hörte, dass ich mit Heliodor nach unserm gemeinschaftlichen vaterland zurückkehren würde; aber der Gedanke an ihren Gatten besiegte jeden Zweifel, machte jeden Wunsch verstummen. O was kann ein Weib nicht dem geliebten, dem l i e b e n d e n mann aufopfern! Er wird ihr Vater und Mutter, Heimat und Vaterland, und wo er ist, findet sie ihr Glück. Welche Hoffnungen, welche Auftritte schwebten nicht vor meinem Blicke? Was habe ich nicht für Scenen geträumt? Ach, ja wohl geträumt!
Unter sehr gemischten, aber doch meist frohen Empfindungen sah ich den Tag der Abreise sich nähern. Er kam; ich schied mit heissen Tränen von meinem gütigen Gebieter, von seiner Familie, von meiner treuen Evadne. Nicht allein Fritigers Haus, alle Nachbarn, sogar manche fern wohnende Familien kamen, uns noch einmal zu sehen, mich, die sie gekannt und geliebt, und den würdigen Priester, den sie als einen Gottgesendeten Lehrer verehrt hatten. Er versprach ihnen, bald wieder zu kommen, und Fritigern und Evadnen Nachricht von mir zu bringen. Am Ufer knieete ich vor Fritiger und seiner Gemahlin nieder, und bat sie um ihren Segen. Sie gaben ihn mir im Namen des Gottes, den sie durch Heliodor hatten kennen gelernt. Nun stiegen wir in's Schiff, und nach einer ziemlich ängstlichen Fahrt an den Küsten des Euxin herab in einem schlecht gebauten Kahn, und mit gotischen Ruderern, langten wir in Byzanz an.
Hier sandten wir unsre Schiffer zurück, so reich beschenkt, als ich es vermochte, und mit tausend dankbaren Grüssen an unsre Freunde. In der Stadt bat ich Heliodor, mir sogleich Alles zu verschaffen, was nötig war, um wieder anständig unter gebildeten Menschen zu erscheinen. O meine Liebe, welchen zauberischen Reiz gibt lange Entbehrung den gemeinsten Dingen! Wie wenig erkennen wir den Wert unserer Bequemlichkeiten beim alltäglichen Gebrauche! Mit wahrer Wollust hüllte ich mich in die gewohnten Gewänder, ordnete mein Haar, und genoss in dem einfachen Anzug eine Befriedigung, die mir nie der kostbarste Putz verschafft hatte. Aber dennoch sah ich in dem ersten Spiegel, der seit acht Monaten mein Gesicht zurück strahlte, mit einigem Schrecken die Veränderung, die das rauhe Klima und eine ziemlich tiefe Narbe auf meiner Wange hervorbrachte. Ich war nie schön – ich hatte diesen Vorzug an Andern wohl erkannt, aber nie bei mir vermisst – ich war ja auch ohne ihn von dem Freund meiner Jugend geliebt, von einem würdigen Gemahl geachtet worden. Jetzt flösste mir doch die grosse Veränderung eine Art von Aengstlichkeit ein, und mit zitternder Zuversicht, die dieser Empfindung einen neuen innigen Reiz gab, hoffte ich auf die unwandelbare Treue, auf die edle Denkart meines Freundes. Wir fanden ein segelfertiges Schiff im Hafen, das nach Chalcedon bestimmt war, und landeten glücklich an der vaterländischen Küste.
Doch mein Brief ist unmässig lang – ich verspare die Erzählung der ferneren begebenheiten, und meiner jetzigen Lage auf einen zweiten. lebe' wohl!
49. Teophania an Junia Marcella.
Nicäa, im September 302.
Bis zu meiner Ankunft an der Küste von Bytynien war ich im ersten Briefe gekommen. – Mit Wonneschauer, mit einem Entzücken, das mir bisher unbekannt gewesen war, betrat ich den geliebten Strand, wo ich Alles zu finden hoffte, was mein Leben zur Himmelsseligkeit erhöhen, mir voller Ersatz für so viel freudenlose Jahre sein sollte. Ich war frei, keine Pflicht hinderte mich mehr, schuldlos dem süssen zug zu folgen, der, seit der Kindheit in mein Wesen verwebt, mir zur teuern Gewohnheit, zur zweiten natur geworden war. Heliodors Jahre und seine strengen Grundsätze, die jede heftigere Neigung für ein geschöpf als sündlich, als unserer höhern Bestimmung zuwider verdammten, hielten mich ab, ihm meine Empfindungen zu entdecken. Ich ehrte seine Grundsätze, weil ich ihren Ursprung in einem vom Irdischen abgezogenen Gemüt erkannte, weil ich einsah, dass nur solche Gesinnungen ihm die heilige achtung für Alles einflössen konnten, was er für Pflicht hielt, dass er nur durch sie fähig war, das Apostelamt bei barbarischen Völkern zu übernehmen, jede Bequemlichkeit des Lebens, und das Leben selbst für süsses geheimnis in meiner Brust, und genoss sie vielleicht um desto inniger. Mein Vorsatz war, sogleich nach Nikomedien zu gehen, wo ich Agatokles selbst, oder doch Nachricht von ihm zu finden hoffte. Wir nahmen Pferde, und auf mein dringendes Bitten einen Sclaven zur Begleitung. Heliodor war mein Vater, ich seine Tochter, die witwe eines Kaufmanns aus Byzanz. So machten wir uns auf den Weg. O welche glänzenden, entzückenden Bilder malte mir nicht meine Phantasie? Welche frohen Geschichten erzählte ich mir nicht in den vielen stillen Stunden unserer Reise? Ich wusste, dass Syntium, Agatokles Landgut, an der Strasse von Chalcedon nach Nikomedien liegt. Der Gedanke, dahin zu gehen, ihn vielleicht dort zu treffen, wenn er im düsteren Schatten seiner Gärten schwermütig ging, und manches Bild einer bessern Vergangenheit vor seinen Blicken schwebte, ihm dann zu begegnen, und wenn er erstaunt zurückbebte, an seine Brust zu sinken, und ihm zu sagen, dass wir glücklich, dass wir vereinigt wären – dieser Gedanke, diese Aussichten machten mein Herz vor Freude zittern, und so näherten wir uns den waldigen Hügeln, hinter denen es verborgen liegt. Heliodor'n wagte ich nicht, meinen geheimen Wunsch zu entdecken, ich gab eine grosse Ermüdung vor, und bat ihn, weil der