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Jünglingen vorzubringen, und ergab sich nur, als er mich unerschütterlich und unempfindlich gegen Alles fand, was die Stadt über mich zu klatschen belieben würde. Dennoch gefiel mir diese sorge für meinen Ruf, die Freimütigkeit, mit der er sich äusserte, und mehr noch als vorhin fühlte ich mich, von diesem Augenblicke an, durch seine Begleitung geehrt, und vor jedem ungerechten Tadel geschützt. O wie liebenswürdig könnte er sein, wenn er minder vollkommen, minder überspannt sein möchte!

Wir reisten nach Syntium. Mich trugen meine Cappadocier3 in einer offenen Sänfte, meine gefährten ritten langsam neben mir. Es war ein lieblicher Frühlingsmorgen, die Gegend um uns freundlich, die Luft lau, der Himmel heiter, Alles zu Lust und Fröhlichkeit gestimmt. Scherz und lachen verkürzte die lange Zeit der Reise, sogar der ernste Freund widerstand nicht dem Zauber, der durch alle Sinne in sein Herz drang; er gab sich dem fröhlichen zug hin, der ihn mit fortriss; und so kamen wir Alle vergnügt und heiter in Syntium an. Ach, die schöne Stimmung verschwand bald! Sulpicia kam uns entgegen, ein Bild des geheimen Grams, in der kurzen Zeit um zehn Jahre gealtert. Nun ward mir auf einmal Vieles klar. Ich war kaum einige Tage in Nikomedien gewesen, als das Stadtgeschwätz mich von einigen neuen Liebesgeschichten des leichtsinnigen Tiridates unterrichtete, und zugleich mit lieblosem Spotte seines a b e n t e u e r l i c h e n Verhältnisses mit einer e n t l a u f e n e n römischen M a t r o n e erwähnte. Man wusste nicht, wie nahe mich das verhältnis anging, sonst würde man wohl vor mir geschwiegen haben. Hier fand ich die Bestätigung von dem, was ich früher nicht glauben wollte. Doch muss ich Tiridates die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er wenigstens in Sulpiciens Gegenwart keinem Tadel unterliegt. Er begegnet ihr mit der zartesten achtung, und der liebevollsten Aufmerksamkeit. Sie scheint auch vollkommen zufrieden, es entwischt ihr keine Klage, kein blick, der auf den wahren Zustand ihres Herzens schliessen liesse. Selbst als wir allein waren, und ich sie dringend befragte, gestand ihr Mund nichts, aber eine heftige Bewegung, ein leises Zittern, das ihren ganzen Körper ergriff, zeigte nur zu deutlich, wie sehr sie ihre Lage kennt und fühlt. Aber gestehen wird sie es nie, so kenne ich sie, und sich lieber in stillem Gram verzehren, als zugeben, dass ihr Schritt, mit Tiridates zu entfliehen, unüberlegt war.

Ich beklage sie herzlich, aber ich kann sie nicht ganz entschuldigen, eben so wenig, als ich ihn ganz verdammen kann. Sieh, lieber Lucius! ich bin billig, ich erkenne alle Eure Untugenden, Schwächen und Laster, aber die Wahrheitsliebe erlaubt mir nicht, alle Schuld auf die männlichen Schultern (die zwar von der natur eigentlich darum so stark gebaut scheinen) zu wälzen. Sulpiciens Liebe ist nicht die leichte heitere Flamme, die überall Leben und Freude verbreitet, jedes verhältnis verschönert, den gemeinsten Dingen Bedeutung, den entferntesten eine angenehme Beziehung gibt, in deren mildem Schein der Mann sein Leben froh verflattert, und sich selbst in sei- nen Entbehrungen glücklich fühlt. Ihre Liebe ist ein dunkel loderndes verzehrendes Feuer, das mit eifersüchtigem Stolz jedes Wort, jeden blick bewacht, aus Allem Gift saugt, und ohne Rücksicht dieselbe grenzenlose Hingebung, dieselbe gespannte Aufmerksamkeit fordert, die sie selbst leistet, und über die sie sich ein hochmütiges zeugnis gibt. Ach, Sulpicia kennt Euer Geschlecht nicht, und hört den Rat derjenigen nicht, deren Erfahrungen sie belehren könnten! Das Weib, das dem Geliebten die ganze Fülle ihrer Liebe zeigt, handelt höchst unklug; diejenige aber, die von ihm eine gleiche Stärke und innige Erwiederung fordert, zeigt, dass sie nicht die geringste Menschenkenntniss hat.

Tiridates ist jung, schön, beliebt und gesucht, tausend lockende Abenteuer, tausend üppige Gestalten winken ihm auf allen Seiten, und er soll die herkulische Kraft besitzen, dem Allem zu widerstehen, und aus diesen schimmernden Freudenkreisen freudig und ohne Rückblick in die arme seiner kränkelnden, verblühten, verstimmten Geliebten zu fliegen? Wahrlich, das ist zu viel von einem so gebrechlichen Wesen gefordert!

In wenig Tagen wird er zum Heere abgehen; denn der Feldzug ist schon eröffnet. Nun wird Sulpiciens Qual verdoppelt beginnen. Ich fürchte mich darauf, sie nach seinem Abschiede wieder zu sehen, wenn Entfernung, Ungewissheit und Furcht ihr ohnehin bewegtes Gemüt in noch heftigere Spannung bringen werden.

Auch Agatokles wird mit ihm Nikomedien verlassendann bin ich ganz einsam in der grossen menschenvollen Hauptstadt. Er eilt diesmal sehr fortzukommen, es ist, als brennte hier der Boden unter seinen Füssen. Nun wahrlich, von dem Fehler der Eitelkeit, wenn ich ihn je gehabt hätte, würde ich hier ganz geheilt werden müssen.

Schreibe mir bald und oft, lieber Bruder! Deine Briefe werden eine Liebe, eine höchst notwendige Abwechslung in das tödtende Einerlei bringen, in welchem mein Leben hier dumpf verschleicht. Wahrlich, wenn sich das nicht bald ändert, so werde ich meine ganze Munterkeit verlieren, und ein Gegenstück zu Sulpicien werden. lebe' wohl!

Fussnoten

1 Hesperien, ein Name von Italien. 2 In den ägyptischen Tempeln standen Symbole, die unter Tier- und Pflanzengestalten allerlei Andeutungen, und geheimnissvolle Lehren für die Eingeweihten entielten. Der Pöbel betete sie als Götter an. Die Diana von Ephesus, als