fühle Ihren Schmerz; ob ich ihn gleich nicht kenne. Ich liebe Sie, und mein geliebter Vater würde ja zu uns kommen.
Du liebst mich?
Wär' es möglich, Sie nicht zu lieben?
Dieser Mund kann nicht schmeicheln.
"Nein, gewiss nicht!" – rief ich begeistert – "Reiner kann die Wahrheit Iwanoven nicht nahn!"
"Mädchen!" – sagte Iwanova, indem sie Maria forschend betrachtete – "Nein! dein Gesicht kann nicht lügen! So bleibe dann bei mir. Wir wollen einen Bund gegen ihn machen."
"Gegen wen?" – rief Maria im höchsten Erstaunen.
Gegen ihn! Gegen ihn!
Ach, Sie sind noch sehr krank, oder Sie scherzen.
"Beides! beides!" – rief Iwanova, sie mit sich fortziehend – "Heute nichts von Geschäften!"
So reisst sie, mit schonungsloser Hand, den Schleier weg, der mir heilig war. Perçy setzt auf ihren Befehl den Unterricht fort, und Allwina ist ebenfalls bei Marien geblieben. Diese hat, mit ihrer gewöhnlichen Offenheit darauf gedrungen, mich, wie vormals, jeden Abend, und zwar nur in Allwina's Gegenwart, sehen zu dürfen. Das meldete sie mir diesen Morgen. Die ersten Zeilen von der geliebten Hand. Wie oft hab' ich sie gelesen! Wo kann ich sie besser verwahren, als an meinem Herzen? Ich fand Maria mit Allwina im Wortwechsel und fragte nach der Ursache. "Ich sollte" – sagte Maria unwillig – "heute öffentlich am hof erscheinen, und behauptete: diess könne ohne meines Vaters ausdrückliche erlaubnis nicht geschehen. Allwina meinte: da Iwanova es befehle, so könne eine solche Antwort gar nicht Statt finden, und ich müsse entweder gehorchen, oder eine Unpässlichkeit vorschützen. Ich habe aber weder das Eine, noch das Andere getan, und das findet Allwina sehr tadelhaft."
"In der Tat?" – fragte ich, mich zu Allwina hinwendend.
"Unsre Lage" – sagte sie verwirrt und beschämt – "ist verändert, und so kann das, was vormals lobenswürdig war, jetzt sehr unschicklich sein."
"Daraus sollte man fast schliessen" – antwortete ich lächelnd – "es könne etwas sehr schicklich, und doch nicht lobenswürdig sein. Maria – fuhr ich ernster fort – ist jetzt, wie Sie richtig bemerken, in eine ganz veränderte Lage gekommen, und wird sich noch oft in dem Falle befinden, zwischen dem Schicklichen und Lobenswürdigen wählen zu müssen. Nach dem, was Sie jetzt äussern, ist es nicht zweifelhaft, welchem von beiden Sie den Vorzug geben werden." –
Das müssen die Umstände bestimmen.
"Ah! die Umstände!" – rief Maria – "Geliebter Vater! ich beschwöre Sie! sagen Sie mir, ist es wahr, dass die Umstände Alles und alles bestimmen? Ja, dass der Mensch sein Heiligstes den Umständen unterwerfen müsse?
Das wolle der Himmel verhüten!
Sehen Sie, Allwina!
"Sie drücken das," – sagte Allwina errötend – "was ich unter ganz andern Bedingungen behauptete, so hart aus, dass es hier als Unsinn erscheint."
"Das würde es unter jeder Bedingung." – antwortete ich mit Verachtung – "Nicht allein hat Maria Sie, sondern Sie selbst haben sich missverstanden. Wer aber – fuhr ich mit gehaltenem Unwillen fort – sich selbst nicht versteht, vermag nicht einem Andern zu raten, noch weniger ihn zu leiten. Somit haben Sie sich selbst an die Stelle gesetzt, wo Sie nun nach meinem ausdrücklichen Willen verbleiben. Sie sind nicht mehr Mariens Ratgeberin, sondern ihre Gesellschafterin, und bleiben dieses nur, so lange Sie sich jedes Rates entalten."
Ich bin hier auf Iwanovens Befehl!
Und bleiben hier auf ihren Befehl; bei Maria aber nur unter der Ihnen mitgeteilten Bedingung.
Sie eilte fort, zitternd und glühend vor Zorn. "Ach, mein geliebter Vater!" – sagte Maria, nachdem sie bestürzt eine Weile geschwiegen hatte – "Wär' ich doch bei Ihnen! bei Ihnen allein! Fern von diesen Menschen! – O Gott, seitdem ich hier bin, fühl' ich eine Angst! eine Beklemmung!"
Auch ich, Maria, fühlte diese Beklemmung. Auch mich wollte düstre Ahnung zu Boden drücken; doch Mut und Beharrlichkeit hielten mich aufrecht. Maria wird sich auf ihre Unschuld stützen.
Was will Iwanova mit mir?
Ihr Scherz hat es verraten.
Wär' es möglich!
Was ist denen, die kein anderes Gesetz, als ihren Willen kennen, nicht möglich? – Noch befindet sich Iwanova nicht in diesem Falle ....
O ja! ja! Eine schreckliche leidenschaft wütet in ihrem Inneren. Schon kann sie die gemeinste Billigkeit nicht mehr erkennen. Ach, geliebter Vater! darf ich Ihnen etwas gestehen?
Maria? mir!
Man nennt Iwanova die Grosse – wohl mag es verwegen sein – aber ich bekenne, dass sie mir sehr klein erschienen ist.
Maria versicherte: sie liebe Iwanova. –
Ich kannte sie nicht!
Glaubt Maria sie jetzt schon zu kennen?
Ich ahnete wohl, dass mein Urteil unbesonnen und verwegen war!
Ihr Urteil war Ihrer jedesmaligen Empfindung angemessen. "Geliebte," – sagt' ich, ihre Hand ergreifend – "Iwanova verdient wirklich den Namen der Grossen; doch in einem andern Sinne, als den das Volk fassen kann, in einem Anderen, als den Maria mit diesem Worte