1809_Fischer_016_18.txt

entziehen? –

Mariens Bestimmung kann nicht sein, einen Mann zu betrügen, oder sich einem hinzugeben, der sich mit dem Bewusstsein, er werde nicht geliebt, dennoch mit ihr verbände. O nein! Maria geht ins Kloster. Ist dort glücklicher, als Tausende in der Welt es sind. In ihrem Herzen ist das ewige Leben. Die Liebe, auf ihrem Altare ein sichtbarer Gott, das herrlichste Ebenbild des Unsichtbaren und Ewigen. Dann, wann die Glocken läuten, wann die geweihten Jungfrauen sich nah'n, dann schliessen sich die eisernen Tore zwischen ihr und dem irdischen Wechsel auf ewig! Dann gehört sie ganz ihrer Liebe! Sie schwebte fort, und ich blieb mit namenloser Empfindung zurück. Welch ein Schmerz nagt so schrecklich an meinem Inneren? Ist es Reue? Was, was hab' ich zu bereuen? – Sollt' ich sie täuschen? Sie ins Elend führen? – Aber ist sie jetzt nicht elend? Will sie sich selbst nicht auf das schrecklichste täuschen? – Wer gibt mir Licht in dieser Finsterniss? – Und dabei diese sich stündlich häufenden Geschäfte! Iwanova, die sich mit Sterndeutern und Wahrsagern einschliesst! Jedem unglaublich, der es vor seinen Augen nicht siehet. Die geistvollste Frau, in den schändlichsten Banden! – Unglückliches Volk! wer könnte jetzt dich verlassen? Wilhelm hat Euch geschrieben, und so wisst ihr schon, dass ich von dem schrecklichen Traume erwacht bin. Die Grausame! Getäuschte! Bedauernswürdige! Sie leidet jetzt mehr als ich litt. Dieses Leiden hatten die Schändlichen bei ihren Zaubertränken nicht berechnet. Sie versprachen ihr Liebe, Liebe bis zum Wahnsinn. Sie haben ihr nur gelassen, was sie schon hatte, und ihr, statt dessen, was sie gelobten, nur Reue gegeben. Wo soll ich anfangen, Euch mit der ganzen Abscheulichkeit bekannt zu machen?

Im vorigen Monate bekamt Ihr den letzten Brief von mir. Ich schrieb Euch von einem entsetzlich nagenden Schmerze. Aber das, was ich damals für Seelenleiden hielt, war körperliches zugleich. Ich hatte von den schändlichen Giftmischern, durch Iwanovens eigne Hand, einen sogenannten Wundertrank bekommen, der bis an Wahnsinn grenzende Liebe, wenn auch nicht in meinem Herzen, doch in meinem Blute entzünden sollte.

Schon fühlt' ich das schreckliche Feuer in meinen Adern. Aber eine Menge wichtiger Geschäfte war zu beendigen. Ich arbeitete fort mit brennendem Blute, machte schnell eine Verfügung auf alle mir gedenkbaren Fälle, und widerstand dann noch dem wütenden Fieber, bis mir, mit dem Bewusstsein, alle Kraft zum Widerstand geraubt wurde.

Jetzt, da mir das Vergangene allmählich wieder deutlich wird, erinnere ich mich, in den beiden letzten Tagen vor meiner Krankheit, oft zu Iwanova gerufen worden zu sein, und eine sonderbare neugierige Freundlichkeit an ihr bemerkt zu haben.

Aber mein Ernst und ein eben so sonderbarer, nie empfundner Widerwille, schien in eben dem Grade zuzunehmen. Mit einer Härte, derer ich bis dahin nicht fähig war, schilderte ich ihr die Folgen ihrer gänzlichen Pflichtvergessenheit. Mein exaltirter Zustand machte mir jede Vorsicht, jede Schonung unmöglich. "Ich bin krank!" – rief ich, mit Heftigkeit ihre Hand ergreifend – "Ich bin krank! Sie klag' ich an! denn Sie haben Uibermenschliches von mir gefordert! mit unbegrenzter Sorglosigkeit Alles auf meine Schultern geworfen. Ach, Sie wussten, dass ich das unglückliche Volk nicht verlassen würde! Jetzt werf' ich die ungeheute Last auf Sie zurück! hören Sie mich? Sind Sie erwacht?" – Sie antwortete mit einem lauten Ausrufe des Schmerzens; denn ich hatte mit wütender Kraft ihre Hand fast zerquetscht – "Von Ihnen fordere ich dieses Volk! mag ich der fürchterlichen Krankheit unterliegen oder sie überwinden, von Ihnen will ich es fordern!"

Mit diesen Worten verliess ich sie und war von nun an der Krankheit überlassen.

Folgendes hab' ich aus Wilhelms Erzählung, der, Nacht und Tag nicht von mir weichend, nur das Allgemeine Euch melden konnte.

Er empfing mich beim Eintritt in mein Zimmer mit einem Tränenstrome, und dankte Gott, dass ich mich endlich für krank erklären, und die hülfe der ärzte annehmen wollte. "Maria!" – rief ich. Er stürzte bei diesem Ausrufe mir zu Füssen, schlug heftig an seine Brust, und streckte dann die Rechte gegen Himmel. Ich sah, dass er mich verstanden hatte, und sank auf mein Lager.

Dies ist das Letzte, dessen ich mir bewusst bin. Alles Andere scheint mir nur ein fürchterlich verworrner Traum.

Mein Fieber wurde jetzt so heftig, dass die ärzte nur wenig von ihrer Kunst erwarteten. Bei Iwanovens Anblick schien es Raserei werden zu wollen. Die Unglückliche, Betrogene, war selbst von diesem schrecklichen Zustande nicht mehr fern, und vertrauete, von Verzweiflung getrieben, ihrem Leibarzte das ganze schändliche geheimnis.

Er gab nun einige Hoffnung; drang aber sogleich auf die Entfernung der übrigen ärzte, welche, mit dem wahren Ursprunge der Krankheit nicht vertraut, ihm entgegen handeln konnten. Eben so dringend bat er Iwanova, sich entfernt zu halten, und nur solche Personen bei mir zu dulden, deren Anblick mich nicht zu beunruhigen schien.

Aber diese waren nur Wilhelm und Maria, welche von nun an meine Pflege übernehmen mussten. Ich erkannte sie im heftigsten Fieber, und liess mich von ihnen bedeuten. Besonders schien Mariens Spiel und Gesang wunderbar auf mich zu wirken; doch konnte sie mir nur immer durch ein und dasselbe Lied ein