was sollte das Engelherz auch verbergen!
Oft, wenn ich nun einschlummerte und Iwanova hervortrat, griff sie schnell nach Mariens Hand, zog sie mit Heftigkeit an das andere Ende des Zimmers und schien das, was ihr Innerstes bewegte, nicht mehr unterdrücken zu können. Aber plötzlich stand sie dann wieder unbeweglich, die Worte erstarben auf ihren Lippen und nur finstere, Unglück verkündende Blicke fielen auf das zitternde Mädchen.
Endlich war die Krankheit überwunden, und mit meiner Kraft kehrte mein Bewusstsein auch wieder. Doch schien mir Mariens beständiges Umschweben, im Anfange nichts als ein beseligender Traum. Ach! dass nicht grosse schreckliche Sorgen, dass nicht blutige Weltändel mich beschäftigten, mir nicht jeden Lebensgenuss entrissen, dass ich sie, die ewig Teure! wie in stiller seliger Häuslichkeit, um mich, mit mir beschäftigt sah – musst' es mir nicht wie ein Traum erscheinen?
Die Krankheit hatte mich weicher, auch gegen mich selbst, gemacht. Ich schien mir losgerissen, freigegeben, nahe dem Lohne für tausendfältigen Schmerz. Ich begriff das Glück, dem ich entsagen wollte, ich sah, dass ich es, grausam gegen mich selbst, absichtlich meinem Auge entrückt hatte, um mich sicherer täuschen zu können. Ach, ich begriff, dass ich ein Mensch war und menschliche Rechte hatte!
unwillig über diese absichtliche Verblendung schalt ich mich feige, ein Gut preis gegeben zu haben, nach dem die Weisesten trachten und beschloss nun es auf das äusserste zu verteidigen.
Worte verrieten mich nicht; aber was bedurft' es der Worte! – O, wie wurde das Engelgesicht durch Erstaunen verschönt, wenn ich die liebe Hand, sie die mich dem grab entriss, an mein Herz zog, mit tausend Küssen bedeckte, und mein von Bewunderung, Dankbarkeit und Liebe trunkenes Auge den blick des Himmelsauges verfolgte! Ich fühlte, dass ich lebte, ich war, ich bin entschlossen zu leben. Die entscheidende Stunde rückt heran. Ich soll sie wiedersehen, sie, die mein Leben der leidenschaft preis gab. Dass sie selbst mich zu sehen verlangt, zeugt von einer Verhärtung, die, wollt' ich noch einen Augenblick wanken, mir meine ganze Kraft wiedergiebt.
Sie kennt meine schwache Seite, sie wird sie benutzen wollen; aber auch darauf bin ich gefasst. Will sie mich dem vaterland entreissen; sie möge es verantworten. Ich will die Bürde wieder aufnehmen, deren ganze Last ich jetzt, da ich frei bin, erkenne. Ich will es; aber Maria ist mein, bleibt mein, oder ich rette diesen Schatz, mit ihm meine Freiheit, um welchen Preis es auch sei.
Morgen also! Wohlan! ich bin bereit. Darauf war ich nicht gefasst! Ich weiss schon! Ihr werdet mich tadeln. Höret! höret! Ich sah sie, wie ich sie niemals gesehen! Werde ich Alles sagen dürfen? – flehend um das, was ich nicht geben kann – und wie flehte sie! – Nein! das sterbe mit mir! – Das ist mein Trost! das ist mein einziger Trost! dass sie die Liebe nicht kennt. Wie könnte sie sonst darum bitten? – sie für irgend einen Preis feil halten? Sie bot einen Tron. Das hat selbst sie, die doch einen Tron nicht überschätzen sollte, verblendet. Das wird Euch verblenden, wie sie.
Seht, es schmerzt mich, dass ich das im voraus schon weiss. Was soll ich weiter schreiben? Ich will Eure Antwort mit Eurem Tadel erwarten. O, ich wusst' es vorher! Die Hoffnung Euch zu überzeugen, geb' ich auf. Aber glaubt Ihr wirklich, ich habe nicht Alles, was Ihr mir vorrechnet, erwogen? Von Pflicht schweiget nur! Das bitte' ich! "Sei es ein Rausch" – sagt Ihr – "möge er verfliegen, möge sie inne werden, dass es nichts war, als ein Rausch; Dir bleibt die Macht, ein Volk zu beglücken, das jetzt schon Retter Dich nennt."
Gross gedacht! Auch schön gedacht? – Ich zweifle! Auch recht gedacht? – Nein! denn ich erkaufe diese – ich gebe es zu – verführerische Macht mit Betrug.
Ihr zuckt die Achseln, spöttisch und mitleidig, starrt unverwandt auf den Zweck und scheltet jeden kleinlich, der auf sich selbst zurück blickt. Ich nicht. Das ist der Unterschied. Er wird unter uns bleiben, wie er von jeher unter uns war.
O, glaubet mir! ich könnte Euern Gründen noch manche, die Ihr nicht ahnet, hinzufügen! Glaubt mir, ich begreife Euch! Dass Ihr mich nicht begreift, ist ein Unglück. Ich könnte ausruhen bei Euch, könnte mich nach dem schweren Kampfe Eures Beifalls erfreuen. Auch das nicht! – Nun, es sei aufgegeben, wie so vieles. Das war falsch! Das war Bestechung! noch dazu verschwendete Bestechung. Also glaubet Ihr, Maria halte mich? Maria müsse man bewegen, mich frei zu geben? O, wie Ihr das Engelherz verkanntet! Vergasset Ihr, wie schnell sich ihre Liebe über Selbstsucht erhob? Wie sie hoffnungslos ihr ganzes Leben mir weihte? – Sagt ihr: sie müsse Der, die ich wähle, dienen, und sie tut es, Dienst und Dienstbarkeit adelnd.
Maria! Maria! sie kennen dich nicht! Werden sie dich begreifen, wenn sie dich kennen? – Und welche Beredsamkeit Ihr verschwendet an der Kunstlosen! Reinen! – Ach ich fühle ein