1808_Pichler_085_9.txt

müsste mich ganz schrecklich irre führen, wenn ich nicht glauben sollte, er finde wenigstens eben so viel Vergnügen an meinem Umgang, als ich an dem seinen. Vielleicht eben des grellen Abstandes wegen, der im Anfange zwischen unsern Charakteren zu sein s c h i e n ? S c h i e n ! sage ich mit Vorbedacht; denn es zeigt sich immer deutlicher, dass wir im grund über die meisten und wichtigsten Dinge, ziemlich gleich denken. Zuweilen entsteht wohl ein kleiner Streit, aber das dient nur, den Umtausch der Gedanken zu befördern, und die Unterhaltung zu beleben. Uebrigens schadet es unserer Einigkeit nicht. Agatokles ist, wenn er bei genauerer Bekanntschaft die spröde Aussenseite ablegt, ein sehr angenehmer Gesellschafter. Unter andern lieset und declamirt er vortrefflich, und es ist einer meiner köstlichsten Genüsse, mir von ihm die besten Stellen, aus unsern Dichtern, die er fast alle auswendig weiss, vorsagen zu lassen. Zuweilen löse ich ihn auch wohl ab. Du weisst, es war von jeher eine Lieblingsübung von mir. Und dann, liebe Sulpicia, unter uns gesagt, geht meine Eitelkeit nicht leer aus. Ich sehe, oder eigentlich, ich fühle wohl, dass die Leserin ihn weit mehr anzieht, als der Dichter selbst: und je strenger der Mann gewöhnlich ist, je süsser, schmeichelt es, dieses. Eis am Strahle der F r e u n d s c h a f t schmelzen zu sehen. F r e u n d s c h a f t ! Merke das Wort wohl, liebe Sulpicia! keine Liebe; denn ich bin seine Vertraute, und weiss, dass sein Herz, wie es einem ächten Schwärmer geziemt, teils der ganzen Menschheit angehört, teils mit seinen, feineren Neigungen einem schönen Schattenbilds zugewandt ist, das noch aus den rosigen Tagen der Kindheit in himmlischem Lichte vor seiner Seele schwebt, und ihn für alle irdischen Reize unempfindlich macht. Du siehst, ich weiss schon Manches, und habe damit nicht auf deine Ankunft warten dürfen. Nein, ich habe ihm einen teil seiner Geheimnisse mit freundlicher Herzlichkeit abgefragt, ich habe den Kummer bemerkt, der dies edle Herz drückt, und ihn zu erforschen gesucht, und er hat sich der ungeheuchelten Teilnahme wahrer F r e u n d s c h a f t nicht verschlossen. Seine Unzufriedenheit mit dem Zeitalter, seine Besorgnisse für die Zukunft, seine Trauer um die bessere Vergangenheitist jetzt nicht mehr Gegenstand unsers Streites, und die Zielscheibe meines Scherzes. Seit ich weiss, wie tiefen Anteil mein Freund an ihnen nimmt, wird über diese Materien ernst und würdig gesprochen, und mit Vergnügen sehe ich denn am Ende eines solchen Gesprächs die Gewitterwolken, die im Anfange seine Stirn umzogen, verschwunden, und seinen blick mir freundlich und dankbar strahlen. Sogar sein gespanntes verhältnis zu seinem Vater hat erfreilich nur leiseberührt, und ich achte seine Zurückhaltung in diesem Punkte, und dringe nicht weiter in ihn. Scheint es doch, er hätte willig Alles, worüber er Herr war, der Freundin mitgeteilt, und halte nur mit dem zurück, was er nicht ganz sein nennen kann!

Gekannt möchte ich das Mädchen wohl haben, das seine Kindheit und erste Jugend verschönerte. Schön ist sie nicht gewesen, das sagt er selbst, aber gut und höchst liebenswürdig. Nun das versteht sich von selbst, wenn ein Liebhaber, sie schildert. Bis in sein achtzehntes Jahr ist er mit ihr umgegangen, seitdem hat er sie nicht wieder gesehen. Ob nun gleich die folgenden acht Jahre für seine entwicklung sicher die bedeutendsten waren, so ist doch ein Jüngling, wie Agatokles, mit achtzehn Jahren reif genug, um einen solchen Eindruck auf Zeitlebens fest zu halten. Das kann ihm bei der Wahl seiner künftigen Gattin immer schaden, oder auch nützenwie du willst; denn es wird ihn behutsam und ekel machen. Ich finde es nicht übel, wenn ein Jüngling ein idealisches Bild von Würde, Grösse, Tugend in seiner Brust trägt, und die Welt um ihn her an diesem grossen Maassstabe misst. Er und sie gewinnen dabei, denn er wird nichts Gemeines und nichts gemein tun. Mag das Ideal nun die Gestalt irgend eines berühmten Mannes, eines grossen Helden, wie Miltiades dem Temistokles1 war, oder eines holden Weibes tragen; das ist in Rücksicht der wirkung einerlei.

Du siehst, Liebe, wie gelassen, wie wahrhaft philosophisch ich die Sache betrachte. Hörst du wohl? Philosophisch! Du musst mir das Wort gelten lassen. Es bezeichnet ganz eigentlich das, was ich andeuten will. Philosophie ist Liebe zur Weisheit. Und ist der nicht weise zu nennen, der sich bemüht, mit klarer ruhiger überlegung alle Dinge auf der Welt in den gehörigen Beziehungen und A b s t ä n d e n von sich zu stellenund zu erhalten? Das allein führt zur Gemutsruhe, und nur bei Gemütsruhe kann Weisheit wohnen. Nach dieser Definition, die mir ziemlich richtig scheint, käme es nun darauf an, zu bestimmen, wer eher Anspruch auf den Titel eines Philosophen machen kannIhr leidenschaftlichen Seelen, die ihr Alles mit düsterem Ernst betrachtet, die Welt als einen ewigen Kampfplatz der Tugend mit dem Unglück oder Laster anseht, und Alles schwer ertraget, weil ihr eben Alles recht schwer nehmtoder wir andern frohmütigen Geschöpfe, die wir uns von keiner Sache tiefer bewegen lassen, als sie es verdient, vor