1809_Fischer_016_15.txt

welch ein göttliches los!

Eine Träne stieg in ihr Auge, und sie wurde wild und freundlich.

Maria an Alexander.

Guten Morgen, mein teurer, geliebter Vater!

Wie prächtig ist die Sonne aufgegangen! Immer, wenn ich die Sonne sehe, denke' ich an Sie.

Mein teurer, geliebter Vater! ich habe diese Nacht einen sehr herrlichen Traum gehabt. Ich träumte, wir wären in einem wunderschönen Garten, wo Sie immer mir zur Seite waren. Darum, glaube' ich, war mir auch so wohl, als mir wachend niemals ist. Wir schwebten mehr, als wir gingen, und Sie waren nicht mein Vater; was Sie aber waren, weiss ich nicht mehr.

Der allgütige Gott möge es mir verzeihen! aber es war mir lieb, dass Sie nicht mein Vater waren; denn ich fühlte mich unbeschreiblich glücklich und selig.

Sie hatten ein weisses, fliegendes Gewand an, und einen Lorbeerkranz in den Haaren, und ich hatte auch ein weisses, fliegendes Gewand und einen Rosenkranz in den Haaren. Sie schienen nicht viel älter, als ichungefähr so alt, wie Graf Perçyund waren nicht freundlicher und gütiger; aber viel freudiger. Ihr Gesicht war, wie lauter Morgenrot, und Ihre Augen glänzten, wie ein paar Sonnen. Doch konnte' ich recht gut hinein sehen, und das machte mich eben so glücklich; denn ich sah, dass Sie gar keine fremde Gedanken und keine Sorgen mehr hatten, sondern immer an mich dachten.

Dabei fällt mir ein, mein geliebter Vater, ob es denn wohl möglich sein sollte, dass ein Paar Menschen nur immer an einander dächten? und sich nur immer über einander freuten? Das müsste ein unbeschreiblich seliger Zustand sein! Aber, o Gott! wenn nun Einer von beiden stürbe? –

Dieser Gedanke hat mich ganz verwirrt und betäubt, und ich muss das Uebrige ein ander Mal schreiben.

Ich lese das wieder über, was ich geschrieben habe, und sehe wohl, dass es sehr schlecht geschrieben ist. Sie sagten mir zwar immer, wenn ich Sie um Unterricht bat: schreiben Sie so, wie Sie sprechen, und Sie werden immer gut schreiben. Aber, geliebter Vater! ich kann wirklich nicht so schreiben, wie ich spreche; denn das Sprechen wird mir sehr leicht, und das Schreiben wird mir sehr schwer.

Das Ende meines Traumes wollt' ich Ihnen nun erzählen.

Als wir so durch den herrlichen, unabsehlichen Garten flogen, begegnete uns mit einem Male Iwanova in einem brennenden Gewande. Ich erschrak und wollte entfliehen; Sie aber blieben unbeweglich. So konnte' ich dann auch nicht weiter, und verbarg mich hinter Ihrem Gewande.

Plötzlich ergriff uns Iwanova, und schleuderte uns in einen brennenden Abgrund. (Die Empfindung während des Sturzes werde ich in meinem Leben nicht vergessen.) Aber die Flammen teilten sich, und ganz unten in der fürchterlichen Tiefe sass ein grosser, herrlicher Engel, der uns mit seinen Flügeln auffing.

Mit einem Male waren die Flammen verschwunden, eine himmlische Musik ertönte, und ein rosiges Licht erfüllte den Abgrund. Wir schwebten immer höher und höher; viel Tausend Sterne um uns her.

Es war, als komme die Musik von den Sternen. Es war, als wären Sie ich, und als wäre ich Sie, und ich wusstewas ich mir so tausend Mal gewünscht habeAlles, was Sie dachten. In dieser seligen Empfindung erwachte ich.

Ach, sie ist verschwunden! aber die Furcht vor Iwanova, und der Widerwille gegen sie, ist geblieben.

Glauben Sie mir, geliebter Vater! Iwanova meint es weder gut mit Ihnen, noch mit mir. So unbegreiflich es auch scheintich darf es nicht verschweigenIwanova hasst Sie.

Lange hab' ich darüber nachgedacht: wie das möglich wäre? endlich glaube' ich die Ursache gefunden zu haben. Iwanova fühlt, dass sie nicht so gut ist, wie Sie, und niemals so gut werden will, dass sie die Grosse heisst, und dass Sie der Grosse sind.

Geliebter Vater! ich bin wohl ein unerfahrnes Mädchen, und habe wohl oft unrichtig und voreilig geurteilt; aber was ich hier schreibe, ist gewiss wahr, es ist so wahr, dass ich darauf sterben könnte. Für Siepflegt mein geliebter Vater dann wohl zu sagen. Nein! nicht allein für mich! Für alle Menschen, die Sie so lieben, und Iwanova so beobachten können, wie ich.

Hat die menschliche Seele ein Ahnungs-Vermögen? Mein geliebter Vater sagt: ja. Nun so ahne ich denn: so gewiss ich lebe, so gewiss die Liebe zu meinem teuern Vater das Beste ist, was ich empfinde und empfinden kann, so gewiss beschliesst Iwanova unser Verderben.

Ist keine Rettung? mein geliebter Vater! Diesen Brief empfing ich gestern von Marien. Ihr könnt denken, wie mich die letzten Worte ergriffen. Wilhelm, den ich alle Morgen mit Blumen und Früchten zu ihr schicke, sagte mir, im Tone des Vorwurfs: sie habe gezittert und geweint. "O Herr!" – setzte er leiser und finsterer hinzu – "fräulein Maria ist nicht gut aufgehoben. Der arme Engel!"

"Wilhelm," – erwiderte ich mit schmerzhaftem Lächeln – "die Engel sind nie arm, und allentalben gut aufgehoben." Er schüttelte den Kopf, und deutete schweigend auf den Brief. Ich las, und sah, dass