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Erderschütterungen glauben, weil wir nicht wissen, woher sie kommen? Werden wir weniger Maassregeln dagegen ergreifen, weil uns ihre natur unbekannt ist? Gewiss nicht. Auf unser Verhalten wird der Zweifel, in dem sie uns lassen, keinen Einfluss haben. Eben so verfährt der redliche Christ. Das, was für unser Leben anwendbar ist, was uns besser, edler macht, was den Frieden in uns erzeugt, das ist's, was wir annehmen und befolgen müssen. Das sind die segensreichen Wirkungen dieser Lehredas Uebrige ergreift der kindliche Glaube, ohne sich um seine Ergründung zu bekümmern.

Ich habe dir bereits in manchen meiner Briefe über die christliche Moral geschrieben. Ich bin überzeugt, dass sie die reinste ist, die bisher auf der Erde gelehrt wurde, dass sie so ganz für das jetzige Zeitalter, für den Stand unsrer kultur, die gegenwärtige Lage des Menschengeschlechts passt, dass schon hieraus ihr göttlicher Ursprung sich beweisen liesse, wenn ihn auch keine früheren Zeugnisse bestätigten. Die Gotteit, die das Schicksal der Menschheit lenkt, die weiss, zu welcher Zeit, und auf welche Art ihre Schwäche unterstützt, ihrem Verderben gesteuert werden soll, hat in dieser Epoche diese Religion entstehen lassen. Sie sandte einen Göttersohn, sie zu lehren. Was finden wir hierin Sonderbares, wir, die wir unter Myten von Heroen und Göttersöhnen aufgewachsen sind, die die Menschen zur Zeit der Not retteten, die Erde von Ungeheuern befreiten, den Zorn der Götter versöhnten? Ist der Begriff eines einzigen Gottes anstössiger, als der von unzähligen Söhnen unzähliger Götter? Und welche Religion hätte nicht solche Verkörperungen überirdischer Wesen, die zum Besten der leidenden Sterblichen den Sitz der Seligen verliessen? O der Gedanke liegt so tief in dem Herzen des Unglücklichen. Und welcher Sterbliche ist glücklich? Die gesetz der natur, die physischen Revolutionen gehen achtlos über den Ruin seiner Habe, seines Lebens hinsie vermag kein Flehen zu beugen, ihrem Gange setzt keine Klugheit Schranken. Die Laster, die Verderbteit seiner Mitmenschen züchtigt ihn mit noch schärferen Ruten, er muss büssen, was Andere verschuldet haben; er wird hingeopfert, weil ein Uebermütiger schwelgen willweil ein Rasender das Unmögliche fordert, bluten Myriaden auf dem Schlachtfelde. O wohin soll der verfolgte geängstete Mensch sich wenden, als zu der unsichtbaren Macht, die stärker ist, als die natur und die bösen Menschen? Er flieht dahin, er ringt im Gebete mit ihrund sie sendet ihm einen Retter.

Ströme von Menschenblut haben die Gefilde Hesperiens, die Felder von Pharsalus, von Gallien, Syrien, von allen Provinzen des römischen Reichs getränkt. Tausend einzelne Schlachtopfer sind dem Neid und Verdacht der Triumvirn, der Wut der Prätorianer, der wollüstigen Grausamkeit eines Tiberius oder Caligula gefallenund wenn Zehntausende ihr Leben einbüssten, so verjammerten es Dreissigtausende im Elend oder Schmach, weil sie ihre Stützen, ihr Glück in Jenen verloren hatten. Der Koloss des unermesslichen Reiches naht seinem Umsturz. Auf allen Enden kracht das morsche Gebäude, alle Säulen schwanken, alle Grundvesten sind erschüttert, und mit ungeheurer Kraft dringen ungeschwächte Horden von Barbaren in Nord und Ost auf die untergrabenen Mauern los; bald werden sie sie eingestürzt haben, und die schönen Provinzen mit Mord und Raub erfüllen. Was bleibt dem Menschengeschlecht dann übrig? Werden jene Truggestalten einer üppigen Phantasie, jene armseligen Erfindungen des kindischen Weltalters gegen die Schrecken aushalten? Wird der rohe Aberglaube, der, unbegreiflich genug, neben dem leichtsinnigsten Unglauben besteht, dem Menschen Trost und Mut gewähren? Kann er, wenn sein Glück zertrümmert ist, mit Zuversicht hülfe von den Bildsäulen hoffen, die er mit schwelgerischen Mahlzeiten, oder lächerlichen Ceremonien ehrt? Werden ihn die Zauberformeln beruhigen, die tessalischen Weiber für ihn sprechen? Und wenn kein Mahl, kein Opfer mehr der Götter Zorn stillt, wird er gelassen und freudig in die öden Wohnungen der Nacht, des Nichts hinabsteigen? Die tägliche Erfahrung zeigt uns, dass die Volksreligion nicht mehr gegen die eindringenden Uebel Stand halten kann. Die Menschheit muss wiedergeboren werden durch eine Religion, die dem Verderbniss der Sitten durch strenge Moral, dem Egoismus durch Einschärfung der Nächstenliebe, der Verzweiflung durch festen Glauben an eine bessere Welt wehre. Diese Religion ist das Christentumund sie leistet Alles, was der Menschenfreund für das Zeitalter wünschen kann.

Doch, mein Brief ist eine Abhandlung geworden. Zürne der Weitläuftigkeit nicht, mit der ich dir gern von jedem Beweggrunde meiner Handlungen und meiner überzeugung Rechenschaft geben möchte, und lebe wohl, bis ich Zeit finde, dir noch mehr zu sagen.

51. Valeria an Eneus Florianus.

Mantua, im September 302.

Florianus! Florianus! Deine Valeria lebt noch! Sie ruft dir zues ist ihr möglich geworden, dir ein Zeichen ihres Lebens zu geben. O die Verzweiflung war ihr mehr als einmal nahe, während ein endloses Jahr vorschlich, ohne dass ihre Liebe und List ein Mittel gefunden hatte, die engen Schranken zu zerbrechen, die sie fest umschliessen, und so unendlich fern von dir halten. Wund haben sie mein Herz längst gedrückt. Wenn ich in verzweiflungsvollen Tagen keine Hoffnung sah, eine Spur meines Daseins bis zu dir zu bringenwünschte ich sie noch fester, noch enger, dass sie mich ganz erdrückt hätten! Wirst du mir zürnen, Florianus? Ich hatte mehr als einen Versuch gemacht, dem Leben, das als eine unerträgliche Last auf mir lag, zu entfliehen. Es war nicht recht – d