Iwanova! wie vieles von dem, was ich dir einwandte, könntest du jetzt mir zurückgeben, und es träfe mich mehr als es dich traf.

Unglückliche! auf deinem einsamen Trone flehtest du um Liebe, und sie wurde dir versagt. Der ungeheure Schmerz drohte dich zu vernichten, und du fliehest in die arme der Wollust. Ach! das scheinbare Leben hast du gerettet, das wahre geopfert. Warnend ist mir dein Beispiel! und eben darin liegt mein Unglück. – Du wolltest mit dem Mute der Verzweiflung Liebe erzwingen. Wer kann mehr als ich wissen, dass auch der Verzweiflung Mut an diesem Unmöglichsten scheitert? – Nein, Maria! ich schütze dich! schütze dich vor mir selbst! Und wolltest du Dankbarkeit Liebe nennen, und wolltest du dich betrügen, um die schönsten Freuden des Lebens; ich stehe dir zur Seite, und wehre der Täuschung.

Zurück dann! in die innersten Tiefen meines Herzens! Du Ahnung des göttlichen Lebens der Liebe! dass kein Hauch, kein blick dich verrate! Frei soll sie wählen und sich keiner Wahl unterwerfen. Ich danke Euch, Ihr reicht Balsam für die Wunde. Ich danke Euch