, und führte mich unter einem leichten Vorwande bei Lysias ein; da sehe und spreche ich sie nun täglich, ich stelle mich, als kennte ich sie nicht, begegne ihr mit grosser achtung, schone ihre Vorurteile, und habe nun schon so viel herausgebracht, dass sie ihren Agatokles für untreu hält, und desswegen ihre Verborgenheit nicht verlassen will. Das hat sie mir nun freilich nicht so geradezu erzählt, aber ihre fragen und Erkundigungen sagten mir Alles, was ich wissen wollte. Sie ist leicht zu betören, wie alle die frommen und arglosen Menschen ihrer Art, aber sie gefällt mir, und ich hätte Lust, sie in mich verliebt zu machen. Schön ist sie nicht, aber, beim Jupiter, kein gemeines geschöpf. Eine kleine Narbe auf der einen Wange entstellt sie ein wenig, aber ihr Wuchs ist edel, ihr dunkles Auge, das sich langsam unter seidenen Wimpern wendet, hat einen sehnsüchtigen anziehenden Ausdruck, ihre arme sind vorzüglich schön, überdies ist sie eine Christin, und eine höchst andächtige. Es wäre doch lustig zu sehen, welchen Contrast die irdische Venus mit allen diesen Erhabenheiten machen würde, und zu versuchen, ob es nicht möglich wäre, den phantastischen Jugendgeliebten aus ihrem Herzen zu verdrängen. Der Spass lohnt wohl die Mühe einer kleinen Vorstellung, und belustigt mich im Voraus. lebe' wohl!
61. Calpurnia an ihren Bruder Lucius Piso.
Nikomedien, im December 302.
Stehlen muss ich die Zeit, liebster Bruder, um dir zu schreiben, und meine alte Schuld abzutragen. Aber du kennst meine Unart. Es kostet mich Mühe, zum Schreiben zu kommen, wenn ich aber einmal anfange, kostet es mich eben so viele, wieder aufzuhören. So wirst du zwar wenige, aber desto längere Briefe von mir bekommen. Wir leben jetzt in einer unruhigen fröhlichen Zeit. Wie Schade ist's, dass du nicht teil daran nehmen kannst! Feierlichkeiten und Unterhaltungen jeder Art wechseln mit einander ab, Hoffeste, Volksfeste, Hochzeitfeste, Friedensfeste, und deine Schwester spielt bei allen diesen Herrlichkeiten, als Tochter des Proconsuls, und Freundin der a r m e n i s c h e n K ö n i g i n , eine gar nicht unbedeutende Rolle. Ich erscheine fast jeden Tag öffentlich bei irgend einem feierlichen Aufzuge, und ich müsste doch wahrlich kein Mädchen, ich müsste so etwas von einem Stoiker oder Cyniker sein, wenn es mir nicht eine wahre Angelegenheit sein sollte, jedesmal in einem so viel wie möglich neuen und passenden Anzug zu erscheinen. Das kostet Zeit, Nachdenken, Arbeit. Rechne dazu die vielen Stunden, welche Gastwirst leicht begreifen, dass deiner geschäftigen Calpurnia in ihrem weitläufigen Hauswesen wenig Zeit übrig bleibt. Zuweilen könnte ich wohl ein Stündchen finden, aber bald ist ein Freund, bald Braut und Bräutigam da; es wird geschwatzt, gescherzt – wer kann dem Reiz der geselligen Freuden widerstehen? – und so verfliegt der Tag, wie eine Minute. Wenn ich dann Abends müde auf mein Lager sinke, wiederholt Morpheus gefällig die Freuden des Tages in noch schönern Bildern. Ich bin so vergnügt, wie ich seit Langem nicht mehr war, und fühle, dass sich in diesen Freuden, als in meinem eigentlichen Elemente, mein ganzes Wesen auf's leichteste und angenehmste entfaltet.
Doch ich plaudre in einem fort, ohne zu bedenken, dass du unmöglich wissen kannst, was ich meine. Nun so will ich denn einmal die flatternde Phantasie beim Flügel haschen, und sie zwingen, recht sittsam und ordentlich zu erzählen, wie sich Alles begeben hatte. Vor zwanzig Tagen ungefähr hielten der Augustus, Galerius und Tiridates ihren feierlichen Einzug in Nikomedien. Es war eins der glänzendsten Feste, das ich je, selbst in Rom, gesehen hatte. Die angesehensten Einwohner, alle öffentlichen Autoritäten zogen ihnen im prächtigsten Anzuge und mit feierlichem Gepränge entgegen; aber Alles verschwand vor der Pracht des ankommenden Hofes. Der Kaiser zwar und Cäsar Galerius machten trotz des ausserordentlichen Schimmers, der sie umgab, nicht viel Effekt, wenigstens nicht auf mich, und ich glaube, halb Nikomedien (so hoch wird sich wohl das weibliche Geschlecht hier belaufen) war einerlei Meinung mit mir, was auch die sogenannten Verständigen oder die Schmeichler von ihren bedeutenden Physiognomien, dem Herrscherblick, den Heldenstirnen sagten. Für mich waren es ein paar alte Herren ohne alles Interesse. Desto prächtiger nahmen sich dicht hinter ihnen die Prinzen Constantin und Tiridates aus. So herrlich, so blendend, wie diesmal, hatte ich sie nie gesehen. Sie ritten auf stolzen Pferden mit allem Anstande geschickter Reiter, die Sonne zog blendende Funken aus ihren Rüstungen, und die Helmbüsche wogten auf und nieder, wie sich ihre Pferde tanzend unter ihnen bewegten. Ihre schönen Gestalten waren durch die schimmernden Umgebungen sehr erhoben, und die Stimmen zwischen dem edlen Ernst des blonden Britten, und dem freundlichen Feuer des dunkeln Armeniers geteilt. Nicht weit davon im Gefolge ihrer ersten Offiziere befand sich Agatokles. Auch sein Anzug war prächtig, wie es die Feier und sein Stand forderte, aber ich muss dir aufrichtig bekennen, so wohl er mir damals gefiel, als die Blicke des ganzen Volkes an ihm als Siegesboten hingen, so verschwand er heute gänzlich vor der Schönheit und dem Glanz der beiden Fürsten. Was auch die Philosophen sagen mögen, Schönheit und hohe Geburt sind keine so ganz gleichgültigen Eigenschaften, und wenn sie auch keine Verdienste verleihen, so dienen sie doch dazu, die,