verfinstert erschien. Ganz ausser Stand, irgend etwas zu unterscheiden; aber mir doch bewusst, ich befinde mich im Audienzsaal, wo mich Iwanova niemals empfing, stand ich einige Secunden unbeweglich, wollte dann weiter forteilen, als mir plötzlich ein herzzerreissendes Aechzen aus dem Hintergrunde des Zimmers entgegen schallte. Mein Auge folgte dem Schalle, und entdeckte eine menschliche Gestalt auf dem Boden des Zimmers – Iwanova! – Ich glaubte mich in einem schrecklichen Traume; aber es wurde heller und heller und ich fühlte schaudernd, dass ich wachte.
Da lag sie mit zerstreutem Haare, mit hochschlagendem Busen, mit düsterm, von Tränen geschwollenem Auge. "Darf ich," – sagt' ich, vor ihr niederknieend – "darf ich nach hülfe rufen?"
"Wo ist hülfe?" – antwortete sie mit dumpfer gebrochener stimme.
Wenn auch nirgends, doch sicher in Iwanovens Herzen, in ihrem geist.
Das Herz bleibt hoffnungslos, darum wendest du dich schnell zu dem geist.
Ich schwieg und versuchte sie aufzuheben. "Wohin?" – fragte sie schnell. – "Dort!" – sagt' ich, auf den Sessel des Trons, den einzigen in der Nähe, deutend – "dort! auf die Stelle, wohin Iwanova gehört." Plötzlich wandte sie sich nach der entgegengesetzten Seite und lag jetzt mit der Stirn auf dem Boden. Meine Empfindung war unbeschreiblich.
"Muss ich an jeder hülfe verzweifeln," – sagt' ich endlich – "verlässt Iwanova ihr Volk?"
Du hast mich verlassen.
"O Gott!" – rief ich, meiner nicht mehr mächtig – "bin ich zum Schmerze verdammt? – Blüht nun und nimmer eine Freude für mich?"
Nach einem langen, schrecklichen Stillschweigen stützte sie plötzlich das Haupt auf den Arm, sah mich durchdringend an und fragte: "Was macht Maria?"
"Sie lebt" – sagt' ich, indem das Bild des herrlichen Mädchens, wie ein tröstender Engel, vor mich hin trat – "das Leben der Unschuld."
"Ha, Verräter!" – rief Iwanova aufspringend – "Was soll dieser Ton?" Ich verstummte im höchsten Erstaunen; denn, bei Gott! meine Worte waren fast tonlos. "Folge mir!" sagte sie mit glühendem Blicke, und wir gingen in das innerste Gemach, die Geschäfte zu beendigen. –
Sie entschied mit harten, einsylbigen Worten. Ich milderte, wo ich konnte, wollte dann, da sie in ein dumpfes Stillschweigen versank, mich entfernen. "Bleib!" – rief sie schnell, und nach abermaligem Stillschweigen. "Wie stehst du mit Maria? Liebt sie dich?"
Als Freund, als Beschützer. Ob sie mehr noch empfindet, bin ich ausser stand zu bestimmen.
Und das konntest du so lange, so ruhig abwarten?
Freiheit des Herzens ist das heiligste Gut.
Ich wollte keine Sentenz, sondern Antwort!
Ich glaube sie gegeben zu haben. Wie kann ich Freiheit als ein Heiligtum betrachten und es dennoch verletzen?
So empfindet dein Herz nichts, als was die Vernunft ihm befiehlt? –
Mein Herz kann hier nicht in Betracht kommen.
Ihr Eismassen! wer wird Euch begreifen! Aber es ist der Zwang, unter dem Ihr von Jugend auf seufzt. So glaubt Ihr dann, seufzen, entbehren sei das menschliche los.
Glauben wir diess, wehe denen, die uns in diesem Glauben bestärken!
Nichts von der Art! Ich bin jetzt am wenigsten aufgelegt, es zu hören. – Warum ist Maria nicht am hof erschienen?
Iwanova nannte sie vormals die Tochter eines Verwiesenen. Wusste Maria, ob sie als eine solche erscheinen dürfte? –
Ah! du wolltest sie den öffentlichen Blicken entziehn. – So bist du doch eifersüchtig.
Woher das Bedürfniss durchaus etwas Tadelhaftes an mir zu finden?
"Weil ich dich hassen will und muss!" – rief sie, sich mit flammendem Blicke entfernend.
Weil sie mich hassen will und muss? – Warum wallt mein Blut so heftig bei dieser Erinnerung? Hab' ich etwas Anderes erwartet? Ich hatte Marien die Ursache meines Aussenbleibens gemeldet, und ihr die Hoffnung, sie den folgenden Tag zu sehen, mitgeteilt. Doch musst' ich vorher zu Iwanova, da sie Morgens nicht sichtbar ist. Ich trat hinein, und fand Maria bei ihr. –
Wie gewöhnlich flog diese mir mit einem lauten Ausrufe der Freude in die arme, und Iwanova erblasste so schrecklich, dass auch mein Herz plötzlich aufhören wollte zu schlagen.
"Was ist meinem geliebten Vater?" – fragte Maria in himmlischer Unschuld – "Nicht wahr? solch ein Glück hat er schwerlich erwartet?"
Immer auf Iwanova blickend, drückte ich das geliebte Mädchen sanft von mir weg, bis ihr Auge dem Meinigen folgte. Mit einem eben so lauten Ausrufe des Schreckens flog sie nun zu Iwanova, und die Grosse, Gefürchtete, Verzweifelnde lag in den Armen der Unschuld.
Sie fühlte es, und aus ihrem Flammenauge, das zum ersten Male im gemilderten Schmerz niederblickte, ergoss sich ein Tränenstrom, den die Hand des lindernden Engels vergebens aufzuhalten bemüht war.
"Willst du bei mir bleiben?" – fragte sie mit einem Tone, den ich seit den Tagen der Liebe nicht von ihr hörte. – "Gern! o gern!" – rief Maria – "Mein geliebter Vater ist ja auch immer hier."
Sonst bliebest du nicht?
O ja! denn ich