eines Andern.
Calpurnien lerne ich täglich näher kennen, und täglich entfaltet sich ihr Charakter mehr der ersten Ansicht gemäss, unter der er mir sogleich erschienen war. Sie ist nicht ohne Verdienst, aber sie ist unbeschreiblich leichtsinnig, und das Grösste und Würdigste muss, wenn sie die Laune anwandelt, ihrem Witze eben sowohl zum Spielwerk dienen, als das Gemeine und Lächerliche. Wir sind in ewigem Streite mit einander, wir scheinen uns zu hassen, doch weiss ich wohl, dass wir uns im grund Beide achten, aber nie – nie nähern werden.
Ehrenstellen zu suchen, bei dieser Entartung des Gemeinwesens, bei dieser Auflösung aller heiligen Bande, kann nur Eigennutz oder Ruhmsucht anreizen. Vaterlandsliebe ist ein leerer Schall, und Wirken zum Besten des Ganzen, ein kindischer Traum geworden, seit ein Einziger mit unausweichbarer Gewalt alle Macht in Händen hat, und Senat, Patricier und Volk eine folgsame Heerde Sclaven ist, dieser Senat, der mit derselben Bereitwilligkeit die Mörder des Caligula belohnt, und die Vergötterung eines Caracalla2 unterzeichnet! – O Tiber hat ihn wohl gekannt und verachtet! Und wie tief unter jenem steht noch der jetzige, dieses willenlose Spielwerk der Laune eines Einzigen, oder des rohen Uebermuts der Prätorianer!
Ich hasse die Tyrannei, ich fühle mit Schmerz, dass mich das Schicksal um vier oder fünf Jahrhunderte zu spät geboren werden liess. Dennoch muss ich Diocletian bewundern, dessen Riesengeist und vorzügliche Herrschergaben nicht allein den ganzen Erdkreis, so weit ihn gebildete Nationen bewohnen, sondern, was noch mehr ist, die Leidenschaften derjenigen im Zaum hält, denen Nähe des Trons und oft wiederholtes Beispiel eine ewige Anreizung zu kühnen Versuchen sein könnte. Doch scheint mir, die Würde der römischen Macht, die der ausserordentliche Geist dieses Mannes aus zerfallenden Trümmern herrschend hervorrief, wird wohl mit diesem geist stehen und sinken. Nicht Maximians rohe Kraft, nicht Galerius düsteres Gemüt, nicht der weiche Constantius sind der ungeheuren Last gewachsen. Jetzt behauptet Jeder, von des Herrschers Klugheit wohl gewählt, den angewiesenen Platz mit Ehre, und benagt sich leicht und kräftig in seinem Kreis. Doch das ist Täuschung. Es sind nicht sowohl zwei Auguste und zwei Cäsaren, die die römische Welt teilend regieren: es ist ein gewaltiges Genie, das durch die Andern, wie die Seele durch Organe, wirkt. Was entstehen wird, wenn einst diese Seele entweicht, liegt im Dunkel der Zukunft verborgen. Erfreulich kann es auf keinen Fall sein.
Sieh, das ist unser Unglück, dass wir – Bewohner eines Freistaates – so weit gekommen sind, den Tod eines Alleinherrschers fürchten zu müssen; dass an Einem geist das Schicksal der Welt hängt, und in dem von Grund aus verderbten volk, das einst den ganzen Erdkreis durch seine Helden eroberte, durch seine Staatsmänner regierte, ein solcher Verlust unersetzlich ist. Sein Tod wird das künstliche Band zerreissen, womit er die zerfallenden Glieder des Riesenkörpers wider den Geist der Zeit und der Umstände gewaltsam zusammenhielt, und den Barbaren, die neidisch und gierig unsere Grenzen umlauern, scheue Ehrfurcht gebot. Trüb und düster liegt die Zukunft vor mir, die Gegenwart ist schaal, die Vergangenheit ohne Freuden; denn meine Kindheit und erste Jugend schwand unter feindlichen Umgebungen hin. Wo soll mein Geist sich hinwenden?
Phocion! Ich bin nicht glücklich, und mit unendlichem Schmerze fühle ich, dass die Quelle meines Unglücks nicht sowohl in der Welt um mich, sondern in nur selbst liegt. Tausende an meinem platz würden vergnügt sein, sind es wirklich. Ich trage Begriffe, Forderungen, Gestalten in meiner Brust, die nimmermehr zu dem passen, was um mich vorgeht. Ich bin in ewigem Kampfe mit der Wirklichkeit, und sie rächt sich nur zu bitter an dem, der ihre Freuden verschmäht. Und wie soll ich's ändern? Kann ich mich umgestalten? O warum ward mir nicht ein kleiner teil des holden Leichtsinns zum Loose, der die reizende Calpurnia so sanft über alle Unannehmlichkeiten des Lebens hinwegführt?
Dem trüben Geist, in quälenden Gedanken versunken, erscheint nur zuweilen ein einziges Bild aus der Nacht der Vergangenheit, das ihn sanft und freundlich anlächelt, dann schnell verschwindet, und den brennenden Schmerz in süsse Wehmut löset.
Als ich ein Kind war – lange ehe mein Vater mich deiner Leitung übergab – wohnte dicht an unserm haus Timantias, ein edler Nikomedier, der eine der ersten Würden im staat bekleidete. Mein Vater und er waren Freunde, wenigstens was man gewöhnlich so nennt, seine Kinder unsre Spielgefährten. Mich hielt ein schwächlicher Körperbau, das Erbteil einer früh verblichenen Mutter, und meine Gemütsstimmung von wildern Spielen ab, in denen meine früh verstorbenen Brüder mit Timantias Söhnen die Jugendkräfte freudig übten. Larissa, Timantias Tochter, blieb dann bei mir, ihr sanftes Gemüt fand Vergnügen darin, mich nicht zu verlassen. Wir spielten zusammen, oder sie beredete mit der unwiderstehlichen Macht der Güte die Uebrigen, ein Spiel ruhigerer Art zu wählen. So sorgte sie für mich, liebte mich, und erfüllte mein Herz mit süssen Empfindungen. Wir wuchsen heran, unsere Neigungen wuchsen mit uns. Da trat das Schicksal kalt und feindlich zwischen uns. Timantias wurde eines Verbrechens wegen angeklagt. Ob wirkliches Vergehen, oder feine grossen Reichtümer (eine mächtige Versuchung für den habsüchtigen Proconsul Sisenna Statilius) daran Ursache waren, ist nie bekannt worden. Er wurde in's gefängnis geworfen. Mein Vater brach allen Umgang mit der geächteten Familie ab. Ich und Larissa sahen uns nur verstohlen,