schön sie im Helm und Harnisch – ein zauberisches Mittelwesen zwischen Venus und Pallas war. Sie behielt ihren Anzug, sie mochte wohl, wissen, warum – übrigens blieb sie sich gleich, heiter, freundlich, anspruchslos, und schien den Sinn ihres bedeutungsvollen Schauspiels ganz vergessen zu haben. Ich konnte das nicht, und so war es mir lange nicht möglich, den Ton zu finden, in welchem ich mit diesem seltnen, gefährlichen und doch achtungswürdigen Wesen sprechen sollte. Eben fing ihre Unbefangenheit an, mir die meine wiederzugeben, als der Befehl des Augustus mich abrief – vielleicht sehr zur Zeit.
Noch diese Nacht reise ich ab, und werde Nikomedien so bald nicht wieder sehen. Ich denke, das muss ich – denn es ist nicht gut, in gewissen Umgebungen viel zu sein, wenn man beständig weder darin sein kann, noch will. Was in mir vorgeht, und welchen Eindruck die heutigen Scenen in mir hinterliessen, sollst du aus dem Lager hören.
Fussnoten
1 Ebenfalls geschichtlich, so wie die Folgen dieser Schlacht, Narses Verwundung, und der durch den Apharban geschlossene Frieden. 2 Jovianer und Herkulianer waren die Benennungen zweier illyrischen Legionen von geprüfter Treue, welchen Diocletian, um den Uebermut der Prätorianer zu mässigen, den Dienst der Leibwachen übertrug. 3 Die Häuser im Orient hatten, und haben noch grösstenteils platte Dächer, die in den kühlen Stunden zum Luftschöpfen und Spazierengehen dienen. 4 Rom hatte seine eigene Göttin, der unter diesem Namen Tempel erbaut wurden. Sie wurde verschieden abgebildet, unter andern aber auch mit einer Victoria in der Hand.
47. Calpurnia an Sulpicien.
Nikomedien, im August 302.
Ich habe einen höchst genussreichen schönen Tag durchlebt, meine liebe Sulpicia! und mein volles Herz drängt mich, meine Freude in den Busen meiner Freundin zu ergiessen. So herrlich der Tag war, so lieblich ist sein Abend – und ich habe, um ihn recht mit allen Sinnen zu geniessen, mir das Schreibgeräte auf das platte Dach unsers Hauses bringen lassen, das nach orientalischer Sitte mit Blumen und Orangenbäumen besetzt, einen Garten und recht angenehmen Spazierort für die kühleren Stunden anbietet. Hier sitze ich unter Düften und Blüten, weiche Lüfte umspielen mich, vor mir liegt die heilige Meeresflut unermesslich ausgebreitet, über die der letzte Sonnenstrahl feurig brennende Brücken zieht. Sie selbst glühend, wie vor Freude in den Erinnerungen des schönen Tages, dem sie leuchtete, sinkt hinter den Bergen von Europa hinab, deren dunkelblaue Riesengestalten sonderbar mit den hellen massen in Luft und Meer kontrastiren.
Um mich her ist ein freudiges Weben und Schwelgen in ruhigem Genusse. Käfer und Mücken tanzen im letzten Sonnenstrahl, oder wiegen sich in Blumensitzen die Nachbarn, und wiederholen in traulichem Geschwätz die Freuden des Tages; hier und dort tönt eine Leier, oder ein ferner Gesang durch die Stille. O meine Sulpicia! Warum bist du nicht hier, um das Alles mit zu geniessen! Ja es war ein schöner Tag für mich – für ganz Nikomedien, und du sollst Alles hören, um dich im Widerschein unsers Vergnügens zu freuen.
Schon gestern Abends verbreitete sich ein Gerücht von einem Siege, den Galerius über die Perser erfochten habe. In der Niedergeschlagenheit, die sich seit der letzten unglücklichen Schlacht der Gemüter bemächtigt hatte, war diese Neuigkeit sehr erwünscht, und wurde begierig, obwohl nicht ganz ohne Misstrauen ergriffen, weil wir leider schon öfters durch falsche Siegeshoffnungen waren getäuscht worden. Desto grösser war die Freude, als heute mit anbrechendem Tage, vom kaiserlichen Palaste aus, wohin der Tribun, der die Nachricht gebracht, vorläufige Botschaft gesandt hatte, sich die frohe Bestätigung durch die ganze Stadt verbreitete. Der Tribun bekam Befehl, öffentlich in die Stadt einzuziehen. Die Strassen waren mit einer unzählbaren Menschenmenge bedeckt, deren dumpfes Geräusch, wie des fernen Meeres, und ihr Hin- und Herfluten mich ergötzte. Ich war auf die Terrasse über unserm haus gegangen, wo ich jetzt schreibe, und sah dem Schauspiel vergnügt, aber ohne besondre Teilnahme zu. Auf einmal verkündigte ein lebhaftes Geschrei und Jauchzen, der Schall kriegerischer Instrumente und die heftigere Bewegung der Menschenmasse die Annäherung des Siegesboten. Alles schrie: Es lebe Diocletian! Es lebe Galerius! Es war ein Freudentumult, der auch mich unwillkührlich ergriff, mein Herz schneller schlagen, und Tränen der Freude in meinen Augen schwellen machte – es war mir, als sollte ich mitrufen: Es lebe der Kaiser! So ansteckend ist das Entzücken. Jetzt kam der Zug. Voraus ritt eine Schaar ganz gewaffneter und prächtig geschmückter Krieger, hinter ihnen, von Offizieren umgeben, der Tribun im Schmucke seines Ranges. Ich hatte schon vorher von meinen Sclavinnen gehört, dass er sich bei der Schlacht sehr ausgezeichnet, und von seiner Cohorte auf dem Schlachtfelde zum Tribun erwählt worden war; dies machte mich aufmerksamer auf ihn. Es war eine schlanke Gestalt, die sich mit Anstand gegen die grüssende Menge verneigte, aber je näher er kam, je sonderbarer ward mir zu Mute – ich glaubte bekannte Züge zu entdecken, und – stelle dir meine Ueberraschung, meine Freude vor – es war wirklich Agatokles. Als er an unser Haus kam, sah er sogleich empor. So einnehmend, so froh hatte ich ihn nie gesehen. Sein Gesicht glühte, seine Augen leuchteten vom freudigen Stolze, und doch war eine bescheidne Haltung in seinem Wesen, die den schimmernden Eindruck lieblich mässigte. Er grüsste mich sehr freundlich, ich beantwortete seinen Gruss mit so viel achtung und teilnehmender