mir halten, keine Seele mehr, um derentwillen ich irgend einen Ort zum Aufentalt vorziehen, die um meinetwillen auch nur die geringste Veränderung in ihrer Lebensweise machen möchte. Ich bin allein. Es ist ein eigenes Gefühl, so ganz einsam in der Welt zu sein, zu wissen, dass unser Glück kein fremdes Auge erheitert, unser Schmerz keine fremde Träne hervorlockt. Es ist traurig – aber es liegt dennoch etwas Beruhigendes darin. Es macht uns die Gegenstände und hungslos, dass wir dadurch in jene stille Fassung kommen, die so viele Weise des Heidentums als das höchste Gut, das Ziel aller menschlichen Bestrebungen anpriesen, und die die christliche Religion (ich bin eine Christin, du wirst das schon lange geahnet haben,) als diejenige Stimmung empfiehlt, die uns am geschicktesten macht, die Welt, ihre Freuden, und uns selbst zu vergessen, und an unsrer Veredlung, unserer Heiligung zu arbeiten.
Doch, so still mein Gemüt auch ist, so sehr ich mich bestrebe, Alles, was mir diese Erde an Freuden versprach, und an Schmerzen zumass, zu vergessen, so wird doch der Abend in Syntium nie aus meiner Seele scheiden.
Ich habe dich kennen gelernt, und wenn mich kein Vorurteil, keine Eitelkeit verführt, so habe ich an dir eine Frau gefunden, die, selbst mit dem Unglücke bekannt, Leidende zu verstehen, zu schonen weiss, so ist die unbekannte Reisende, die sie gastfrei in ihrem haus aufnahm, nicht ganz aus ihrem Andenken verschwunden. Diese Hoffnung ist es auch, welche mir Zuversicht gibt, deine gütige Aufforderung zu einem Briefwechsel für mehr als Artigkeit zu nehmen, und dir zuweilen Nachricht von dem einsamen vergessenen Wesen zu geben, das einige Stunden in deiner Nähe verlebte.
Wenn deine schöne Freundin im Wirbel ihrer bräutlichen Geschäfte und Freuden, in der Fülle ihres Glückes, mit dem mann vereinigt zu werden, den ihr Beide als so edel und liebenswürdig schildert, noch einige Erinnerung an eine gleichgültige Erscheinung behalten hat, so rufe mein Andenken in ihre Seele zurück, und vergiss nicht, wenn du mich, wie ich hoffe, mit einer Antwort erfreuen willst, mir zu sagen, ob sie bereits vermählt ist, oder wann sie es sein wird. Schreibe mir auch den Tag und die Stunde, wenn du recht gütig sein willst. Calpurniens Reiz und unwiderstehliche Liebenswürdigkeit, der Umstand, dass sie deine Freundin ist, macht sie meinem Herzen wert, und es wäre mir sehr wichtig, die grosse Stunde, die ihr Geschick auf eine s o l c h e Art entscheiden wird, in meiner Einsamkeit nach meiner Stimmung zu feiern.
Noch hätte ich eine Bitte, aber sie grenzt an Unbescheidenheit, und so fehlt mir der Mut, sie vorzutragen. Auch betrifft sie nicht dich, sondern die reizende glückliche Braut. Wüsste ich, dass sie sich meiner mit einiger Teilnahme erinnerte, und mir nicht zürnte, wenn ich sie um eine grosse gefälligkeit bäte: so würde ich in meinem nächsten Brief meinen Wunsch entdecken, und freundliche Gewährung hoffen. lebe' wohl!
54. Sulpicia an Teophania.
Syntium, im November 302.
Was dem ermüdeten Wanderer in der öden Gleichförmigkeit einer weiten wüsten Ebene der Anblick eines waldigen Hügels ist, der ihm Kühlung, Ruhe und Erholung verspricht, das war mir dein Brief, meine geliebte Teophania! Mein Leben schleppt sich so freudenlos, so eintönig hin, mein Herz darbt so sehr an seinen bessern Freuden, dass die blosse Aussicht, ein Wesen gefunden zu haben, das mich verstehen, und Geduld und Treue für mich haben könnte, seit dem Tage, als ich dich kennen lernte, wie ein freundlicher Stern durch die trübe Dämmerung meines Daseins strahlte. Gern hätte ich schon damals mehr Schritte gegen dich getan, aber eine zarte Furcht, nicht zudringlich zu scheinen, und meiner Freundschaft selbst ihren Wert dadurch in deinen Augen zu benehmen, hielt mich ab. Um desto erfreulicher war mir dein Brief, denn er gab mir Gewissheit über das, was ich im ersten Augenblick geahnet hatte, über die gleiche Stimmung unserer Seelen, und einen geheimen Zug, der uns wechselsweise zu einander führt.
Ja, es bleibt ewig wahr – nur gleiche Denkart macht die Freundschaft fest, und nur unser Geschick Wesen, das im Sonnenschein des Glückes sein Freudenleben verflattert, mit dem Unglücklichen gleich fühlen, den ein ernstes Schicksal von der Wiege an zu Entbehrungen und Leiden erzogen hat? Ihnen beiden muss notwendiger Weise die Welt, und Alles um sie her in einem so verschiedenen Lichte erscheinen, dass an einen festen Zusammenhalt, der gegen Zeit und Stürme ausdauert, nicht zu denken ist. So lange kein entscheidender Fall eintritt, wo Eines für das Andre auf die probe einer schweren Wahl, oder eines grossmütigen Opfers gestellt wird, mag das Bündniss dauern. kommt einmal jener Zeitpunkt, so muss die verschiedene Stimmung, der entgegengesetzte Geschmack, der ihnen ihr Glück in ganz verschiedenen Gegenständen zeigt, die losen Bande leicht zerreissen. Darum wohl den gleichgestimmten Seelen, bei denen ähnliche Schicksale – ähnliche Gesinnungen und ähnliche Wünsche erzeugt haben, die keiner Opfer bedürfen, um auf dem selbst gut geheissnen Pfade einig mit einander zu wallen!
Uns dunkeln Gemütern, denen das Schicksal selten lächelt, hat es doch auch wieder einige Freuden geschenkt. Wir geniessen das Glück der Freundschaft. Keine Zerstreuung wendet unsere Gedanken so leicht von der Freundin ab, keine Eitelkeit verleitet uns, auf fremde Kosten zu glänzen, keine Eroberungssucht bringt uns