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stand, ein solches verhältnis geträumet, ohne zu ahnen, dass es schon wirklich irgendwo vorhanden sei! Wenn ich damals mit gedurft hättewenn ich i h n hätte begleiten, s e i n e Lanze tragen, meine Brust zu s e i n e m Schilde machen, s e i n Blut mit meinem Schleier stillen dürfenich würde nicht gezittert haben, alle weibliche Furchtsamkeit wäre vor dem Gedanken entwichen, bei ihm zu sein, und ihn zu schützen. Eitle Wünsche! Damals gebot die Pflichtund jetzt – – Doch ich will meiner Erzählung nicht vorgreifen.

Die Güte, womit wir behandelt wurden, die Strenge und Reinheit der Sitten, in Absicht auf den Umgang der beiden Geschlechter, die ich unter diesem volk herrschend sah, und vor Allem Gisella's Empfindungen gegen Evadne, die durch die fortgesetzte Täuschung immer lebhafter wurden, bewogen mich, der Mutter unser geheimnis zu offenbaren, und ihr zu sagen, dass wir Frauen wären. Man nahm diese Entdeckung mit Erstaunen, aber ohne Widerwillen auf, und die Sorgfalt, die man von dem Augenblicke an für unsere strenge Absonderung von d e n männlichen Bewohnern des Hauses, und für angemessne Kleidung trug, zeigte mir, wie zweckmässig dieser Schritt war, und wie wenig wir in dieser Hinsicht zu fürchten hatten. Ich lebte nun ziemlich ruhig, aber in tiefer Schwermut fort. Die Trennung von allen meinen Lieben, die mannigfaltigen Beschwerden meiner Lage, und die wenige Hoffnung auf eine Aenderung beugten mich tief.

So verging der Winter, dessen Macht ich hier erst mit Schrecken und mit körperlichem Schmerz kennen lernte, als ich den tiefen Schnee die ganze Gegend unwegsam machen, und die grossen breiten Ströme, von Eis gefesselt, starr und still stehen sah. Indessen fand mein Gemüt auch in diesen rauhen Tagen eine Beschäftigung, an der es mit Liebe und Zufriedenheit hing. Ich lehrte meine Hausgenossinnen allerlei arbeiten, Vorteile und Annehmlichkeiten des Lebens und Haushalts kennen, ich und Evadne wurden ihre Meisterinnen, und bald sah ich die unwiderstehliche Macht der höheren Bildung über rohe aber unverdorbene Gemüter. Wir bekamen immer mehr Schülerinnen aus den benachbarten Hütten. Sie, die befehlen konnten, horchten begierig auf unsern Unterricht, sie ehrten uns wie bessere Wesen, und hätten sich unsere Befehle gefallen lassen, wenn der Wunsch zu gebieten in meiner oder Evadnens Brust gelegen hätte. Aber wenn ich auch ihren Gehorsam nicht verlangte, so war es mir doch ein süsses Gefühl, Gutes unter ihnen verbreitet, und schönen Saamen ausgestreut zu haben, der noch in später Zukunft Früchte tragen könnte. Du wirst es mir für keine Eitelkeit auslegen, wenn ich dir sage, dass uns mehr als ein Antrag von gotischen Jünglingen, ja von einigen ihrer ersten Heerführer gemacht wurde. Eben so leicht wirst du mir auch glauben, dass es mich weder Ueberwindung noch überlegung kostete, sie auszuschlagen. Bei Evadnen, deren freies Herz sie nicht nach dem Vaterland zurückzog, deren Stand ihr manche Härte ihrer jetzigen Lage erträglicher machte als mir, gelang es dem edlen tapfern Kattwald besser. Er ist Fritigers Neffe, und wahrlich, ich habe wenig schönere Männer gesehen, als diesen hohen, beinahe riesenmässig gebauten Jüngling, mit seinen dunkelblauen Augen und seinem goldnen Gelocke. Er warb um sie, und sie gab ihm nach der Neigung ihres Herzens, nach dem Rat der Familie, und nach meinem eignen ihre Hand.

Jetzt war der Frühling gekommen, der tiefe Schnee und das Eis der Flüsse schmolz zu einem unendlichen Gewässer, das fürchterliche Verheerungen in der Gegend anrichtete, und in mir die sehnsucht nach dem schönen Himmel meines Vaterlandes, nach Allem, was dort lebte, mit solchem Schmerz erregte, dass ich manchmal wirklich vor sehnsucht zu sterben fürchtete. O meine Liebe! Wie schwach, wie töricht war ich! Ich f ü r c h t e t e mich zu sterben; denn trotz aller Hindernisse nährte ich die Hoffnung der Rückkehr, der jetzt schuldlosen ewigen Vereinigung mit dem Freunde meiner Jugend. Das Leben war mir lieb gewordenum s e i n e t w i l l e n ! Ich zitterte vor dem Gedanken, es jetzt zu verlieren, und in diesem wilden land, einsam, von ihm geschieden, zu sterben.

Die wasser verliefen, die Gegend stand im Frühlingsschmuck, die Wege wurden wieder gangbar, und mit ihnen kam uns Kunde, dass FremdeChristen, Griechen in der Nachbarschaft wären. Den Eindruck, den mir diese Nachricht machte, kann ich dir nicht beschreiben. Ich ward krank vor Freude, denn die entzückende Hoffnung, dass sie um meinetwillen, mich zu suchen, da waren, dass E r unter ihnen sei, brachte mich fast ausser mir. Immer hatte ich diesen heimlichen Wunsch gehegt, und ihn, was auch meine Vernunft dagegen einwenden mochte, nie aus dem Sinne verlieren können. Dass es noch nicht geschehen war, schrieb ich der Jahreszeit, und den Stürmen des Meeres zu. Diese schöne Täuschung verschwand bald, aber es blieb noch Stoff genug zur Freude für mich. Es waren Griechen, Landsleute, dieselben, von denen du mir nach Trachene geschrieben, die aus dem frommen Endzwecke, das Christentum zu verbreiten, sich in diese rauhen Gegenden, unter dieses barbarische Volk gewagt hatten. Die Mühseligkeiten und Gefahren, die sie auf ihren Pilgerfahrten ausgestanden, die Standhaftigkeit, mit der sie Alles ertrugen, der Eifer, mit dem sie ihre Bequemlichkeit, ihr Leben wagten,