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von aller Welt Verlassenen, unendlich wohl. Wir verabredeten, einander zu schreiben. So schieden wir, und langten in zwei Tagen in Nicäa an. Heliodors Verwandte nahmen mich auf seine Empfehlung ungemein gütig auf; ich lebe mit ihnen, ich bin ruhig und verborgen in einem stillen haus, unter guten Menschen, unter Christenund so sind die kleinen Wünsche, die ich noch auf dieser Welt habe, erfüllt.

Fussnoten

1 Eros, ein Name des Amors. 2 Ein Talent galt ungefähr gegen tausend Gulden.

50. Agatokles an Phocion.

Samosata, im September 302.

Das Geräusch ist vorüber, es ist wieder still in mir, und so wie die Seele, sich selbst überlassen, nach und nach in ihre vorige Stimmung zurückkehrt, kehren auch ihre gewohnten Empfindungen zurück. Der Aufentalt in Nikomedien mit all' seinem Glanz, seinem prunkenden Geräusch liegt wie der Traum einer kurzen Sommernacht hinter mir. Die Eindrücke, die er hervorbrachte, verklingen allmählich, die Bezauberung entflieht, der Geist sieht wieder hell und richtig. Nein, das ist nicht die Liebe, die mich glücklich machen kann. Ach diejenige, welche diese Empfindung für mich in dem treuen wahren Herzen trug, schläft unter dem Hügel von Trachene! Sie hätte mir kein fest gegeben, sie hätte die kurze Zeit unsers Beisammenseins nicht durch ein Schauspiel noch mehr verkürzt, in dem nur ihre Talente und ihre Schönheit staunenden Beifall einernten sollten. Larissa wäre an meine Brust gesunken, sie hätte nach meinen Gefahren, meinen Leiden gefragt, sie hätte mich g e l i e b t , und Calpurnia wollte mich blenden und fesseln.

Wie war es möglich, diese Deutung in das fest zu legen, sich als meine Freundin zu erklären, deren terlandes weicht, und in einer Stunde darauf Alles das rein zu vergessen, oder wenigstens den Anschein haben zu wollen, als hätte man es mit allen Eindrükken, die es hervorbringen musste, vergessen? O wenn es Liebe gewesen wäre, was sie hinriss, sich selbst zu vergessen, und ihr Herz unverhüllt zu zeigenwie hätte sie's vermocht, meinem wirklich bewegten Gemüte so kalt und ruhig gegenüber zu stehen, und wenige Minuten nach dem bedeutungsvollen fest nichts als eine leichte fröhliche Gesellschafterin zu sein? Es war Eitelkeit, nichts als Eitelkeit, sie wollte einen gewaltsamen Eindruck auf mich machen, aber die Regungen nicht teilen, die er in mir hervorbrachte. Wie klein, wie kalt erscheint mir ihr Bild! Lass mich davon abbrechen! Ich schäme mich, auch nur für einen Augenblick dem Zauber unterlegen zu sein.

Du scheinst, mein väterlicher Freund! nicht ganz zufrieden mit meinen Ansichten des christentum, und noch weniger mit meiner Neigung, ein Bekenner desselben zu werden. Es ist schwer, in Briefen Alles zu erschöpfen, was sich für oder wider eine Sache von so vieler Wichtigkeit sagen lässt; ich will also nur einige deiner Einwürfe zu beantworten suchen. Du wirfst diesem System vor, dass es auf blosse Tradition gebaut, durch Wunder unterstützt, und in undurchdringliche Geheimnisse gehüllt sei, die des menschlichen Verstandes zu spotten scheinen. Was die Tradition betrifft, so erging es dem Urheber dieses Systems nicht anders, als dem weisen Sokrates, Pytagoras und den meisten Stiftern berühmter Secten und Glaubensformen. Von ihrer Hand besitzen wir wenig oder nichts. Alles, was aus der Ferne der zeiten zu uns herübertönt, sind einzelne Laute, aus ihrem oder ihrer ersten Schüler Mund, aufgezeichnet von Entfernteren, selten von Zeitgenossen, oder Augenzeugen. Die Christen besitzen doch wenigstens in den sogenannten Evangelien viele Sprüche, Lehren, Taten und Meinungen ihres Meisters, seine Biographie von seiner Geburt bis an seinen Tod. Wenn wir dem Zeugnisse der geschichte überhaupt Glauben beimessen, so müssen wir es auch diesen einfachen Erzählungen anspruchloser Menschen, denen es an Geschicklichkeit sowohl zum bessern Vortrag, als zur listigern Einkleidung gebrach. Hätten sie zu täuschen vermocht, oder es gewollt, wahrlich, die Gegner würden weniger einzuwenden haben, und das geflissentlich künstliche Gebäude weniger Blössen geben. Dass sie es nicht taten, dass der grübelnde Verstand Manches an diesen nicht ganz gleichlautenden Zeugnissen aufzufinden weiss, was er haarscharf sichten, und zergliedern willdas bürgt mir für ihre Wahrheit. Die Jünger sahen ihren göttlichen Lehrer handeln, leiden, sterben, und wie sich diese Erscheinung in den Augen vier verschiedener einfacher Menschen spiegelte, wie die Erzählungen jener begebenheiten, wovon sie nicht selbst Zeugen waren, mit den gewöhnlichen kleinen Veränderungen Jedem erzählt, und von ihm aufgefasst wurden: so zeichnete sie Jeder, unbekümmert um das Urteil der Nachwelt und die scharfe Kritik späterer Gelehrten, zur Erbauung der Gemeinde auf, der er vorstand.

über die Wunder kann ich dir nichts sagen. Manche lassen sich natürlich erklären, bei andern, so wie bei dem Geheimnisse der Geburt und natur des Stifters, steht unser Verstand still. Wir können es nicht begreifenaber müssen wir es denn begreifen? Wie viele tausend Erscheinungen gehen in der physischen und moralischen Welt vor, wir fühlen ihre wirkung, aber wir begreifen ihre Entstehung nicht. Mit fruchtloser Mühe zerarbeitet sich der menschliche Witz, diese Beobachtung unter Regeln und in Hypotesen zu bringenund wie spottet die Grösse und Erhabenheit der natur dieser armen Abteilungen, Unterabteilungen und spitzfindigen Erklärungen durch die geheimnissvolle Art, wie sie ihre gesetz befolgt, dass alle Augenblicke Lücken und Blössen in den künstlich errichteten Systemen entstehen? Werden wir weniger an das Dasein des Windes, des Donners, der