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e r Gedanke schreckte mich zurück. Du hast mich in einer Lehre unterwiesen, die den Selbstmord verdammt. Du hast es mir in Britannien, als man uns zuerst trennte, als ich dir diese letzte Rettung so manches edlen Menschen der Vorwelt auch zu unserer vorschlug, streng verwiesen. Mit einander sterben! Süsses los! Es schmerzt nicht, würde ich wie Arria1 gesagt nichtund ich brachte dir das grössere Opferich bin von dir getrennt, und lebe noch.

Durch wie viel Städte man mich geschleppt hat, seit in jener fürchterlichen Nacht mein Vater an mein Bette trat, mir befahl aufzustehen, mich anzukleiden, als die Mutter weinend hereintrat, ich Alles zur Abreise fertig sah, der Vater mir den Mantel überwarf, als keine Frage, keine verzweifelnde Bitte Antwort erhielt, keine offenbare Widersetzlichkeit der höhern Gewalt zu entfliehen vermochte, das weiss ich nicht. Als ich aus einer tiefen Ohnmacht erwachte, war ich auf dem Schiffsah ich die Küsten der teuren Insel weit hinter mir. Dann wurde ich krank, sehr schmerzlich, sehr gefährlich, so, dass ich hoffte, sterben zu können. Von dir sprach mir kein Mensch, so liebevoll sie mich sonst behandelten, und für alle fragen, die ich mit verzagender Seele an sie tat, waren sie taub. Das erste Mal, als ich mit schwankenden Tritten in's Freie geleitet wurde, sah ich mich in ganz unbekannten Gegenden; man sagte mir, wir wären am Rheinstrom, und die grosse Stadt, die ich nicht weit davon ihre Zinnen in seinen Wellen spiegeln sah, wäre Coloniä Agrippinä2. Ach, guter Gott! Wie fern, wie abgeschnitten durch den weiten Ocean!

Griffel und Papier, Feder und Tafel3 waren mir entzogen; einige Versuche, auf ein Stückchen Leinen oder Stoff mit Farbemit meinem Blute zu schreiben, wurden mit unseliger Schlauheit entdeckt, und strenge zernichtet. O warum hätte ich nicht sterben sollen? Warum musste ich dies elende Leben ertragen! Jetzt sind wir in einer Stadt von Italien, Mantua nennen sie die Leute. Ich kann mich nicht in diese Menschen, in ihre Lebensart, in ihr Clima finden. Die unerträgliche Hitze tut mir weh; mein Körper, den die schwere Krankheit erschöpft hat, leidet durch die glühende Sonne und die bösen Ausdünstungen der Sümpfe, die die Gegend umher verpesten. Ich bin der frischen Luft, der kühlen Schatten meiner Insel, ich bin der Gegenwart des geliebten Gegenstandes gewohnt; hiermuss ich verschmachten. Du würdest mich kaum erkennen.

Ach, Florianus! ist es dir nicht möglich, mich zu befreien? O rette, rette ein unglückliches Wesen, das ohne dich nicht leben, nicht tugendhaft, und dort nicht selig sein kann! Du hast mich deinen Glauben, den Glauben der Liebe gelehrt, und jetzt stossest du mich kalt und streng in die vorige Nacht. O wäre es nicht besser gewesen, mich dort zu lassen? Jupiter hätte nicht gezürnt, wenn ein freundlicher Strahl mir den Weg aus diesem Leben gebahnt hätte. Minos würde mein Unglück geehrt, und ein mildes Urteil gesprochen haben. Im Elysium hätten wir uns wiedergesehen: dort, wo Dido's Schatten zürnend dem Aeneas4 auswich, wäre ich in deine arme geeilt! Wie trüb und düster auch diese Reiche sind, ich wäre mit dir vereinigt gewesenund sie hätten uns gelächelt! Ich hätte sterben dürfen! O glückliche Freiheit!

Florianus, was habe ich gesagt? O, wirst du mir

verzeihen können? Nein, ich kann es nicht bereuen, eine Christin geworden zu sein! Es ist dein Glaube, es ist der Glaube der Liebe, und Liebe ist sein Symbol, die höchste, die reinste, die Mutterliebe. Das Kind auf den liebenden Armen, schwebt sie vom Himmel zu uns herab. Zu ihr wende ich mich auch am öftersten, am liebsten. über Alles erhaben, gross und furchtbar, steht die Gotteit vor meinem schüchternen blick. Aber sie war Weib, war Mutter, sie lebte, sie litt, sie liebte wie ich, sie versteht meinen Kummer. O, sie hat mich getröstet, wenn ich recht heiss und zitternd vor ihr geweint hatte, wenn ich sie um Linderung, um Fürbitte bei ihrem Sohne gestehet hatte; und gewiss ist es ihr Werk, dass ich jetzt ein Mittel gefunden habe, dir zu schreiben, und den Brief durch den treuen Menschen, den du wohl kennst, und der morgen von hier nach Eboracum abgeht, abzusenden.

Man erzählt hier, Constantin, dein Zögling, sei in

grossem Ansehen am hof des morgenländischen Augustus, und vermöge sehr viel. Könnte er uns denn nicht helfen? O wende dich an ihn, schreibe ihmdie unglückliche Tochter des Augustus hat ja einige Ansprüche auf menschliche hülfe. Oder bin ich nur darum aus der glücklichen Unwissenheit meines Privatstandes gerissen worden, um zu erfahren, dass auf dieser Höhe Freundschaft, Teilnahme und Mitleid aufhört?

O Florianus! Schreibe mir bald, aber nicht so streng, so kalt, wie du in den letzten Tagen in Eboracum mit mir sprachst. Ich ehre die Grundsätze, die dich so handeln heissen; aber ich erliege unter der ersten Last, die sie auf mein allzuweiches Herz legen. Ich kann nicht so heldenmütig sein. Ach ich liebe dich mit allen Kräften, mit allen Empfindungen meiner Seele! O schreibe mir gütig, lass mich nur Einmal einen Strahl jener Liebe erblicken, die in