Lächeln abzwingen. Bei allen Anderen verriet ich, obwohl beruhigt, minder oder mehr schmerzhafte Empfindungen. Sie hatte es kurz vor unserer entscheidenden Unterredung gedichtet, und ich setze es Euch seiner Einfalt und Herzlichkeit wegen her.
Du bist bei mir, ich bin bei Dir,
Bis an mein Lebens Ende.
Und trennte Dich der Tod von mir,
Wüsst' nicht, wie's um mich stände.
Ach, schleuss mich in Dein Herz hinein!
Dann kann ich ewig bei Dir sein.
Sie sang dieses Lied zu ihrer Laute, nach einer alten, herzerschütternden Melodie. Oft – sagt Wilhelm – haben Tränen ihre stimme erstickt. Dann habe ich – sonderbar genug – mich unwillig von ihr abgewandt und die Augen geschlossen. Endlich aber vermochte sie es, das Lied ohne Tränen zu singen, und bewirkte dadurch, selbst nach dem Zeugnisse des Arztes, meine Genesung augenscheinlich.
Durch den Anblick schöner Blumen, schöner Gemählde, suchte sie gleichfalls wohltätig auf mich zu wirken. Aber bei den Blumen alle grelle Farben, bei den Gemählden alle leidenschaftlichen Gegenstände vermeidend. Oft wählte sie, wenn ich schlummerte, stundenlang unter den Blumen und weinte immer stärker, je länger sie wählte, bis sie dann bei meinem Erwachen plötzlich erheitert zu mir hineilte.
Anfangs hatte ich die Gemählde nur in finsterer Betäubung angestarrt. Aber nun verfiel sie darauf, mir das Dargestellte zugleich vorzusingen, und die im Gesange vorkommenden Personen mit der Hand anzudeuten. Das erheiterte mich augenscheinlich und ich horchte nun mit der gespanntesten Aufmerksamkeit.
So vergingen zehn Tage. Kein Schlaf kam in Mariens Auge. Oft versuchte Wilhelm sie zu bereden, wenigstens die Zeit, wo ich schlummerte, für ihre Ruhe zu benutzen; aber das leiseste Geräusch schreckte sie auf, und so stand sie plötzlich wieder, mit zurück gehaltenem Atem, mir zur Seite.
Auch konnte sich Iwanova nur während meines Schlummers mir nähern, musste fliehen, wenn ich erwachte, irrte so, schattenähnlich hin und her, Verzweiflung im blick, in jeder Bewegung.
Anfangs bezeigte ihr Maria, von Ahnung getrieben, einen fast eben so grossen Widerwillen, wie ich selbst, vermochte aber doch nicht dem Anblicke ihres tiefen Leidens lange zu widerstehen. Die Verzweiflung der Grossen, Gefürchteten, lös'te sich endlich, am Busen des tröstenden Engels in Wehmut auf.
Aber nun wurde Maria auch mit der ganzen, schrecklichen leidenschaft Iwanovens bekannt. Ach, wie sorgfältig hatte ich ihre reine Seele davor gehütet! – Ihr Erstaunen war unbeschreiblich, das Liebe, äusserste Liebe nennen zu hören, was sie mit empörtem Gefühle Hass nennen musste. Wie oft es ihr auch beteuert wurde; sie bestand darauf: es sei ein schrecklicher Irrtum.
"Sehen Sie!" – rief sie aus – "ich liebe ihn auch, werde nicht von ihm geliebt und doch sind alle meine Empfindungen von den Ihrigen verschieden. Wäre es möglich, dass er ein Weib seiner würdig fände, ich wurde mich dennoch glücklich schätzen, in seiner Nähe zu atmen. Wird nicht Alles, was er sein nennt, geheiligt? Ist seine Wahl nicht das sicherste Kennzeichen der Vortrefflichkeit? – Da ein törichter Eigendünkel mich noch irre führte, da ich mich seiner Liebe noch würdig hielt, weil ich die meinige zum Maasstabe meines Wertes machte, da wollte mich auch eine kleinliche Empfindlichkeit niederdrücken, entfernen. Ach, das ist Alles verschwunden! Nur in seiner Nähe ist Leben! Alles Tod, Finsterniss, wo sein Auge nicht leuchtet! Das hab' ich jetzt, bei der Möglichkeit seines Verlustes begriffen."
Denkt Euch meine Empfindung! als Wilhelm mir Alles dieses, in seine treuherzige Sprache übersetzt, bald mit zurückgehaltener Träne, bald mit triumphirendem Lächeln berichtete. Er sass während dieser Unterredung an meinem Bette. Vielleicht glaubte man ihn ganz mit mir beschäftigt, vielleicht setzte Iwanova voraus, er sei doch von Allem unterrichtet; oder, was mir das Wahrscheinlichste ist, sie hielt es, wie gewöhnlich, nicht der Mühe wert, ihn irgend einer Rücksicht zu würdigen. Solche Menschen scheinen den Grossen Würmer, die sie zerdrücken können, wann sie wollen.
In dieser ganzen Ergiessung des unschuldsvollen, himmlischen Herzens, fiel Iwanoven nur die Versicherung auf: Maria werde nicht geliebt. Sie forderte Beweise, und Maria erzählte mit ihrer, alle Herzen gewinnenden Offenheit den Traum und die darauf folgende Unterredung.
"Er wollte mich also" – fuhr sie fort – "nicht allein entfernen, er zweifelte sogar an der Dauer seiner Empfindung, ja er sagte vorher: dass sie nicht dauern werde und könne. Wer, der da liebte, hat jemals Aehnliches versichert oder geahnet? – Bei wahrer Liebe ist schon der Zweifel unmöglich. Liebe hält sich für ewig, und ist es."
"Mädchen, woher weisst du das Alles?" – rief Iwanova.
Woher? O Gott, ich liebe ihn ja!
Jetzt erfolgte ein langes Stillschweigen. Iwanova blieb unbeweglich in tiefen Gedanken mir gegenüber, Maria eilte an das andere Ende des Zimmers, mir Erfrischung zu bereiten.
Aber jetzt schien ich zu erwachen. Iwanova warf noch einen Feuerblick voll Rührung und Bewunderung auf Maria, entfernte sich dann schnell, die sorgenvolle Stirn mit der Hand unterstützend.
Noch am selbigen Abend wurde eine spanische, mit durchsichtigem Zeuge bedeckte Wand in mein Zimmer gebracht, hinter welcher Iwanova mich und Maria Stunden lang beobachtete. Maria wusste das; aber es war nicht die geringste Veränderung in ihrem Betragen zu erspähen. Ach was konnte,