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Wie wenig Freuden hattest du genossen! Aber ich beweinte mich selbst, ich betrauerte das Schicksal deines Freundes, und hier komme ich auf jenen Punkt deines briefes, mit dem ich unmöglich zufrieden sein, oder dir beistimmen kann. Agatokleslass mich immerhin diesen Namen nennen, den du so geflissentlich in deinem Briefe zu vermeiden scheinstist, so wie ich es war, von deinem tod vollkommen überzeugt. Die Gründe dieser überzeugung und überhaupt die wirkung, die diese Catastrophe auf ihn gemacht hat, kannst du am besten aus dem Briefe unseres Freundes Apelles kennen lernen, den ich dir hiermit in einer getreuen Abschrift beilege. Er ist aus Trachene, dem Schauplatz jener unglücklichen begebenheiten, geschrieben. Wenn du ihn gelesen hast, wirst du selbst bekennen müssen, dass Agatokles keine Ahnung deines Lebens haben konnte. Die weibliche, von Wunden entstellte Leiche in prächtigen Kleidern, die man in deinen Zimmern gefunden, für dich gehalten, und begraben hatte, und die wahrscheinlich jene Melyte war, deren Eitelkeit sie zu diesem Schritte verleitet hatte, musste ihm und Apelles jeden Zweifel, jede noch so schwache Hoffnung benehmen, besonders da die toten schon begraben, und keine Spur deiner Rettung zu finden war. Es ist also sehr natürlich, dass Agatokles keine weiteren Nachforschungen anstellte, und keinen Gedanken mehr nährte, die, die er unter dem Hügel von Trachene begraben hielt, an den Ufern des Borystenes zu suchen. So viel zur Beantwortung deiner ersten ungerechten Klagen über diese vermeintliche Gleichgültigkeit. Dass es eine kleine Falschheit war, mit der du Heliodor nach Syntium locktest, fühlst du selbst, und ich sage dir nichts darüber; aber wie magst du so erfinderisch sein, dich selbst zu quälen, und aus einem freundschaftlichen Scherze, aus dem zufälligen Zusammentreffen einiger Umstände dir ein ganzes Gewebe von Untreue, Verrat und gewissem Unglücke zu bilden? Ich weiss von sehr guter Hand, dass nicht Calpurnia, sondern Sulpicia in Syntium wohnt, dass Agatokles ihr diese Villa aus Freundschaft eingeräumt, und ihre Freundin sie dort besucht hat, wie sie an jedem andern Ort getan haben würde. So bedeutete ihre Anwesenheit gar nichts in Rücksicht auf den Besitzer der Villa; denn ihr Besuch galt nicht ihm, sondern Sulpicien, und es wäre dir leicht gewesen, durch einige geschickte fragen die Wahrheit herauszubringen, wenn dein empörtes Herz dir Unbefangenheit genug hierzu gelassen hätte.

Ich will hierdurch nicht sagen, dass du keinen Grund hättest, unruhig zu sein; ich bin vielmehr nach allen Nachrichten, die ich aus Nikomedien erhalte, beinahe überzeugt, dass Calpurnia einen bedeutenden Eindruck auf ihn gemacht hat, dass jene Verhältnisse, die schon in Rom anfingen, hier fortgesetzt worden sind, und durch die Gewissheit, dass jedes frühere Band zerrissen sei, an Stärke und Rechtmässigkeit gewonnen haben. Sie hat ihm, als er mit der Siegesbotschaft ankam, ein sinnreiches fest gegeben, an dessen Schlusse sie ihm einen Lorbeerkranz um's Haupt wand, und dessen Inhalt ihm ihre Empfindungen für ihn auf eine eben so feine als schmeichelhafte Weise zu erkennen gab. Das Alles ist wahr, und deine Besorgnisse nicht zu tadeln; aber ihnihn sollst und kannst du nicht so hart beschuldigen. Er ist ein Mann. Männer haben andre Gefühle, andre Pflichten als wir. Ihr Wirkungskreis ist der Staat, die Welt; der unsrige sind unsere Kinder, unser Haus; jenem gehören ihre besten Kräfte. Wir würden die Ordnung der natur verkehren, wenn wir einen ausschliessenden Anspruch an alle ihre Tätigkeit, alle ihre Empfindungen machen wollten. Wenn nun bei dem grossen Treiben und Regen aller edleren Kräfte des Menschen, im Feld oder in wichtigen Staatsgeschäften, worin ihn Constantin braucht, bei der Gewissheit deines Todes, die ihn fast an den Rand des Grabes brachte, bei den unausgesetzten Bestrebungen der schönen und schlauen Calpurnia, einen Eindruck auf sein wundes Herz zu machen, wenn, sage ich, bei allen diesen Umständen dein Bild nach und nach in Schatten zurück weicht, kannst du ihn so hart anklagen, so unnachsichtlich tadeln? Kannst du dir ein grosses Verdienst aus deiner festern Treue machen, du, die ihn am Leben weiss, und die durch keine Zerstreuung, keine Verführung von ihm abgelockt wird?

Aus allen diesen Gründen kann ich deinen Plan, dich ihm ganz zu entziehen, und die Rolle der Verstorbenen fortzuspielen, unmöglich billigen. Wie leicht kann ein Zufall dein geheimnis entüllen? Wie tief müsste es deinen Freund, wenn seine Hand noch frei ist, schmerzen, diese Entdeckung nicht dir selbst verdankt zu haben? Und wenn es zu spät wärewas würde deine und seine Lage sein! Mich schaudert vor dem Gedanken. Das überlege wohl, meine Geliebte! ehe du auf dem begonnenen Wege weiter schreitest. Auf mich kannst du jedoch in jedem Fall sicher zählen, ich werde dein geheimnis treu bewahren, obwohl ich nicht mit deiner Ansicht verstanden bin, und sehr wünsche, dich von der Untunlichkeit und Gefahr dieser G r i l l e – verzeih meiner Freimütigkeit den Ausdruckzu überzeugen. Teophania! Du gehst auf einem schlüpfrig steilen Wege. Er kann dich an den Rand des Abgrundes, er kann dich in den Abgrund selbst führen, und du stürzest nicht allein hinein, du reissest auch deinen Freund mit dir.

Wenn du denn aber wirklich für ihn unsichtbar bleiben willst, so entziehe dich mir nicht, jetzt, wo keine Pflicht dich mehr abhält, dem Rufe der Freundschaft zu folgen. Komm zu mir!