in Collisionen mit unsern Gespielinnen, uns, die wir nach nichts Anderem streben, als mit allen Kräften einen Gegenstand auf ewig fest zu halten, und keinen grösseren Schmerz kennen, als ihn zu verlieren, sei es durch den Tod oder durch Wankelmut. Doch nein – nicht gleichviel! O, meine Teophania, ich kenne dein Schicksal nicht ganz, aber fast möchte ich dich beneiden! Der Tod entriss dir den Gemahl, den liebenden, den treuen, in der Zeit, als, nach deinen Jahren und deiner Trauer zu urteilen, eure Liebe noch in schöner Blüte stand, und der Quell der Empfindung voll und rein durch eure beiden Herzen floss. Du liebst ihn noch, obgleich die Urne seine Asche birgt, und du hoffst nach deinem Glauben, in einer Region des Lichts und unzerstörbaren Freude ihn wieder zu sehen. Ihr Glücklichen! Eure Liebe hat eure Verbindung, sie hat Euer Dasein überlebt. O! weh denen, deren Dasein, deren Verbindung ihre Liebe überlebt! Wenn Eines kalt und abgestorben an des Andern Seite kaum noch den Schatten jener Entzückungen nachzubilden fähig ist, die es einst hinrissen, wenn jenes Feuer, in dem sich die trunkenen Seelen zur Götterwonne emporschwangen, zu matten Aeusserungen achtungsvoller Freundschaft herabgekommen ist, wenn die glühende Brust des länger Getreuen vergebens ihr Feuer in die kalte Asche zu strömen sucht, und ein ungeheurer Schmerz um das, was war, und nicht mehr werden kann, die tief erregte Brust zerreisst, die mit allen ihren Wunden, sich nur in abgemessener Förmlichkeit an einen Marmorbusen gedrückt fühlt – das ist Schmerz, Teophania! wütender, verzehrender Schmerz, und dass er der letzte ist, ist das einzig Tröstliche daran!
Du hast, wie es scheint, meine geliebte Freundin! einen flüchtigen Scherz, den wir uns in deiner Gegenwart erlaubten, etwas zu ernst genommen. Calpurnia ist noch nicht Braut, sie ist nur die geachtete vertraute Freundin jenes Mannes, dessen Bild du gesehen hast. Dass er für sie empfindet, ist wohl nicht zweifelhaft – aber wer kann auf Männerliebe bauen? Es ist nicht lange, dass er einen sehr teuern Gegenstand, eine Freundin verloren hat, die er von Jugend auf mit heftiger und unglücklicher Zärtlichkeit geliebt hat. Dennoch fängt er an, bei der reizenden Calpurnia seines Verlustes zu vergessen, und der unbeschreiblichen Gewalt zu weichen, mit der dies gefährliche Mädchen bisher auf alle Männer wirkte, indess sie selbst unbefangen blieb. Nur bei Agatokles scheint ihre Stunde auch gekommen zu sein, und wenn keine neuen Hindernisse eintreten, wenn die Zeit über das Vergangene den mildernden Schleier gezogen haben wird, so sehe ich diesem Bündniss mit Hoffnung und Freude entgegen. Dir aber den Zeitpunkt zu bestimmen, ist, wie du selbst einsiehst, nicht möglich. Agatokles ist mit den Cäsarn in Nisibis, wo der Friede geschlossen wird; wir hoffen ihn erst in einem Monate zu sehen. Vielleicht kann ich dir dann mehr sagen. Calpurnien will ich den Anteil, den du an ihrem Schicksal nimmst, melden; ich weiss, es wird sie freuen, von einer Frau geachtet zu sein, deren Anblick nichts Gewöhnliches verkündigte, und deren näherer Umgang das Versprechen des ersten Augenblicks wahr gemacht hat. Was die Bitte betrifft, so glaube ich sie im Voraus in meiner Freundin Namen zusagen zu können, und so ersuche ich dich, sie mir mitzuteilen, von was immer für einer Art sie sein mag. Teophania kann um nichts bitten, dessen Gewährung nicht ihren Freundinnen zur angenehmen Pflicht würde. lebe' wohl!
55. Junia Marcella an Teophania.
Apamäa, im November 302.
O meine Teophania! meine teure unvergessliche Freundin! Du hast Recht, wenn du im Anfange deines Briefes sagst, dass seltsame Empfindungen und tausenderlei Gedanken meine Seele durchkreuzen werden, wenn ich deinen Brief eröffnet haben würde. Schrecken, Freude, und dann Zweifel waren die ersten Regungen meines Herzens, als ich die Schriftzüge der geliebten Freundin erblickte, die ich längst unter dem Hügel von Trachene begraben glaubte. Aber als der Inhalt der ersten Zeilen jede Ungewissheit zerstreut hatte – da, meine Geliebte, war inniger heisser Dank und ein kindliches Gebet zu dem gütigen Vater, der die Herzen der Menschen wie Wasserbäche lenkt, und ohne dessen Willen kein Haar von unserm haupt fällt, mein dringendstes Gefühl. Dann las ich weiter, und mein Herz begleitete dein Schicksal mit sympatetischen Gefühlen bis gegen das Ende. Ja, meine Geliebte! wunderbar und unbegreiflich sind die Fügungen Gottes, der dich mitten unter Barbaren erhielt, und dir ihre Gemüter geneigt machte, dass sie nicht allein deines Lebens und deiner Ehre schonten, sondern dich auch in Frieden ziehen liessen, als die Retreine Freude mit unserm ehrwürdigen Vater Teophron zu teilen! Aber sein verklärter Geist schwebt bereits in höhern Räumen, und er sah wohl längst mit hellem Blicke das Schicksal seiner Schülerinnen sich hienieden aus verschlungenen Knoten schön und friedlich auflösen, als du noch in der Hütte deines edelmütigen Gebieters düster sinnend deiner Zukunft entgegen sahst. Er starb den vergangenen Frühling, mit der neugebornen natur wurde auch er neugeboren, und erwachte aus dem düstern Erdenwinter in Edens Frühlingshainen. So hatte ich, wie das immer beim Verluste geliebter Menschen geht, nur mich zu beklagen. Unsre Trauer um Entschlafne ist immer nur Trauer über uns selbst. Ihnen ist ja besser geworden, als es uns ist.
So war es auch, als ich dich zehn Monate für tot hielt. Ach, ich konnte dein los nicht beweinen!