ich. Verlust von dieser Art – sie deutete auf mein Trauerkleid – wird selten oder nie verschmerzt." Ich war froh, so missverstanden zu werden, ich liess meinen Tränen freien Lauf, Sulpicia verstand mich, ohne mich zu ergründen; ich fand eine Art von Beruhigung in ihrer zarten Teilnahme. Ach sie weiss auch, was ein zerrissenes Herz ist!
Die Sonne war jetzt hinunter, Calpurnia kam hüpfend zurück, und ermahnte ihre Freundin, bei der sinkenden Dämmerung ihre Gesundheit zu schonen und in's Haus zu gehen. Wir standen auf. Im Hineingehen betrachtete ich diese reizende Gestalt recht aufmerksam. O sie schien mir jetzt, da ich wusste, wer sie war, noch schöner, noch verführerischer! Jede Bewegung war Anmut – Wohllaut möchte ich sagen, jedes Wort bedeutend, jeder blick siegreich. Als wir in einen Saal zu ebener Erde traten, nahm sie mich auf eine muntere Art bei der Hand, und zog mich fort, um mir mein Schlafgemach zu zeigen. Es war ein niedliches kleines Zimmer, mit allen Bequemlichkeiteen des Wohlstandes, ohne Pracht versehen, und mit der Aussicht in den wildesten teil der Gärten. Ein Spiegel an der Wand zeigte mir plötzlich, ich kann sagen, mit Schrecken, unsre beiden Gestalten, Calpurnia blühend, jugendlich, mit den siegreichen Blicken, den glänzend braunen Locken, die künstlich geringelt um die weisse Stirn, die rosigen Wangen, den blendenden Nacken flatterten, in der üppigsten Fülle einer glücklichen Schönheit – und ich neben ihr, verblüht, von Kummer verzehrt, von Sonne und Luft verbrannt, mit trüben Blicken und der tiefen Narbe auf den farblosen Wangen. O Junia! Nur die ungemessenste Eitelkeit oder die lächerlichste Verblendung hätte es wagen können, hier sich in einen Wettstreit einzulassen. Ich erkannte deutlich die Grösse des Abstandes und meinen entschiedenen Verlust. Sie entfernte sich hierauf, "um mir Ruhe zu lassen," sagte sie. Ach ja wohl! Sie lässt mir Ruhe – die Ruhe des Grabes, nachdem ich durch sie Alles verloren habe, was dem Leben Wert gibt. Ich weinte recht heftig, und weinte mich aus, ich warf mich auf meine Kniee und demütigte mich unter der Hand des Gottes, der züchtigt, weil er liebt. Ich bat ihn um Stärke, und fühlte mich wirklich gefasster, als nach einer Weile eine Sclavin kam, nm sich zu erkundigen, ob ich nichts bedürfe. Ich verlangte zu ihrer Gebieterin geführt zu werden. Das Mädchen brachte mich in einen Saal, der angenehm durch einige in schönen Urnen brennende Lampen erhellt war. Sulpicia lag auf einem Ruhebette, Calpurnia ihr gegenüber hatte die elfenbeinerne Leier im Arm, auf der sie eben gespielt und dazu gesungen hatte. Ich bat sie fortzufahren, da griff sie mit den Lilienarmen in die goldenen saiten, und sang mit wollüstig schmelzender stimme ein ziemlich loses Lied darein. Ich dachte der Zeit, wo ich auch gespielt und gesungen hatte, damals, als die ersten Gefühle in unsern jungen Herzen erwacht waren, und später in Edessa und Nisibis, wo mein Gesang oft die müden Wassengenoffen erheiterte, Demetrius Beifall mich lohnend ermunterte, und ein Auge voll Rührung und heiliger Liebe an meinen Blicken hing. Aber freilich, so verstehe ich nicht zu singen – mit so sprechenden Geberden, mit so wollustatmenden Lauten – und keine so weichen runden arme bezauberten das trunkne Auge, indess das Ohr dem Sirenensang lauschte.
So ward jeder blick auf sie ein Stachel in meine Seele. Aber ich war noch zu etwas Härterem bestimmt, ich sollte den Kelch bis auf die Hefen leeren, und in keinem unaufgehellten Dunkel meines Geschickes den Trost der Ungewissheit, der möglichen Hoffnung erhalten. Es lagen Zeichnungen auf dem Tische; ich sah sie durch, es waren verschiedene Gegenstände sehr geschickt ausgeführt. Jetzt ergriff ich die grösste und letzte – o Gott im Himmel, was erblickte ich? – Agatokles Bild, zu Pferde, in einer mir bekannten Strasse von Nikomedien, in vollem kriegerischen Schmucke, und von einer Menge Menschen umgeben. Ich zitterte, lange hielt ich wie bewusstlos das unglückliche Blatt in der Hand – und mein Auge sah nur ihn. Es waren seine Züge, seine Haltung so genau, so lebendig! Meine Seele verlor sich im Anschauen. Calpurniens stimme weckte mich aus meinem Traume. Sie fragte mich, wie mir das Blatt gefiele? Vortrefflich – antwortete ich, und setzte in der schrecklichen Verwirrung hinzu – er ist zum Sprechen getroffen. "Wie, du kennst den Tribun?" rief sie rasch und sprang auf mich zu, gleich als hätte meine Bekanntschaft mit ihm mir ein höheres Interesse in ihren Augen gegeben. O wie lebhaft muss das sein, das sie an ihm, das er an ihr nimmt! Es war zu spät, meine Unbesonnenheit wieder gut zu machen, ich musste sie nun schicklich bemänteln. Ist es nicht Agatokles, der Sohn des Hegesippus? sagte ich. "Ja er ist's," rief sie fröhlich, "du kennst ihn?" Ich erinnere mich, ihn vor mehreren Jahren in Nikomedien gesehen zu haben. "Und du findest das Bild getroffen?" Vollkommen, nur wünschte ich die Bedeutung zu wissen. Nun erfuhr ich, dass Agatokles sich in der letzten Schlacht ausserordentlich ausgezeichnet hatte, dass er auf dem Wahlplatze zum Tribun erwählt, und vom Cäsar als Siegesbote zum Diocletian gesendet worden war. In diesem Augenblicke des schmeichelnden Volkszurufes hatte sie ihn gezeichnet – sie selbst. Sulpicia