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, auf dem nicht mehr gesellschaftliche Verhältnisse, sondern die Schicksale von Tausenden an dein Herz sprechen, dich an ein unbedeutendes Wesen zu erinnern, das du einmal freundlich aufgenommen hast. Aber wenn ich mich schon gern bescheide, und wohl weiss, dass die Beherrscherin von Armenien, und die römische Matrone nicht mehr eine und dieselben Angelegenheiten haben können, so würde ich doch selbst der achtung, die du mir eingeflösst hast, zu nahe treten, wenn ich dich eines unzeitigen Stolzes, und eines übermütigen Vergessens jener Empfindungen fähig hielte, die dir noch vor einigen Monaten wichtig waren. In dieser schönen Zuversicht wage ich es, noch einmal an dich zu schreiben, und vor deiner Abreise von Nikomedien mein Andenken bei dir zu erneuern.

Du stehst nun am Ziele deiner Wünsche. Heil dir, meine geschätzte Freundin! Und möge die Gegenwart und Zukunft deinem Herzen mit Wucher die Leiden Glückes erfreut, dass ich warme Gebete für dein Wohl zum Himmel gesandt, wirst du mir glauben; denn du konntest es voraussetzen. Wenn diese auch vor einem andern Altar, zu einer andern Gotteit emporstiegen, so wird doch, was auch deine Meinung von ihrem Erfolg sein mag, deine Meinung über die Absicht derselben gewiss richtig sein. Ja, dauerndes Glück, wie es dein Herz verdient, hat deine Freundin für dich erflehen wollen; und wenn mein Gebet nicht ganz verworfen wird, so muss es dir wohl ergehen.

In meiner Lage hat sich, seit ich Syntium verliess, wenig geändert. Ich lebe still und verborgen. Meine Ansprüche auf Glück in jedem Sinne des Wortes sind längst aufgegeben, ich verlange nichts als Ruhe und Vergessenheit, und das hoffe ich noch zu erreichen. Meine Freuden bestehen darin, dass ich Zeugin der häuslichen Zufriedenheit einer schätzbaren Familie bin, die mich als eines ihrer Glieder betrachtet, und mich mein Alleinsein in der Welt, so wenig als möglich, fühlen lässt. Ihnen wieder Freude zu machen, ist mir eine süsse Pflicht, und so wage ich es, dir eine Bitte vorzutragen, deren ich schon in meinem ersten Brief erwähnte, und deren Erfüllung du mir so gütig zugesichert hast.

Es war bald nach meiner Ankunft in Nicäa einmal die Rede von dem feierlichen Tag in Nikomedien, als der Tribun die Siegesbotschaft brachte. Ich erzählte, dass ich eine wohlgelungene Zeichnung dieser Scene gesehen, und mit Vergnügen die Richtigkeit der Umgebungen sowohl als den Ausdruck der leidenschaft auf den Gesichtern der versammelten Menge bewundert hätte. Mein gütiger Hauswirt, der selbst Kenner und Künstler ist, äusserte den lebhaften Wunsch, dies Blatt zu sehen. Ich schwieg, weil ich die Schwierigkeiten wohl einsah, die seiner Erfüllung im Wege standen; indessen hielt ich es für meine Pflicht, wenigstens Meldung davon zu machen, und ersuche dich nun, dich für mich, oder vielmehr für den achtungswerten Lysias bei der schönen Calpurnia zu verwenden, und uns die Zeichnung für einige Tage zu senden. So bald sie gesehen und bewundert sein wird, soll es mein angelegentlichstes Geschäft sein, sie so wohlbehalten und schnell als möglich wieder zurückzustellen. Ich fühle wohl, dass meine Bitte etwas unbescheiden ist; aber ich hoffe, der Zweck derselben wird sie bei Calpurnien entschuldigen, und den Unmut mildern, der vielleicht in die Seele deiner reizenden Freundin gegen mich entstehen könnte. lebe' wohl!

63. Sulpicia an Teophania.

Nikomedien, im December 302.

Wenn schon der blosse Anblick deiner Briefe hinreicht, mir ein angenehmes Gefühl zu geben, so ist ihr Inhalt immer von der Art, um mein Gemüt auf's anziehendste zu beschäftigen. Der letzte traf mich in einer der seltenen einsamen Stunden, wo ich, müde von Pracht und gehaltlosem Gepränge, mich mit Lust in mich selbst versenkte, und die Bilder der Vergangenheit vor mir vorüber gehen liess. Dein Brief versetzte mich um so lebhafter in jene Zeit. Der schöne Abend in Syntium, deine freundliche Erscheinung, dein Trübsinn, der meiner Schwermut so schmeichelnd antwortete. – Alles stand wieder hell vor mir, und ich flog zu meinem Tische, um dir zu sagen, dass keine Zeit, keine Veränderung meines Schicksals dein Bild aus meiner Brust vertilgen wird, und wie sehr es mich freut, dass du mir achtung genug für's Schöne und Gute zutrauest, um mich keiner solchen Vergesslichkeit fähig zu halten. Das Alles wollte ich dir schreiben, als mir deine Bitte einfiel, und ich mich nun bescheiden musste, erst Calpurniens Ankunft zu erwarten. Sie kam in wenig Stunden zu mir herein gehüpft. Ich trug ihr deinen Wunsch vor, sie gewährte freuen, dass ihre Arbeit Beifall gefunden hatte, dass man sie zu sehen wünschte, und in diesem angenehmen Gefühl beschloss sie, die Zeichnung dem Kenner Lysias, oder vielmehr dir, zum Geschenke zu machen, indem sie noch eine wohlgelungene Copie davon besitzt, und das Original der Hauptfigur ohnedies jetzt immer um sie lebt, und ihr ein Porträt überflüssig macht. Sie bittet dich, es als ein Zeichen ihrer achtung, und ein Andenken an jenen Abend anzunehmen. Das Alles war in der ersten Viertelstunde ausgemacht; aber wie hätte, sie in dem abwechselnden Geräusch von Unterhaltungen und öffentlichem Gepränge Zeit finden sollen, an ihr Versprechen zu denken? Die Friedensfeier, die Saturnalien, und meine Vermählung haben Nikomedien in einen Schauplatz der lebhaftesten Bewegung und der lautesten Fröhlichkeit verwandelt, und in diesen Zerstreuungen, die einem ernsten Gemüte eher Anlass zum Missvergnügen und zu Betrachtungen geben, lebt und webt dies leichte liebliche