verlieren, so Vielem zu entsagen, und doch nicht zu verzweifeln – dazu gehört unmittelbare Unterstützung von oben, wirkung der göttlichen Gnade, um die ich in unablässigem Gebete ringe. "Betet, so wird euch gegeben werden!" Ja es wird mir gegeben werden – nicht das, was mein Herz, vielleicht irrig, für mein Glück hielt – aber das, was ich bedurfte, um seinem Verluste nicht zu erliegen, Geduld, Kraft und Frieden.
Glaube aber nicht, meine Teure, dass mein Gemüt immer so ruhig ist! Nein, deine arme Freundin ist nicht in jeder Stunde so unbegreiflich stark, um den Verlust von Agatokles Liebe, und den Entschluss, dein Anerbieten auszuschlagen, mit stillem Gleichmut zu ertragen. O es ist mir oft, als wollte es mir die Brust zerreissen, wenn ich bedenke, was ich gehofft habe, und wie es nun geworden ist! Zuweilen schweben mir Bilder aus der Vergangenheit vor, zuweilen, wenn ich das stille Glück betrachte, das Fulvia, die Gemahlin des Lysias, geniesst, wenn ich die Liebe und achtung bedenke, mit der diese Gatten sich behandeln, die tausend kleinen Geschäfte des Lebens, die durch Liebe, Zärtlichkeit, Treue und Aufmerksamkeit so namenlosen Reiz erhalten, und sich mir dann der Gedanke aufdringt, was ich als Agatokles Gattin hätte werden können – o dann, Junia! gehört mehr als menschliche Kraft dazu, um nicht zu verzweifeln. Dann bleibt mir keine Rettung als im Gebete, das oft die Hälfte meiner Nächte einnimmt, und in Heliodors düster erhabnen Ansichten der Welt und Zukunft. Er reisst mich mächtig empor, er, der die leidenschaftliche Liebe zu einem Geschöpfe verdammt, während er sein Leben der Menschheit widmet, er, dem der Landsmann, der Verwandte nicht näher steht, als der Wilde, für den er eben so willig sein Blut vergiesst, er zeigt mir meine Pflicht in einem wunderbaren, erhabnen kalten Lichte, und so weh seine Vorstellungen meinem Gefühle tun, so mächtig stärken sie meinen Willen, und erhöhen meine Kraft.
Ich habe an Sulpicien geschrieben, mit verstellter Hand, um jeder Entdeckung vorzubeugen. Ich will mir diesen Weg offen erhalten, um etwas Zuverlässiges von Calpurniens Verhältnissen zu erfahren. Sie hat mir geantwortet, ganz so, wie ich es erwartet hatte; ihre Antwort hat nichts an meinem Entschlusse geändert. Nächstens werde ich ihr wieder schreiben, ich will es wagen, Calpurnien unter einem schicklichen Vorwande um jene Zeichnung bitten lassen, die mir die volle Gewissheit meines Unglücks gab. Es ist s e i n Bild. Ach, ich habe sonst nichts von ihm, und muss das einzige von meiner Nebenbuhlerin erbetteln! Ach Junia!
Ist einst dieses Band, wie es Sulpicia selbst zu erwarten scheint, wirklich geknüpft, verlassen vielleicht die glücklichen Gatten Asien, was doch möglich wäre, oder hat die Zeit auch die letzte Spur meines Andenkens in seiner Brust verlöscht – dann komme ich zu dir, dann birgst du mich im Schatten deines Hauses, und gönnst mir einen Anteil an der Besorgung deines Hauswesens, an der Erziehung deiner Kinder, deiner Enkel, die bis dahin deine spätern Jahre verschönern werden, damit mein Dasein nicht ganz nutzlos verschwinde, und ich, wenn der milde Befreier der gefangenen Seele erscheint, mit dem Bewusstsein aus der Welt scheide, doch Einem Menschen Etwas gewesen zu sein. lebe' wohl!
58. Constantin an Eneus Florianus.
Nikomedien, im December 302.
Die Zeit wird immer fruchtbarer an begebenheiten und Saamen für die Zukunft. Der Krieg mit den Persern ist durch einen glorreichen Frieden geendigt, wir haben unsern triumphähnlichen Einzug in Nikomedien gehalten, und Diocletian begegnet dem Galerius mit einer achtung, die vermutlich die ehemalige schimpfliche Strafe gut machen soll. Galerius müsste nicht sein, wie er ist, wenn er dies Gefühl des Unrechts nicht mit gewaltiger Hand ergreifen und zu seinem Besten nützen sollte. Ich weiss zuverlässig, dass er die Ueberlegenheit, die ihm dies Gefühl und die sinkenden Kräfte des alternden Augustus geben, missbraucht, um diesen zu manchem Schritte zu zwingen, oder zu ü b e r r e d e n – wer entscheidet das? – der eine langerprobte Klugheit Lügen zu strafen droht. Man spricht sogar hier und da, aber nur höchst geheim davon, dass Diocletian freiwillig die Regierung niederlegen, den mailändischen Augustus zu demselben Schritte bereden, und sich dann in die Einsamkeit nach Salona, wo er sich in Geheim und lange schon einen lieblichen Aufentalt zubereiten lässt, begeben wird. Dann würden Galerius und mein Vater Augunehmen? Mir hier keinen Nebenbuhler, keine Creatur des düstern Galerius vorkommen zu lassen, soll meine sorge sein. Ich habe fürstliches Blut und fürstlichen Sinn von meinem Vater geerbt, und deine Unterweisungen haben mich gelehrt, das, wozu mich natur und Geschick beriefen, mit festem Gemüt zu erkennen, und zu ergreifen.
Marcius Alpinus ist von Galerius entfernt, und Präfect in Nicäa geworden, er, dieser gewandte Höfling, der Günstling des Cäsars, ein kriechender Schmeichler, ein erklärter Feind der Christen, und darum seinem Gebieter bis jetzt scheinbar unentbehrlich. Aber wer wäre dem Galerius unentbehrlich! Genug, er ist entfernt, und spielt in Nicäa die Rolle des Philosophen, der, des Hofes und der Welt satt, nur sich allein leben will. Ich habe ihn von jeher verachtet. Seit er aber bei jeder gelegenheit, und erst neulich bei Agatokles Beförderung zum Tribun, diesem mit heimlicher Bosheit entgegen war – ob