verbindet."
"Den Falschen!" – rief sie erstaunt. – "Den wahren!" – sagt' ich schnell einfallend – "Maria spricht von der Grösse, welche ohne die höchste Weisheit und Güte nicht bestehen kann: von der göttlichen. Iwanova besitzt die menschliche. Sie sucht grosse, schöne Zwecke, mit kräftigen, zweckmässigen Mitteln, standhaft zu erreichen. Dass sie aber in der Wahl der Mittel, ja sogar in Ansehung der Zwecke, manchmal irrt, macht eben ihre Grösse zu einer menschlichen. Mit mehrerer Kraft und Einsicht würde sie sich zur göttlichen erheben."
"Ach, mein Vater!" – rief Maria, meine Hand fest in die ihrige schliessend – "Wie wird mir so wohl in Ihrer Nähe! Werden Sie Maria nicht den Irrtümern, diesen Menschen nicht entreissen? die ihren Verstand verfinstern, in ihrem Herzen widersprechende Empfindungen wecken!"
Wir leben ja in denselben Mauern. Maria sieht mich täglich; kann schriftlich ihre Empfindungen zu jeder Stunde mit mir teilen.
Schriftlich!
Abends mündlich.
Abends! und den ganzen Tag sehe' ich Sie nicht.
Das wünscht Maria?
Das fragt mein geliebter Vater! – O Gott! der Tag ist mir ja nur erträglich, weil der Abend darauf folgt! Alles, was ich tue, was ich denke und empfinde, bezieht sich nur auf den Abend. Auf den Abend! – auf meinen geliebten Vater! Wie der allgegenwärtige Gott, so umgiebt er mich. Ich lebe und empfinde nur durch ihn, möchte nicht leben, ohne ihn. Ach! ach! ich kann nicht sagen, was ich empfinde, und möchte es doch so gern.
"Maria!" – sagte ich, all' meine noch übrige Kraft zusammenfassend – "suchen Sie kein Wort für das, was der Worte nicht bedarf. Auszusprechen, was Sie empfinden, tut nicht not; aber sich Ihrer Empfindung deutlich bewusst werden – darum möchte' ich Sie bitten. Sie haben sich in Tibaldy, in Iwanova geirrt. Wie, wenn Sie sich auch in mir, oder vielmehr in der Empfindung gegen mich irrten? – Wie, wenn Ihnen meine Gesellschaft minder angenehm, oder wohl gar lästig ...."
O, reden Sie nicht aus, mein geliebter Vater! Tibaldy! Iwanova! und Sie! – Ach, Maria ist unglücklich! ist sehr unglücklich! Alles verwirrt, verfinstert sich um sie her. Wird Niemand sie retten? Wird Niemand ihr sagen: das ist wahr, das ist Recht, das halte fest, das bist du, das wirst du sein.
Kann ein Mensch dem andern sagen: das wirst du sein?
O ja! Maria kann es! Maria kann sagen: das ist mein geliebter Vater, das wird er sein: Und ob Alles sich verändert, seine Güte ....
Doch, wie kann ich nachschreiben, was sie sagte! Es war die feurigste, leidenschaftlichste Lobrede, die ein Mensch auf den Andern halten kann. Ihr würdet mich den Unersättlichen nennen, würdet sagen: du quälst dich um Liebe, und hier ist Vergötterung. Ja! hier ist Vergötterung, darum traur' ich um Liebe. "Du bist angeklagt!" – rief mir Iwanova, da ich heute zu ihr eintrat, entgegen – "Von Allwina," – sagt' ich lächelnd – "das hab' ich erwartet."
Weil du dich schuldig fühlst.
Weil sie sich schuldig fühlt.
Sie hat Mutterstelle bei Maria vertreten, und du hast ihr mit Undank gelohnt.
Ich habe den Mutternamen an ihr geehrt. Aber sie erniedrigte sich zu einer schändlichen Verführerin, und so ist sie schonender behandelt worden, als ich es vor der strengen Gerechtigkeit verantworten kann.
In Mariens Gegenwart!
Maria darf nicht schwanken zwischen Tugend und Laster, muss beides in seiner wahren Gestalt kennen lernen. Allwina musste unschädlich werden.
Doch hast du ihr nur mit Entfernung gedroht.
Darin hab' ich gefehlt.
Der Fehler kann gut gemacht werden. Ich nehme sie unter meine Damen. Ihr Geschlecht ist eines der ältesten im land.
So wünsche ich, dass sie sich dieser Stelle würdig machen, und ihr Geschlecht ehren möge.
Meine Wahl macht diesen Wunsch überflüssig. Dass sie eine mönchische Tugend für unser Zeitalter nicht passend findet, benimmt ihr in keines Vernünftigen Augen etwas von ihrem Werte.
Im Gegenteil muss dieses ihren Wert in jedes Vernünftigen Augen erhöhen.
So zählst du dich nicht zu den Vernünftigen? –
Was ich von mir halte, kann nicht in Betracht kommen. Was Iwanova von mir hält, beweis't sie durch ihr Vertrauen. Sie legt das Wohl ihrer Völker in meine hände.
Von etwas Anderem! – Maria ist nun allein.
Ich bedaure es – doch ist sie unter meinem Schutze und wird es bleiben.
Den Meinigen scheinst du gar nicht zu rechnen. –
Er ist ein unerwartetes Glück. Stolz und vermessen würde es sein, wenn Maria darauf rechnete.
Nicht wahr, du wünschest ihr weder jenen Stolz, noch diese Vermessenheit? –
Ich müsste ihr Feind sein.
"Nun, was gibt es dort?" – sagte sie, sich verdriesslich zu den Papieren wendend – "du kamst ja heute entsetzlich gesegnet!"
Gesegnet, und mit Segen! Das Volk jauchzt über die Befreiung von der drückenden Abgabe.
Ach ja! es will geniessen, und wir sollen denken und arbeiten.
Seine Gedanken auf das Wohl von Tausenden richten,