mich auf jedem Schritt von seinen Spähern belauscht, beobachtet. Ich fürchte, er ahnet, wer ich bin. So viel ist gewiss, dass man sich genau nach meinen Schicksalen, nach meiner Hierherkunft, meinem verhältnis zur Familie des Lysias, sogar nach meinem Aufentalt in Syntium erkundigt. Von wem anders, als von ihm, können diese Verfolgungen herrühren? Er möchte gern Meister meines Geheimnisses, und mit ihm Meister meines Willens sein. Schlechtdenkend, wie er ist, kann er, wenn er vermutet, wer ich bin, mir keine andre, als eine niedrige Ursache oder Absicht meiner Verborgenheit zutrauen, er muss notwendiger Weise glauben, mich in seine Gewalt zu bekommen, wenn er mein geheimnis weiss. Das soll er nicht hoffen, der Bösewicht. Er ist mächtig – sein Einfluss ist wieder gross, und das Laster findet überall Gehülfen. Dennoch, wer sterben kann, ist unüberwindlich. Ich werde nie zugeben, dass die Welt und Agatokles mein Dasein erfahre. Drängt er mich aber, und bleibt mir kein Ausweg übrig, mein Leben oder mein geheimnis zu retten; so wird ja wohl der Schöpfer nicht zürnen, wenn das geängstete geschöpf zu ihm flieht, und das letzte Mittel, das mich bei den Goten in gleicher Gefahr hätte retten sollen, mich auch jetzt von den Tükken dieses Ungeheuers befreit. Bin ich tot, dann mag Agatokles wissen, dass die vergessene Larissa noch lange genug lebte, um zu erfahren, dass ein Band, das sie für mehr als Eine Welt geknüpft glaubte, durch die Gewalt einer leichtsinnigen Schönheit zerrissen werden konnte.
Sie lieben sich, das ist gewiss, darüber kann auch die kühnste Hoffnung keinen Zweifel nähren. Ich weiss das aus sichern Quellen, und was ihnen mangelte, ersetzte Sulpiciens Brief. Sie hat mir die Zeichnung geschickt. Calpurnia macht mir ein Geschenk damit. O allmächtiger Gott! S e i n Bild aus i h r e r Hand! Sie bedarf dessen nicht mehr, schreibt die Königin, da das Original beständig um sie lebt! Und Calpurnia schwebt, wie eben der Brief sagt, mitten im Geräusch und Schimmer glänzender Feste, und dortin folgt er ihr! Er, dessen Wesen sonst dieser Art von Freuden zu widerstreben schien, er verläugnet seine bessere überzeugung, er ist nicht mehr Agatokles, er ist der gefällige, tändelnde Liebhaber der reizenden Calpurnia, die er, wie ihr Schatten, überall hin begleitet!
Sulpicia hat mir sehr freundschaftlich, aber in einem höchst schwermütigen Tone geantwortet. So hat denn auch sie der Besitz des Geliebten, der Tron, die Erfüllung aller ihrer Wünsche nicht glücklich gemacht! Sie lud mich ein, mit ihr nach Ecbatana zu gehen. Ich erkenne ihre Güte mit dankbarem Gemüt, ich habe ihr Alles geschrieben, was mein wahrhaft gerührtes Herz mir darüber eingab, aber ich habe ihr Anerbieten standhaft abgelehnt. Ach, wenn ich meinen Zufluchtsort verlassen dürfte, wohin auf der weiten Welt würde ich am liebsten fliehen, als in deine arme!
Zwei Tage später.
Und doch muss ich fort. Das erzürnte Schicksal gönnt mir keine Ruhe. O womit habe ich diese Härte verschuldet! Das Gewitter ist ausgebrochen – auch du wirst seine Wirkungen empfinden – unsre Kirchen sind geschlossen, viele unsrer vornehmsten Mitbrüder sind in Verhaft genommen. Auch dem würdigen Lysias, der einer der Aeltesten der Gemeinde, und ein tätiges, eifriges Mitglied derselben ist, droht dasselbe Schicksal. Indessen ist er entschlossen zu bleiben, und Alles standhaft abzuwarten, was Bosheit oder Rachsucht über ihn zu verhängen beschlossen hat. Er hat Feinde, und weiss nur zu wohl, dass Religionshass nicht zum ersten Male zum Deckmantel kleinlicher Rache dienen musste. Heliodor geht von hier nach Nikomedien, wo unter den Augen des Augustus der VerUmständen bleibt dies Haus keine sichere Zuflucht mehr für mich. Allein zu reisen wage ich nicht, da ich mich so wenig persönlicher Sicherheit erfreuen kann. Es bleibt mir also kein Ausweg übrig, als mit Heliodor zu gehen. Marcius Alpinus ist in diesem Augenblick nach Cäsarea zum Galerius berufen, vielleicht ist dies der einzige Zeitpunkt, der mir zur Flucht übrig ist. Auch haben Heliodor und Lysias mich überzeugt, dass man in einer grossen geräuschvollen Stadt viel eher hoffen kann, unbemerkt zu bleiben, als an einem kleinen Orte, wo jeder Nachbar um jeden Schritt des andern weiss. Ueberdies werde ich nicht in der Stadt selbst wohnen. Eine Viertelstunde davon, am Eingang eines kleinen Gehölzes, liegt ein Dörfchen, dessen ich mich noch wohl aus meiner Kindheit erinnere. Hier von Lärmen und Zerstreuung geschieden, bewohnen einige christliche Wittwen ein einsames kleines Haus, und widmen, da sie in der Welt nichts mehr zu wirken und zu hoffen haben, den Rest ihrer Tage den Uebungen der Frömmigkeit und Menschenliebe. Sie verfertigen die Geräte und Kleidungsstücke für die Kirchen, und dienen in denselben als Diaconissinnen1; aber ihr schönster Wirkungskreis ist die Unterstützung der Armen, der Unterricht der Mädchen, die ihrer Aufsicht übergeben sind, und die Pflege der Kranken, die teils in's Haus gebracht, teils in ihren Wohnungen von den wohltätigen Frauen besucht werden. Zu ihnen wird mich Heliodor bringen. In den Mauern dieses Hauses, das ich nicht verlassen muss, wenn ich nicht will, kann ich ganz unbemerkt und verborgen leben, und der Beruf dieser Wittwen gibt meinem gehaltlosen Dasein Zweck und Wert. Morgen reise ich ab. Wir werden, um alle Nachforschungen zu täuschen, die Strasse nach Apamäa einschlagen, und