Wesen, wie in seinem natürlichen Elemente. So vergingen acht volle Tage, ehe ich die Zeichnung von ihr erhalten konnte. Heute endlich gab sie sie mir, und sogleich geht ein Sclave ab, um sie dir zu überbringen. Wie schön, wie beglückend wäre es für mich, wenn du dich entschliessen könntest – wozu der Sclave, der den Brief bringt, Befehl hat, alle Anstalten zu treffen – wenn du dich entschliessen könntest, mit ihm hierher zu kommen, und mir noch einmal, wahrscheinlich das letzte Mal in meinem Leben, das Vergnügen deines Umganges zu gewähren! Ich gehe sehr bald mit meinem König und Gemahl nach Armenien. Meine Gesundheit ist zwar etwas besser, als sie in Syntium war, aber doch so gebrechlich, dass ich wenig Hoffnung habe, eine so weite Reise noch einmal zurück zu machen. Die ärzte und auch Tiridates versprechen mir viel von der Veränderung des Klima, von der reinen Luft in den armenischen Gebirgen. Es ist möglich, dass sie Recht haben, aber es liegt ein Gefühl in mir, das allen diesen Hoffnungen widerspricht. Der tödtlich verwundete Baum prangt noch mit Blättern und Früchten, der achtlose Wanderer freut sich des Schattens, und hofft auf künftigen Genuss; aber von der Sonnenschwüle der leidenschaft versengt, vom Gewittersturm im innersten Lebenskeime verletzt, welkt er langsam seinem Untergange zu. Wie kann er vom lauen Herbst mit seinen kurzen Tagen, seinen frostigen Lüften sich Heilung versprechen? Nur der milde Einfluss des Frühlings vermochte es vielleicht, aber – der Frühling des Lebens, der Frühling der Liebe ist dahin!
Du hast um dauerndes Wohl für mich zu deinen Göttern gebetet. Mit Rührung habe ich deiner Liebe gedankt, und dich beneidet, du glückliche, die in tiefen Bedrängnissen, wo keine menschliche Kraft mehr ausreicht, ihre Zuflucht gläubig zu höhern Mächten nehmen kann. Ich kann nicht hoffen, ich kann nicht beten; denn ich kann nicht glauben. Unsre Gotteiten sind leere Schattenbilder, und an taube Mächte, die des Sterblichen los nach eisernen Gesetzen lenken, kann ich kein Gebet verschwenden. O komm, Teophania! komm, und bringe mir deine sanften Tröstungen mit, flösse meinem Herzen deinen beglückenden Glauben ein! Wie gern will ich mich dir ganz hingeben! Und da dein Herz durch kein süsses Band hienieden gehalten ist, so ergreife das einzige, was dir übrig ist, schlinge es noch fester, und folge mir nach Ecbatana. Dort soll die treueste Freundschaft sich bemühen, deine Wunden zu heilen, und dir deinen Verlust erträglich zu machen. Tiridates, dem ich von meinem Wunsch gesagt habe, lässt dich durch mich seiner achtung versichern, und vereinigt seine Bitte mit der meinigen. Wie schön würden die letzten Tage in Nikomedien sein, wie manche Beschwerlichkeiten der Reise würden verschwinden, wenn du sie mit mir teilen wolltest! Bedenke das, meine teure Freundin! und lass mich einer günstigen Antwort entgegen sehen.
64. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.
Nicäa, im Jänner 303.
Die toten massen fangen an sich zu regen, und es kommt wieder Leben und Bewegung in mein einförmiges Dasein. Begierde und Widerstand, Vorurteil und Uebermacht erregen Kampf und Gährung auf dem grossen Schauplatz der Welt, und in dem Mikrokosmus, der mich hier umgibt. Die Kräfte, die bisher ungebraucht schliefen, erwachen, da sich ihnen würdige Gegenstände der Tätigkeit darbieten, und ich werde bald wieder ganz das sein können, wozu mich natur und Umstände bildeten. Der lange glimmende Funke ist in Flammen ausgebrochen, der Krieg des Polyteismus gegen den Christianismus erklärt. Galerius hat die kluge Gleichmütigkeit des alternden Augustus zum Wanken gebracht, und ihn bewogen, lange geprüften grundsätzen zu entsagen. An allen Orten ist den Christen befohlen worden, ihre Tempel zu schliessen, ihre Opfer einzustellen, keine Predigten zu halten, und jeder Versuch, Proselyten zu machen, wird mit dem tod bestraft1. So neigt sich also wenigstens für den Augenblick das Zünglein der Wage auf die Seite der alten Ordnung; auf wie lange – wird die Zeit lehren. Indessen sind meine Freunde tätig gewesen, warte nun nächstens einen angemessenen Wirkungskreis zu erhalten. Ich werde ihn mit Vorsicht benützen, und über der Gegenwart nicht die Zukunft ausser Acht lassen. Constantin ist ein zu glänzendes Gestirn, um sogleich nach seinem Aufgange zu verschwinden, und der Plan, das Christentum zu unterdrücken, oder gar zu vertilgen, wird wohl ein fruchtloser Versuch bleiben. Indessen, so lange man sein Glück mit Verfolgen machen kann, verfolge man, doch immer mit gehöriger Klugheit und Feinheit, um den Uebergang zum Gegenteil nicht unmöglich zu machen. Nie wird ohnedies ein verständiger Mann das rechte Maass überschreiten – nur Rasende oder Schwärmer stürzen sich über Hals und Kopf in eine Partei.
So viel vom Oeffentlichen, worin du nun bald wieder den Namen deines Marcius wirst nennen hören. Etwas weniger günstig, aber nicht weniger lebhaft, bewegt es sich in meiner kleinen Welt. Die fromme Teophania ist eigensinnig, und ihre beschränkte Denkart setzt meinen Wünschen Hindernisse entgegen, die mich nur heftiger reizen. Sie muss mein werden, auf welche Art es sei. Nicht, dass ich so sehr verliebt in sie wäre – aber die Erscheinung ist neu, und mich unterhält das Sonderbare. Die Art der gewöhnlichen Weiber kenne ich auswendig, da ist nichts mehr, was mir unerwartet wäre, nichts mehr, das meine Phantasie spannen könnte. Bei Teophanien öffnet sich mir eine neue Welt, und ich fühle seit langer Zeit zum