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und ich, ich Unglücklicher! Wie wird das enden! Noch begreift sie nicht mein niedergeschlagenes Auge, mein Schweigen, glaubt vielleicht das Glück habe mich betäubt. O wäre der Augenblick vorüber, wo ich die Decke wegreissen muss! Aber bin ich nicht auch ein Mensch? und hat mein Herz keine Rechte? – Nein! sie wird mich nicht hassen! Eben weil sie edel und menschlich ist, wird sie mich begreifen, und das Unmögliche nicht fordern. Ach! Tausende wagten ihr Leben an das Glück, was mir nicht frommt. Wohlan, ich rede! Ich mache sie selbst zum Richter über mein Herz. Und, wer weissvielleicht ist es auch nur eine Laune. Ihr habt sonst viel Wesens von meinem Mute gemacht. Seht! jetzt handle ich, wie ein Feiger. Jeden Morgen stehe ich mit dem Vorsatze auf, frei, wie es einem mann ziemt, mit ihr zu reden; aber beim Annähern der Stunde, wo ich sie sehen muss, fühle ich meinen Mut immer mehr verschwinden, die Nacht überfällt mich, und das schreckliche verhältnis besteht wie vorher.

Mir selbst unbegreiflich muss noch immer etwas ihre Hoffnung Nährendes in meinem Betragen liegen, sonst hätte sie mich des Redens längst überhoben. Würde mir nicht die Freude gegönnt, Gutes zu wirken, ich risse mich plötzlich heraus, möchte daraus folgen, was da wollte.

Abends.

In ihren Zimmern soll ich arbeiten. So will sie Entscheidung? – Wohlan! sie möge ihr werden. vorüber ist die schreckliche Stunde! Vielleicht folgen ihr schrecklichereEs sei! scheine ich doch jetzt was ich bin.

Zwei martervolle Tage waren ganz in ihrer Nähe verflossen. Wichtige Geschäfte waren beendigt. Dass ich sie mit Geistesfreiheit, in dieser drückenden Nähe, beendigte, ist mir noch jetzt unbegreiflich; aber mein Entschluss, das abscheuliche Dunkel zu zerstreuen, war fest. Diess ohne Zweifel der Grund meiner unbefangenen Besonnenheit.

Sie bemerkte sie, bemerkte sie abwechselnd mit Bitterkeit und Wohlgefallen. Endlich, da ich ihr die Papiere, zwar mit niedergeschlagenen Augen, aber doch ruhig überreichte, ergriff sie plötzlich meine Hand, und ein kalter Schauer durchdrang mein Innerstes.

Sie wollte reden; die stimme versagte ihr. So standen wir einige Augenblicke. Des Todes Bitterkeit kann mir von nun an nicht fremd sein, ich habe sie während dieses Schweigens empfunden.

"Sie sollten immer hier arbeiten," – sagte sie endlich – "mich dünkt dieses Geschäft wurde schneller, als gewöhnlich, beendigt."

"Ich war in einer besonders glücklichen Stimmung."

"Eben deswegen!" – antwortete sie schnell und richtete ihr durchdringendes Auge fest auf das Meinige. – Ich schwieg; aber mein blick muss geantwortet haben, denn ein hohes Rot überflog ihre Wangen, und meine Hand fiel aus der Ihrigen. Sie wandte sich schnell von mir ab, und ich glaubte mich entlassen; aber kaum hatte ich einige Schritte getan, als ich mich plötzlich umfangen fühlte. Von ihr! von ihr! – Fast leblos starrt' ich vor mir hin, bis ein Tränenstrom aus ihren Augen mir die Besinnung wieder gab.

"Hassest du mich?" – rief sie mit halb erstickter stimme – "Hassest du mich?" – rief sie lauter. Plötzlich entstand ein Geräusch. Ich wollte antworten, als das Geräusch dicht vor den Türen sich verstärkte, und ich, schnell aus ihren Armen mich windend, hinaus eilte. Ich warf mich an den Schreibtisch und gebot meinen Leuten jedermann zu entfernen, schilderte ihr dann den Zustand meines zerrissenen Herzens. Die Nacht hatte mich abermals überfallen; an Ruhe war nicht zu denken. Ich hiess meine Leute sich niederlegen und eilte in die Wildnissso nennt sie den schönsten ihrer Gärten.

Das Papier, das vielleicht über mein Leben entschied, ruhte auf meinem Busen. Lang irrt' ich herum. Nur Augenblicke trat der Mond aus den düstern Wolken. Das Bild meiner seligen Kindheit glitt in seinem Strahl bei mir vorüber. Bittrer Unmut wollte mich ergreifen; da warf ich mich auf eine Rasenbank, und mein blick fiel auf ihre noch immer erleuchteten Zimmer.

"Sie leidet, wie du!" – rief eine stimme in meinem inneren – "Vielleicht mehr noch als du!" – Mitleid besiegte den Unmut, und ich kehrte zurück, fest entschlossen, sie auf das Aeusserste zu schonen. – Vergebens! sie wollte Offenheit. Schon früh am Morgen wurde eine Jagd angesagt.

Es sei ihr ausdrücklicher Befehl: ich solle dabei sein. Mit banger Ahnung hört' ich die Worte des Boten, unterdrückte aber bald, unwillig über mich selbst, diese lähmende Empfindung und ging Iwanova mit Zuversicht entgegen.

Strahlend von Schönheit erhob sie sich über ihre Frauen, und ich schalt mich undankbar und gefühllos. Ach! sie missverstand mich abermals und freute sich ihres Sieges. "Unglückliche!" – dachte' ich – "der es so schwer wird, an Unglück zu glauben! reisst dich dein Schicksal um einen Schritt weiter, so ist die Täuschung auf immner verschwunden!"

Aber sie war fern, etwas ihr Widriges zu ahnen, und benutzte jeden Augenblick, wo sie in meine Nähe gelangen konnte. Ein Reh wurde verfolgt. Abermals schoss sie mit flammendem blick an mir vorüber; als ihr Pferd schäumend sich bäumte, und sie unfehlbar gestürzt sein würde, hätt' ich sie nicht in meinen Armen aufgefangen.

Sie war heftig erschrocken und schien an mir niedersinken zu müssen