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. Sanft legt' ich sie auf den Rasen und kniete an ihre Seite, allentalben nach hülfe umherblickend.

Aber jetzt schlug sie das grosse brennende Auge zu mir auf, zog meine Hand an ihr Herz und fragte noch einmal, mit einer stimme, die mein Innerstes durchbebte: Hassest du mich? –

"Jetzt, oder niemals!" dachte' ich, zog das Papier aus meinem Busen, legt' es zu ihren Füssen, drückte ihre Hand an meinen Mund und zog mich schnell, da ihre Leute herbeieilten, ins Gebüsch.

Lasst mich Atem holen. S.... hatte sie auf sein Lustschloss gebeten, in dessen Nähe die Jagd veranstaltet war. Man hatte sie in einen offenen Wagen gebracht, und eilte das Schloss zu erreichen. Anfangs schien sie in dumpfer Betäubung dem Schwarm zu folgen; aber dann riss sie plötzlich, wie von einem schweren Traume erwachend, das Papier aus ihrem Busen, Feuerröte und Todesblässe wechselten auf ihren Wangen. Dann schoss ein blick aus ihrem Flammenauge und traf gerade den, den er treffen sollte. Aber ich war gefasst und denke, mein Aeusseres müsse weder Trotz, noch Feigheit verraten haben. Ich folgte in stiller Ergebung.

Ihr Wagen hielt. Schon war ich am Eingange sie zu empfangen, wurde aber von S... übereilt. Ihr Unmut darüber war sichtbar; doch erzwang sie ein Lächeln und rauschte mit Majestät an mir vorüber.

S.... hatte alles aufgeboten, ihre Gegenwart zu verherrlichen, und den ganzen benachbarten Adel zu hülfe genommen. Aber sie verlangte allein gelassen zu werden, um sichwie sie sagtezur Freude zu sammeln. Ein Glück für S.... der mitten in seinen Anstalten überrascht war.

Kaum hatte sich der Schwarm zerstreut, als ich zu ihr gerufen wurde. Ich ging ohne Beklemmung.

An die Büste ihres grossen Ahnherrn gelehnt, das Auge von Tränen umdüstert, schien sie mich Anfangs nicht zu bemerken; plötzlich aber wurde sie mich gewahr und kam schnell mir entgegen.

"Wer" – sagte sie mit dumpfer stimme – "wer gab dir den Mut, mir zu schreiben? mir also zu schreiben? Vergassest du, wer ich bin?"

Nein! gewiss nicht!

Wie!

Ich schrieb der grössesten und gerechtesten der Frauen.

Du liebst!

Nein.

Hast nie geliebt?

Niemals.

Unmöglich! – kein Weib rührte dein Herz?

Ich suchte und fand keins.

Was erfüllte dann deine Jugend?

Das Schicksal meines Hauses.

Ach! das Schicksal deines Hauses! War der Gedanke deiner nicht würdig, den Glanz deines Hauses zu erneuern?

Träume des Jünglings müssen dem mann scheinen, was sie sind.

Wie! das müssten sie auch dir? – das müssten auch Träume für dich sein? für dich, der .... Ha Undankbarer! – – Hier lies! lies mir die Worte, die mein Herz, wie giftige Dolche, durchbohrt haben! Lies! aus deinem mund will ich sie hören!

"Was hält dich?" – rief sie abermals mit einem Blicke, der mein Innerstes durchdringen sollte – "Mitleiden? Fort! fort aus meinen Augen!"

Sie selbst eilte fort, das Gesicht in den Händen verbergend.

Endlich erschien sie wieder, das Auge von Tränen geschwollen; aber mit lächelndem mund, mit Hoheit auf der blendenden Stirn. Ein Haufen blumenbekränzter Mädchen eilte ihr entgegen. Das erste brachte ihr kniend ein Danklied. Plötzlich flog ihr blick über die Menge, er suchte mich, fiel dann wieder auf das Mädchen, dann wieder auf mich. – Sie konnte einen grossen entsetzlichen Kampf nicht verbergen. Doch fragte sie nach dem Namen des Mädchens, nach dem Vater, und ein grauer Krieger, der Graf P...., trat hervor.

Noch immer kniete das Mädchen, bis es endlich, von ihrer Hand aufgerichtet, zur Seite trat.

Jetzt verstand ich ihren blick. Das Mädchen schien, besonders in seiner idealisch-ländlichen Kleidung, ein überirdisches Wesen, das Bild der reinsten, vollendetsten Weiblichkeit; doch wahrlich meinem Herzen blieb es fremd. Ich fühlte michleider möchte' ich sagengezwungen, den Schein sogleich von der Wirklichkeit zu trennen.

Die Unglückliche! welche Qual sie selbst sich bereitet! – Ach von Allem, was sie umgiebt, ist sie meinem Herzen immer noch das Nächste. Sie leidet und leidet durch mich.

Das fest dauerte bis tief in die Nacht. Einige lobten, Andere tadelten. Mir blieb alles wie in Nebel gehüllt. Nur die Gestalt der grossen Leidenden wurde mir sichtbar, und verfolgte mich selbst noch im Traume. Ein Sieg war erkämpft, und ich musste ihr diese Nachricht ohne Aufschub verkündigen. Ein schwerer gang! Für andere ein Triumphzug. Ich ahnete, mein ungewöhnliches erscheinen werde ihre Erwartung aufs höchste spannen, und ich hatte nicht geirrt. Sie empfing mich mit strahlendem Auge, in jedem Blicke eine Frage.

Schweigend überreichte ich ihr die Zusicherung ihrer vergrösserten Macht. Sie las; aber das Papier entfiel ihren Händen. Wie plötzlich gelähmt sank sie zurück, und sichtbarer Unmut war über ihr ganzes Wesen verbreitet. "Ist das Alles?" – sagte sie endlich.

Ich bekenne, dass diese Nachricht meine Erwartung weit übertrifft. Durch diesen Sieg ist beinahe ein halber Weltteil erobert.

Und wenn ein ganzer Weltteil nun mein ist, bin ich dann reicher? –

Reicher an Macht, Segen über Tausende zu