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entfliehen oder verworren auf den unstäten Wellen schwanken, so bringt es doch seine natur mit sich, dass er mit allen seinen Kräften wieder in seine vorige Lage zu kommen strebt, und sich nach und nach selbst beruhigt. Dann sieht der Wanderer, der ihn in seiner stillen Verborgenheit aufsucht, nicht die Flut selbst, er sieht nur die Bilder des Ufers und den schönen blauen Himmel, der ihm aus der klaren Tiefe entgegen strahlt. So ist es mir ergangen, meine Geliebte! Von selbst, ohne äusseres Zutun, hat sich mein Herz wieder gefunden; der stille Friede und mit ihm ein teures Bild sind in dasselbe zurückgekehrt. O es war eine traurige Zeit, als ich ihn nicht mehr lieben zu dürfen glaubte, als ich i h n für leichtsinnig und flatterhaft halten musste! Es war ein Aufruhr in meiner natur, eine gewaltsame Verwirrung derselben. Ich muss ihn mir selbst sein soll. Ich bin es wieder, und das ist das Kleinod meiner Brust. Jetzt strahlt der stille Spiegel wieder nur sein teures Bild zurück, und ich darf wohl sagen, es ist mir wie der Flut, die selbst verschwindet, und nur den Himmel zeigt. Ich will mich gern selbst vergessen, wenn nur Er glücklich ist.

Du wirst vielleicht glauben, dass ich ihn gesehen, oder sonst etwas von ihm gehört hätte. Nein, meine Liebe! Aus meinem inneren, aus den Erinnerungen an meine Jugend, aus der Zusammenhaltung mehrerer Umstände, aus der überzeugung von seinem Werte ging die kräftige Beruhigung hervor. Selbst deinen Brief habe ich erst erhalten, als es bereits stille in mir war. Was er entielt, gab mir noch höhere Kraft und das angenehme Gefühl der Uebereinstimmung mit der edelsten Freundin. Ja, meine Liebe, er ist ganz entschuldigt! Er steht rein und tadellos vor mir, und das macht mich glücklich, so wenig beneidenswert sonst meine Lage ist. Nur der Gedanke, an ihm zweifeln zu müssen, kann mich wahrhaft unglücklich machen, denn er stört meinen Frieden. Ihn lieben, und die Tugend lieben, ist Eins bei mir! Aber wenn auch diese überzeugung die unerlässliche Bedingung meiner Seelenruhe ist, so ist sein Besitz kein Recht, das ich von der Vorsicht als ein Eigentum ansprechen darf. Jenes hat sie mir gewährt, weil Seelenfrieden zu unserm Seelenheile notwendig ist. Unsre Glückseligkeit ist es aber nicht, und so darf ich diese nicht ansprechen, und tue es auch nicht. O meine Junta! wie glücklich ich geworden wäre, wenn es Gott gefallen hätte, uns zu vereinigen, wage ich nicht zu denken. Mir schwindelt vor dieser Höhe von Seligkeit, die vielleicht für dies Leben zu gross gewesen wäre! In dieser Furcht beruhigt sich mein Herz, und bescheidet sich, die Wonne des himmels nicht schon hienieden zu geniessen.

Mein Vorsatz, unbekannt zu bleiben, steht daher noch immer fest. Es tragen manche Nachrichten, manche Ueberlegungen dazu bei, es rührt auch wohl manche Ansicht aus Heliodors Umgange her. Ich will mich bemühen, dir Alles klar und deutlich zu machen, so deutlich, als ich es f ü h l e ; aber es ist schwer, Gefühlen Sprache zu geben, und was wir als entschieden wahr empfinden, dem Andern eben so klar einsehen zu machen.

Es lebt hier ein gewisser Marcius Alpinus, derselbe, der zum Nachfolger meines verstorbenen Gemahls bei dem Heere bestimmt war, und dessen Ankunft der gekränkte würdige Held nicht erwarten wollte. Er kennt mich also nicht persönlich, so wenig, als ich ihn je gesehen habe; aber er kennt Alles, was in Nikomedien und am hof von einiger Bedeutung ist, und so denn auch das Haus des Proconsuls, seine schöne Tochter und ihre Verhältnisse. Irre ich nicht, so haben ihre Reize selbst einigen Eindruck auf ihn gemacht; aber wie das bei solchen Weltmenschen geht, es gleitet Alles leicht über ihre abgeschliffenen Seelen hin, und so auch die Liebe. Von ihm habe ich nun durch schickliche fragen und Erkundigungen so viel erfahren, dass Calpurniens verhältnis zu Agatokles kein geheimnis ist, und dass man in der grossen Welt ihrer Verbindung als einem sehr wahrscheinlichen Ereignisse entgegen sieht. Wie soll ich bei diesen Verhältnissen den Mut haben, hervorzutreten? Wie leicht könnte es geschehen, dass Agatokles durch mein Dasein mehr erschreckt als erfreut würde, dass er dann aus Rechtschaffenheit ein Band zerreissen würde, das ihn glücklich machen könnte, um sich in ein verhältnis zu schmiegen, das ihm fremd geworden ist, und nicht anders als drückend sein würde? Und würde ich dann glücklich sein? Nein, meine Liebe! Viel besser ist's, er erfährt nie, dass ich lebe; so erspare ich ihm Beschämung, Rene, eine schwere Wahl, oder eine noch mühsamere Treue, die mich unglücklicher machen würde, als seine Sinnesänderung.

So bin ich still und fest entschlossen, meinem Plane treu zu bleiben, und aus eben der Ursache kann ich dein Anerbieten, nach Apamäa zu fliehen, nicht annehmen. Dort bin ich bekannt, dort könnte es mir nicht gelingen, unter meinem Christennamen unerkannt zu bleiben, und ich muss diesem Glücke, wie so manchem andern, entsagen. Ich muss hier, wie so oft in meinem Leben, sagen: Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gebenedeiet. Ach, wenn ich d e n Trost nicht hätte, wie könnte ich mein Schicksal ertragen! So viel zu