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ziemlich weite gang, die kalte Luft hatten die Schmerzen meiner Wunde sehr vermehrt. Der edle Fritiger, so hiess der Anführer, sah mir meine Leiden an. Er liess den Zug bei einer Quelle halten, ein bejahrter Gote trat auf seinen Befehl hinzu, wusch meine Wunde, legte Kräuter, die er bei sich trug, darauf, und verband sie, so gut es Eile und Ort erlaubte. Ich fühlte bald einige Linderung, und musste die Güte der Vorsicht bewundern, die diese Wilden in den rohen Erzeugnissen der natur einfache Heilmittel finden lässt. Wir bestiegen die Schiffeach, und wie die Morgenröte anbrach, sah ich die geliebten Ufer der Heimat schon ziemlich fern in Nebeln sich verlieren. Bei diesem Anblick brachen meine Tränen heftig hervor, und das ganze Gefühl meines Unglücks, die ganze Uebersicht Alles dessen, was ich verlor, und die Schrecken, die meiner warteten, fielen auf einmal auf mich. Ich glaubte zu vergehen. Zweimal zuckte meine Hand nach dem Dolchzweimal hielt mich bloss der Gedanke an die Unrechtmässigkeit des Selbstmordes ab. Doch blieb der Entschluss fest, ihn zu brauchen, sobald mein Geschlecht entdeckt und meine Ehre in Gefahr sein würde. Dann hielt ich das letzte Rettungsmittel für erlaubt. Zwei Tage vergingen in diesem trostlosen Zustande auf dem elenden Kahn, der uns, unbegreiflich genug, dennoch über den unsichern Euxin trug. Am dritten Abend erschien uns die westliche Küste. Jetzt erwachten alle meine Schmerzen, welche Ergebung in den Willen der Vorsicht, und das Mitleid unsers edelmütigen Gebieters etwas besänftigt hatten, wieder. Ich war so erschüttert, dass ich schwankte. Fritiger sah meine Schwäche, er nahm mich wie ein Kind auf den Arm, und trug mich an's Land. Hier sprach er mir von Neuem Trost ein. Er sagte mir, dass ich ihm angehörte, dass ich sein Sclave sei, dass er mich aber recht gut halten wollte, wenn ich es verdiente. Aus seinen männlichen Zügen sprach nichts Grausames, aus den grossen blauen Augen sogar Güte. Er war nun das einzige Wesen auf der Welt, dem ich angehörte, das an mir teil nahm, das mich schützen konnte. Ein Grauen überlief mich, aber ich sah die notwendigkeit ein, mich in mein Geschick zu ergeben; ich gelobte ihm Gehorsam und Treue, und bat ihn um Geduld. Er versprach mir, väterlich für mich zu sorgen. Der Zug ging dem wald zu, aus dem uns bald mit lautem Freudengeschrei ein grosser Haufe von Weibern und Kindern entgegeneilte, die Zurückkehrenden zu empfangen. Eine Art von Freude strahlte in meine Seele, als ich eine schöne grosse Frau von mittleren Jahren, und drei sehr wohlgebildete Mädchen, deren ältestes etwa fünfzehn Jahr alt sein mochte, auf meinen Gebieter zueilen, und ihn als Gemahl und Vater bewillkommen sah. Er stellte ihnen seine beiden Sclaven vor, und ich sah wohl, dass Evadne, die einem ganz hübschen Jüngling glich, die Aufmerksamkeit und Teilnahme Gisella's, des ältesten Mädchens, auf sich gezogen hatte. Dort nahm man uns Beide gütig auf, und wir kamen bald zu den Wohnungen des Stammes und in Fritigers Hütte.

Wie diese Hütte aussah, wie hier jede Bequemlichkeit fehlte, an die der Bewohner des gebildeten Landes gewöhnt ist, und welche Leiden und Entbehrungen uns daraus entsprangen, wäre überflüssig zu schildern, du kannst es dir vorstellen. Doch die stille unwiderstehliche Gewalt der Gewohnheit machte uns zuletzt auch diese Beschwerlichkeiten erträglich. Ich lernte hier unter diesen einfachen Menschen einsehen, wie wenig die natur bedarf, wie viele Lasten uns unsre Bedürfnisse auferlegt haben, und in der denkart und Behandlung unsrer Gebieter fanden wir Trost und Erleichterung. Ach, meine Liebe! wir schelten diese Menschen Barbaren, und ich habe Tugenden und Gefühle unter ihnen angetroffen, die wir in der gebildeten Welt bald nur dem Namen nach kennen werden. Ihre Sitten sind rauh, aber einfach, ihre Gefühle heftig, aber wahr, und in diesen starken unverdorbenen Gemütern ist Grossmut, Treue, Aufopferung und Liebe bis zum Tod keine bewundernswürdige Seltenheit. Ihre meisten Fehler sind Folgen ihres einsamen Zustandes, ihres Mangels an Beschäftigung. Die Frauen besorgen den Haushalt, der Männer einziger Beruf ist Jagd und Krieg, und in den vielen müssigen Stunden, die diese Lebensart mit sich bringt, verfällt der Geist, der doch immer tätig sein will, auf gefährlichen niedrigen Zeitvertreib. Spiel und Trunk füllen diese Stunden aus, und da in diesen grossen kräftigen Gemütern jede Neigung bald zur leidenschaft wird, so fallen hierdurch oft schreckliche empörende Auftritte vor. Das sind aber auch die einzigen Laster, die wir ihnen mit Recht vorwerfen können. Sonst beschämen sie uns in den meisten Tugenden, und wahrlich, die Frauen hätten vor Allem Ursache, die Sitten dieser sogenannten Wilden zu preisen. Ihre Weiber sind nicht, wie beinahe im ganzen Orient, Sclavinnen der Männer, oder höchstens ein Spielwerk, mit dem sie tändeln, so lange es ihren Augen gefällt. Die Frau des gotischen Kriegers ist seine Freundin, seine erste Vertraute, die Teilnehmerin aller seiner Entschlüsse, oft seine Begleiterin in der Schlacht. Dort darf sie hinter dem Treffen seiner harren, sie verbindet seine Wunden, sie trocknet den Schweiss von seiner Heldenstirn, sie teilt seinen Ruhm, oder stirbt mit ihm, wenn er fällt, um seinen Verlust und ihre Freiheit nicht zu überleben. Ach wie oft habe ich mir in jenen ängstlich schönen zeiten, als das Heer bei Edessa und Nisibis