welche schon vorhanden sind, in ein blendendes Licht zu stellen.
Tiridates mit allen seinen guten Eigenschaften als der Sohn eines Bürgers, der etwa durch Unglück sein Vermögen verloren hätte, würde unser Mitleid erregen, und wir würden uns freuen, wenn ihm der Zufall wieder sein väterliches Gut zurückgäbe. Aber hier ist ein Fürst, der letzte Sprössling eines erlauchten Hauses, an dessen Willen einst das Schicksal von Millionen hing, durch einen Usurpator seines Trons, seiner Rechte beraubt, und verfolgt, nur durch die Treue eines alten Dieners gerettet. Dieser Fürst hat nun sein Reich mit hülfe seiner Freunde erobert. Er ist wieder König, sein Wille lenkt wieder das Geschick von Tausenden. Wie ganz anders ist dieser Eindruck! Und wenn das Gemüt durch jene Erzählung vorbereitet ist, den merkwürdigen Mann mit günstiger Stimmung zu betrachten, dann vollendet noch eine schöne Gestalt den Zauber des ganzen Bildes. Wer kann sich dessen ganz erwehren? Wer wird läugnen, dass der schöne Tiridates als Privatmann, oder der Fürst in alltäglicher Bildung nicht halb so interessant sein würde? Das wissen auch die Dichter, und darum stellen sie uns so gern Fürsten, Helden, Götter der Erde dar, lassen sie von grossen Schicksalen gebeugt, oder erhoben werden, und schildern sie uns obendrein als vollendete Schönheiten.
Gegen Abend kam er mit Agatokles zu mir. Jetzt war der Zauber verschwunden, und in der einfachen friedlichen Toga, im freundschaftlichen Gespräch gewann dieser bald wieder seinen alten Platz neben, oder selbst vor Tiridates in meinem geist. Ich fand ihn etwas heiterer als sonst. Die tiefe Schwermut, die ihn vorher beinahe zu jeder geselligen Freude unfähig machte, hatte sich in einen sanften Ernst verwandelt; er war freundlich, aber still, und wortarm. Tiridates hatte beschlossen, schon den folgenden Tag nach Syntium zu gehen. Ich erhielt einen Tag Aufschub von ihm, weil ich es notwendig fand, Sulpicien erst auf diesen Besuch, und das ersehnte Ziel aller ihrer Leiden und Wünsche vorzubereiten. Am dritten Tag reiste er endlich im Gefolge eines Heeres von Sclaven, Pferden und Kameelen, die königliche Brautgeschenke trugen, ab, um seine Braut zu holen. Der Empfang soll ganz so gewesen sein, wie ich dachte, voll Zärtlichkeit und achtung auf der einen, voll Entzücken auf der andern Seite. Sobald Sulpicia sich von dem Freudensturm erholt hatte, wurde sie in einer prächtigen Sänfte von acht reich gekleideten Cappadociern, die in kleinen Absätzen von Andern abgelöst wurden, so schonend und so feierlich als möglich nach Nikomedien gelbracht, und ich empfing sie am Tore des prächtigen Hauses, das Tiridates schon lange gekauft, und mit königlicher Pracht hat einrichten lassen.
Hier blieb sie acht Tage bis zu ihrer Vermählung, und diese wurden grösstenteils mit Zubereitungen, mit Wahl der kostbarsten Stoffe, Juwelen, Gerätschaften u.s.w. höchst angenehm zugebracht. Am Tage des Friedensfestes, das der Augustus sehr feierlich beging, wurde auch die Vermählung des armenischen Königs vollzogen, und Sulpicia erschien mit einer Pracht, die fast die Augusta und ihre Tochter, des Cäsars Gemahlin, verdunkelte. So will es Tiridates, der nichts unterlässt, wodurch er der Welt die achtung zeigen kann, mit der er seine Frau behandelt. Seit diesem Tag dauert nun das fröhliche Leben, von dem ich dir im Anfange schrieb, und nichts stört meinen Genuss, als der trübe Gedanke, dass es nicht mehr lange währen, und dann eine tödtliche Leere an seine Stelle treten wird. Tiridates führt seine Frau, so bald die Feste vorüber sind, nach Ecbatana. Sulpicia hat sich ziemlich erholt, und wird im stand sein, die Reise ohne Schaden für ihre Gesundheit zu unternehmen. Ihr Gemüt ist beruhigt, und so die erste Quelle ihres Uebels gehoben. Ich hoffe jetzt auf ihre gänzliche Herstellung, aber ich werde ihre Abwesenheit sehr schwer empfinden; ich werde sie, ich werde Tiridates überall vermissen. Jetzt, wo alle Zweifel verschwunden, alle ängstlichen Spannungen aufgelöset sind, und sein Geist sich ungehindert und frei entfalten kann, kannst du dir keinen Begriff machen, welch' ein angenehmer Gesellschafter er ist, höchst liebend würdig als Fürst und Mensch. Seine Heiterkeit belebt auch Sulpicien, und unser Umgang ist angenehm und fröhlich. Freilich wird Agatokles hier bleiben; wird aber sein Ernst, seine wortarme Unterhaltung im stand sein, mich für jenen Verlust zu entschädigen? Ich zweifle sehr. Er ist ein Feind aller lauten Freuden, alles Schimmers, aller öffentlichen Belustigungen; er war sogar entschlossen, während der Festlichkeiten nach Syntium zu gehen, und dort ganz allein seinen Gedanken und Schwärmereien zu leben. Du musst gestehen, dass das doch zu arg war; auch liessen wir ihn diesen trübsinnigen Vorsatz nicht ausführen, und er ergab sich zuletzt unsern vereinigten Bitten und Nekkereien. Wie er sich dann betragen wird, wenn unsre Freunde ferne sind, und wieder Alles stille um mich geworden ist, das wissen die Götter; ich sehe dieser Zeit mit einer Art von Schauer entgegen. Doch weg mit den trüben Gedanken! Sie sollen mir die gegenwärtige Lust nicht verderben. Und so lebe' wohl, lieber Bruder! Ich eile zu Sulpicien, um im Umgange meiner Freunde jede düstre Regung zu verscheuchen.
62. Teophania an Sulpicien.
Nicäa, im December 302.
Es mag vielleicht unbescheiden von mir scheinen, zu einer Zeit, wo die grosse Welt mit Allem, was sie Glänzendes verleihen kann, Anspruch auf dich macht, und du den erhabenen Schauplatz betreten hast