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aus eignem Widerwillen, oder weil der Sclave auch die Neigungen seines Herrn kriechend teilt, und mich in meinem Freunde hasst, weiss ich nichtseitdem habe ich ihn die Gesinnung, die mir sein Betragen einflösste, deutlich merken lassen, und seinen Einfluss verachtet. Jetzt in seiner Verbannung hat er, uneingedenk alles Vorgefallenen, mir seine guten Dienste anbieten lassen. Die verächtliche Seele! Er weiss viel, sein Einfluss war bedeutendwas ich zu tun habe, werde ich sehen. Es ist nichts so gering, so verwerflich, das nicht, an seinen rechten Platz gestellt, zweckmässig gebraucht werden könnte, und meine Zukunft, folglich auch meine Maassregeln liegen noch in tiefem Dunkel. Dass ich nichts Unwürdiges tun werde, weisst du. Aber was Notwehr und drängende Verhältnisse fordern, kann nicht mit dem Maassstabe ruhiger Fassung gemessen werden, und die Moral des Menschen und des staates nicht dieselbe sein. Gegen den, der sich Alles erlaubt, muss die Vernunft selbst alle Mittel ohne Unterschied ergreifen heissen, sonst sind unsre Waffen nicht gleich, und die gute Sache unterliegt ängstlichen Rücksichten. Doch, bei Gott! Eneus, bei dem, der für's Wohl der Menschheit sein Leben gab, nur die Notwehr wird mich solche Mittel ergreifen machen! Auf den Höhen der Politik kehren wir wieder in den Stand der natur zurück, wo nur das Recht des Listigern oder Stärkern gilt. Galerius hasst mich, er hasst die Christen, er will sie verfolgen. Es wird ein harter, ein gewaltiger Kampf entstehen; aber ich hoffe, der Himmel und Cato werden dann auf e i n e r Seite stehen1.

An meinen teuren Vater habe ich vor zwei Tagen geschrieben, und mich umständlicher über meine Lage erklärt. Er ist wohl so gut, dir zu erzählen, was zweimal zu schreiben mir weder meine Neigung, noch meine Zeit erlaubt. lebe' wohl!

Fussnoten

1 Die Stelle, auf welche sich diese Anspielung bezieht, ist aus dem Lucan:

Magno se judice quisque tuetur.

Victrix causa Diis placuit, sed victa Catoni.

59. Agatokles an Phocion.

Nikomedien, im December 302.

Es werden beinahe zwei Monate vergangen sein, seit du keinen Brief mehr von mir erhalten hast, und da jetzt meine Zeit wieder freier ist, hast du wohl gegründetes Recht, Nachricht von mir zu fordern. Ich bin mit dem Cäsar, Constantin und Tiridates seit einigen Tagen hier. Der Kaiser hat mich zum Tribun unter den Jovianern ernannt. Bis in dem Quartiere der Leibwache Platz für mich gemacht wird, wohne ich bei meinem Vater, der Mich mit besonderer Güte behandelt, seit mein verhältnis zu Constantin, und glückliche Umstände mir eine bedeutendere Existenz verschafft haben. Uebrigens ist mein Leben wie vorhin. Ein trüber Gedanke verlässt mich nie, und vergebens suche ich ernstlich, mich in dem Umgange einer liebenswürdigen Freundin zu zerstreuen, deren Vorzüge vermögend wären, vielleicht in jedem andern Herzen frühere Eindrücke zu verlöschen. Bei mir ist ihr Zauber verloren. Ich achte ihre Verdienste, ich erkenne die seltne Macht ihrer Reize, ich fühle mich erheitert, so lange ich um sie bin; aber die Leere meiner Brust auszufüllen, vermag sie nicht.

So von der Wirklichkeit abgestossen, und unfähig, ergreift der Geist desto heftiger die Ideen, die sich ihm darbieten. Und so höre nun, Phocion, was eigentlich mich abhielt, dir schon längst zu schreiben. Glaube nicht, dass es Mangel an Erinnerung oder minderes Verlangen war, dir alle meine Gedanken mitzuteilen; es war Unschlüssigkeit, Furcht, möchte ich beinahe sagen. Es ist eine peinliche Lage, wenn verschiedene Schicksale zwei Freunde zu sehr verschiedenen Arten der Ausbildung und überzeugung führen, so, dass dem Einen zuletzt nichts übrig bleibt, als dem süssen Trost zu entsagen, mit dem geliebten Freunde über den wichtigsten Punkt der erkenntnis gleichstimmig zu denken. Dann zögert der Mund, das auszusprechen, was schon längst in Beider Herzen bereit lag, und die Hand weigert sich, der Tafel die inhaltschweren Worte einzugraben.

Doch muss es geschehen. Höre denn, mein Freund mein geständnis, und lass mich hoffen, dass der Zwiespalt in unsrer erkenntnis keinen Zwiespalt in unsern Empfindungen hervorbringen werde.

Ich bin ein Christ. Vor vier Wochen habe ich vor einer kleinen Anzahl meiner Glaubensgenossen feierlich das Bekenntniss jener Wahrheiten und Lehren abgelegt, die längst schon mein ganzes Wesen mit inniger überzeugung ergriffen hatten. Dass es so kommen würde, war mir langst gewiss, und auch dir wird diese Nachricht nicht unerwartet sein; aber meines Vaters wegen bleibe dieser Schritt noch so lange verborgen, bis nicht dringende Umstände mein öffentliches Bekenntniss fordern. Das bin ich ihm schuldig.

Nun habe ich errreicht, was ich so lange als das Ziel dunkler heftiger Wünsche suchte, das Höchste, Beste, was der Mensch erreichen kann. Ich bin einig mit mir selbst, gewiss über meine Bestimmung in diesem, mein los im andern Leben; jeder Zweifel ist gelöset, und jede Pflicht liegt klar und deutlich vor mir.

Um meine überzeugung so viel als möglich in deinen Augen zu rechtfertigen, wende ich mich zur Beantwortung der neuen Anklagen und Vorwürfe, die deine letzten Briefe, welche ich in Nisibis empfing, gegen meinen Glauben entalten.

Du schilderst mir in dem ersten derselben mit wahrhaft dichterischem Feuer die Lieblichkeit der griechischen Mytologie, und die schönen Bilder, die sie den Sinnen in jeder Art der Wahrnehmung darbietet. Nicht fähig, ihren Wert für die überzeugung und Moralität der