Abend einbrach, in dem Dorf, das vor uns lag, zu übernachten. Wir ritten langsam die Strasse hin, und schon sah ich das Dach des Hauses freundlich zwischen dunkeln Pinien hervorblicken. Ein teil des Gartens erstreckt sich bis an den Weg, gegen welchen er sich in ein grosses Gegitter endigt, das die Aussicht auf die Strasse und die Gegend umher gewährt. Das wusste ich noch recht wohl, und freute mich, Alles so zu finden, wie es in den guten Tagen meiner ersten Jugend gewesen war. Wie wir uns dem Garten näherten, sah ich zwei Frauenzimmer in häuslicher Tracht, die aber trotz ihrer Einfachheit Reichtum und hohen Stand verriet, Arm in Arm den Platanengang herabwandeln. Das Gittertor war offen, unser Anblick hatte sie herbeigezogen, sie traten heraus. Es waren zwei vollkommen schöne Gestalten; die Eine schlank und majestätisch gebaut, mit dunkeln Augen und Haaren, schien älter, und ein Zug von Kummer in dem blassen gesicht machte sie mir lieber, als ihre jüngere Gefährtin, die in der Fülle der Jugend und Schönheit neben ihr stand. Die Erscheinung befremdete mich. Eine unangenehme Empfindung bemächtigte sich meiner. Hatte Agatokles das Landgut verkauft? Wohnte er n e b s t diesen schönen Frauen hier? Mein Herz schlug ängstlich. Jetzt hatten auch sie uns erblickt, und grüssten uns freundlich. Ich sandte den Sclaven ab, um mich bei ihnen zu erkundigen, wem die Villa gehöre, und ob wir im Dorf eine Nachterberge finden könnten. Der Sclave kam bald zurück, und brachte die Antwort, die Villa gehöre einem kaiserlichen Tribun, im dorf würden wir keine anständige Unterkunft finden; wenn wir ihnen aber das Vergnügen machen wollten, bei ihnen zu bleiben, so würden sie sich bemühen, uns einen erträglichen Aufentalt für diese Nacht zu verschaffen. Das Zuvorkommende dieser Einladung, noch mehr aber die Begierde hier klar zu seien, trieb mich an, das Anerbieten anzunehmen, trotz manches Widerspruchs meines Begleiters, der gegen die schönen geschmückten Frauen, gegen den hohen Wohlstand, den hier Alles verriet, Manches einzuwenden hatte. Mein unseliger Vorwitz siegte. Ach was sollte ich erfahren! Wie bitter wurde meine Falschheit gegen Heliodor, die Absichtlichkeit meines ganzen Betragens gestraft!
Wir stiegen ab. Die Frauen empfingen uns sehr freundlich, man erkundigte sich nach unsrer Reise, und mit vieler Feinheit nach unsern Umständen. Wir erzählten, was wir bereits verabredet hatten. Mein Mann war in Byzanz gestorben, ich ging nach seinem tod mit meinem Vater nach Nikomedien zurück. – Unsere wahre geschichte hätte viel unglaublicher geklungen, als diese gewöhnliche Erdichtung. So kamen wir in den Garten. Ach, tausend Erinnerungen wehten mich aus den Wipfeln dieser Bäume an, bei jedem Schritte dachte ich den Eigentümer des Gartens aus einem Gebüsche hervortreten zu sehen – die teure Gestalt zu erblicken, die stets vor meinen Augen schwebte! Wir setzten uns, das Gespräch fiel bald auf die Neuigkeiten des Tages; es wurde vom Kriege, von des Cäsars letztem Siege, von den Hoffnungen des armenischen Prinzen Tiridates, dessen Ansprüche der Hof von Nikomedien so tätig unterstützte, gesprochen. Heliodor nahm eifrig teil an diesen Nachrichten, das Gespräch wurde lebhaft. Die schöne junge person lächelte ihre ältere Freundin schalkhaft an, und ein angenehmes Lächeln, das den trüben blick dieser zweiten erhellte, zeigte mir, dass des Prinzen Schicksal sie nahe anging. Bald hörte ich auch ihren Namen. Es war Sulpicia, jene Römerin, von deren unglücklichen leidenschaft mir Agatokles öfters erzählt hatte. Wie sie aber nach Bytynien und auf diese Villa kam, war mir unerklärlich. Heliodor, der noch einige Anstalten für unsre Reise zu machen hatte, entfernte sich jetzt. Sulpicia bat ihre Freundin, ihn zu begleiten, und Alles zu besorgen. Komm dann bald wieder, liebe Calpurnia, rief sie ihr freundlich nach – Calpurnia! Wie ein Blitzstrahl wirkte dieser Name auf mich, mein Blut stand still – ich war unvermögend, mich zu regen oder ein Wort zu sprechen. Erst, als der gefürchtete Gegenstand schon weit von uns war, erwachte ich aus meiner Betäubung. Also Calpurnia hier – auf dieser Villa! Schwankend wie die Erinnerung eines Traumes, kam mir nach und nach die Besinnung, dass ich von dir erfahren hatte, Calpurnia sollte mit ihrem Vater nach Bytynien kommen. Und sie war hier – sie lebte auf dieser Villa – als was? als was anders als die Braut – vielleicht die Gattin des Besitzers! Was in mir vorging, als diese Entdeckungen langsam, aber deutlich sich aus meinen verworrenen Gedanken entwickelten – o der Tod kann nicht bitterer sein, als diese Gefühle! Darum war also bei der Ungewissheit meines Schicksals auch nicht E i n e Nachforschung nach mir, nicht E i n Versuch zu meiner Rettung gemacht worden!
Sulpicia war bei mir zurückgeblieben. Die Sonne sank hinter den Bergen hinab, ihr letzter Strahl brach durch das Gebüsch, und malte Alles um uns mit glänzendem Gold. Ich sass verloren in schmerzlichen Gefühlen, und hörte nur halb, was Sulpicia von der Stille und Schönheit des Abends sprach. Ich muss ihr nichts geantwortet haben, denn sie legte endlich die Hand auf meinen Arm, und sagte mit unbeschreiblich gütigem Tone: Du scheinst auch nicht glücklich zu sein, liebe Fremde! Ich fuhr empor – ich sah sie starr an, ihr Auge wurde feucht, und meine Tränen brachen hervor. O, ich habe viel – viel verloren – rief ich erschüttert. "Das glaube