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dem Geber nichts mehr gilt, als ein Sandkorn, das ihm unbewusst von dem aufgetürmten Haufen seiner Güter herabrollt!

Lucius Piso behandelte mich mit Liebe und achtung, er lud mich zu sich, ich nahm es gern an, denn ausser meinem Vater habe ich ja sonst Niemand mehr in Nikomedien, der an meinem Schicksal teil nimmt, dem ich Etwas binals sein Haus. Mein Vater empfing mich mit grosser aber prunkvoller Freude, und bedauerte nur, dass die kurze Zeit meines Aufentalts ihm nicht gestattete, die glänzendste Begebenheit seines Hauses durch ein fest zu feiern; doch nahm er sich vor, das Versäumte nächstens nachzuholen. Ich widersprach nicht, und bemühte mich in Allem, was er tat und sagte, nichts als die väterliche Liebe zu sehen, die seinen Aeusserungen zum grund lag, die nur die Farbe seines Charakters trug. Er war so vergnügt; wie hätte ich ihm widersprechen können? Er liebt mich, und ist das nicht das Beste, das Schönste, was der Mensch dem Menschen geben kann?

Der Proconsul kam mir schon im Atrium mit Calpurnien und seinem Sohne entgegen. In die herzliche Freundschaft ihres Betragens mischte sich eine zarte achtung, die, statt uns einander fremd zu machen, den Aeusserungen gegenseitiger Zuneigung einen höhern Reiz gab. Die Scheidewand, die Mann und Jüngling trennt, schien heute zwischen dem Vater und mir gesunken, Calpurniens Bruder behandelte mich mit achtungsvoller Freundschaft, und siehöchst sittsam, beinahe matronenmässig gekleidet, und in heiterer Gesprächigkeit gleich weit von Ansprüchen entfernt, schien mir ganz liebenswürdig. Ich war vergnügt, und kein Misston störte die stille Harmonie meiner Seele. Nach Tische entschlüpfte uns Calpurnia unbemerkt. In einer halben Stunde liess sie uns rufen. Eine junge Sclavin in Nymphentracht führte uns durch mehrere Gemächer und Gallerien bis in einen Saal des Hintergebäudes. Wir traten hinein, eine liebliche Dämmerung und süsse Düfte umfingen uns. Am Ende des Saales war eine Art Bühne, bloss durch blühende Orangenbäume und Blumengewinde gebildet, und auf eine wunderbare Weise durch Lampen erleuchtet, die selbst verborgen nur durch ihre zauberische wirkung bemerkbar wurden. Eine angenehme Musik ertönte, und Calpurnia in einem Anzuge, der die ganze Schönheit ihrer Gestalt zeigte, ohne dem strengsten Sittenrichter Anlass zum Tadel zu geben, schwebte, von Nymphen begleitet, als Venus Urania herein. In einem sinnreichen Tanz drückte sie die Gesinnungen aus, die ihr als dieser Göttin zukamen. Die Nymphen brachten ihr Lilien und Orangenblüten, sie wand weisse Kränze als Sinnbilder der Unschuld daraus. Mitten in diesen Beschäftigungen ertönte von fern und immer näher und näher dieselbe kriegerische Musik, die mich heute bei meinem Einzuge in die Stadt begleitet hatte, und in dem gleichen Augenblicke gaukelte eine Schaar Liebesgötter aus den Gebüschen hervor. Kränze von Rosen, die sie trugen, Köcher und Pfeile, Schalkheit und Mutwille charakterisirten sie als die Kinder der gewöhnlichen Cytere. unwillig empfing sie Urania. Sie bedeuteten ihr, was diese Musik anzeige, wer komme, und dass sie dem zug entgegen eilen wollten. Urania schien ihr Vorhaben zu missbilligen, sie zu warnen. Die Knaben eilten achtlos fort, aber nicht lange, so kamen siedie Kränze zerrissen, Pfeil und Bogen zerbrochen zurück, schienen Uranien zu klagen, wie übel sie empfangen worden waren, und entflohen endlich auf ihr strenges Geheiss. Jetzt sandte sie ihre Nymphen mit den weissen Blumenketten ab, sie entschwebten in einer lieblichen Gruppe, und Venus Urania drückte in einem pantomimischen Tanze ihre Erwartung und Ungeduld, wie diese Sendung aufgenommen werden würde, aus. Auch diese Mädchen kamen traurig zurück, sie hatten ihre Kränze noch unversehrt, aber sie drückten in ernsten mitleidigen Stellungen aus, dass auch ihre Geschenke keinen Eingang in ein traurendes Herz gefunden hatten. Gerührt und mitleidsvoll setzte nun die Göttin sich auf einen Rasensitz und schien nachzusinnen. Plötzlich sprang sie wie begeistert auf, winkte den Nymphen, enteilte mit ihnen, und indess die Musik des Marsches fortwährte, kam sie, jedes Zeichen der Venus Urania abgeworfen, geharnischt und behelmt, als Göttin Roma4 zurück. Die Victoria in der Rechten, einen Lorbeerkranz in der Linken haltend, und von ihren Nymphen begleitet, eilte sie gerade auf mich zu, und erhub die Hand, um mir den Kranz aufzusetzen. Ich war betroffen, gerührt, erschüttert, und indess eine wehmütige Erinnerung, durch die Pantomime der zurückkehrenden Nymphen erregt, mein Innerstes durchzuckte, schlang so viel schmeichelnde Güte, so viel herzliche achtung sich tröstend und milde um mein Herz. Aber ihren Kranz konnte nur die Eitelkeit annehmen. Ich wich zurück, ich wollte ihre Hand ergreifenda umringten mich die Begleiterinnen, und indem ein Chorgesang anfing, der mir sagte, dass nicht die Liebe, nicht die Freundschaft, nur das Vaterland mich lohnen können, und ich starr und wie bezaubert dastand, wand sie mit beiden schönen Armen mir das Lorbeerreis um's Haupt. Nun eilten Vater und Bruder auf mich zuder Chorgesang erhub sich lauter im Einklange mit der kriegerischen Musik, ich fühlte Tränen in meinen Augen, ein teures verklärtes Bild schwebte freundlich vor mir, und im Gedränge so viel gemischter Empfindungen gab ich mich willenlos dem schönen Eindruck hin, den das Ganze auf mich machte, und der mein Herz nicht verfehlen konnte. Calpurnia ergriff meine Hand, und führte mich an die tür, sie öffnete sich, wir standen im Garten, der im Abendschimmer duftend und glänzend vor uns lag. Jetzt erst beim Tageslichte sah ich, wie